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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
293-294
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Gotthold Ephraim Messing.

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Falk. Die Frage ist allerdings verfänglich.

Ernst. Ein solcher Umstand muß doch eineUrsache haben?

Falk. Und hat sie.

Ernst, und hat sie? Und hat eine andereUrsache, als jene vermeinte?

Falk. Eine ganz andere.

Ernst. Soll ich rathen, oder darf ichfragen?

Falk. Wenn du mir schon eher eine ganzandere Frage gethan hättest, die ich längst er-warten mußte, so würde dir das Rathen nunnicht schwer fallen

Ernst. Eine andere Frage, die du längsthättest erwarten müssen? —

Falk. Denn, wenn ich dir sagte, daß das,was Freymaurerey ist, nicht immer Freymau-rere« geheißen, was war natürlicher und näher-

Ernst- Als zu fragen, wie es sonst ge-heißen ? — ja wohl! — So frage ich es dennnun.

Falk. Wie die Freymaurerey geheißen,ehe sie Freymaurerey hieß, fragst du? — Ma-soney. -

Ernst. Nun ja freilich! Llasour^ -ufEnglisch. -

Falk Auf Englisch nicht Uagonr)-, son-dern Naso»^. — Nicht von iUasou, der Mau-rer, sondern von »lass, der Tisch, die Tafel.

Ernst. Mass, der Tisch? in welcherSprache?

Falk. In der Sprache der Angelsachsen;doch nicht in dieser allein, sondern auch in derSprache der Gothen und Franken, folglich einursprünglich deutsches Wort, von welchem nochitzt so mancherley Abstammungen üblich sind,oder doch unlängst üblich waren, als: Mas-kopie, Masleidig, Masgenosse. SelbstMasoney war zu Luthers Zeiten noch häufigim Gebrauche; nur daß es seine gute Bedeu-tung ein wenig verschlimmert halte.

Ernst. Ich weiß weder von seiner guten,noch von seiner verschlimmerten Bedeutung.

Falk. Aber die Sitte unserer Vorfahrenweißt du doch, auch die wichtigsten Dinge amTische zu überlegen? - Mase also der Tisch,und Masoney eine geschlossene Tischgesellschaft.Und wie aus einer geschlossenen, vertrautenTischgesellschaft ein Saufgelag worden, in wel-chem Verstände Agrikola das Wort Masoneybraucht, kannst du leicht abnehmen.

Ernst- Wäre es dem Namen Loge voreiniger Zeit bald besser gegangen?

Falk. Vorher aber, ehe die Masoneyenzum Theil so ausarteten, und in der gutenMeinung des Publikums so herabkamen, stan-den sie in desto größerem Ansehen. Es war keinHof in Deutschland, weder klein noch groß, dernicht seine Masoney hatte. Die alten Lieder -und Geschichtsbücher sind davon Zeugen. EigeneGebäude, die mit den Schlössern und Palästender regierenden Herren verbunden oder benach-bart waren, hatten von ihnen ihre Benennung,von der man neuerer Zeit so manche ungegrün-dete Auslegung hat. - Und was brauche ichdir zu ihrem Ruhme mehr zu sagen, als daßdie Gesellschaft der runden Tafel die ersteund älteste Masoney war, von der sie insge-sammt abstammen?

Ernst. Der runden Tafel? das steigt inein sehr fabelhaftes Alterthum hinauf. —

Falk- Die Geschichte des Königs Arthursey so fabelhaft als sie will; die runde Ta-fel ist so fabelhaft nicht.

Ernst. Arthur soll doch der Stifter der-selben gewesen seyn.

Falk. Mit nichten! Auch nicht einmal derFabel nach. — Arthur, ,oder sein Vater, hattensie von den Angelsachsen angenommen, wieschon der Name Masoney vermuthen läßt. Undwas versteht sich mehr von selbst, als daß dieAngelsachsen keine Sitten nach England herüber-brachten, die sie in ihrem Vaterlande nicht zu-rückließen? Auch sieht man es an mehrerendeutschen Völkern damaliger Zeit, daß der Hang,in und neben der großen bürgerlichen Gesell-schaft, kleinere vertraute Gesellschaften zu ma-chen, ihnen eigen war.

Ernst. Hiermit meinest du? -

Falk. Alles, was ich dir jetzt nur flüchtigund vielleicht nicht mit der gehörigen Präcisionsage, mache ich mich anheischig, das nächstem«!,daß ich mich mit dir in der Stadt unter mei-nen Büchern befinde, schwarz auf weiß zu be-legen. - Höre mich jetzt nur, wie man daserste Gerücht irgend einer großen Begebenheithört. Es reizt die Neugierde mehr, als daß essie befriedigt.

Ernst. Wo bliebst du?

Falk. Die Masoney also war eine deutscheSitte, welche die Sachsen nach England ver-pflanzten. Die Gelehrten sind uneinig, wer dieMase-Thonas unter ihnen waren: allem An-sehen nach die Edlen der Masoney, welche sotiefe Wurzeln in diesem neuen Boden schlug,daß sie unter allen nachfolgenden Staatsverän-derungen beiblieb, und sich von Zeit zu Zeit inder herrlichsten Blüthe zeigte. Besonders warendie Masoneyen der * * ' im zwölften Jahrhun-dert und im dreizehnten in sehr großem Rufe.Und so eine *** Masoney war es, die sich,bis zu Ende des siebenzehnten Jahrhunderts,trotz der Aufhebung des Ordens, mitten in Lon-don erhalten hatte. — Und hier fängt die Zeitan, wo die Fingerzeige der niedergeschriebenenHistorie freylich ermangeln. Aber eine forgfaltigaufbewahrte Tradition, die so viel Merkmaleder Wahrheit hat, ist bereit, diesen Mangel zuersetzen.

Ernst. Und was hindert diese Tradition,endlich einmal durch schriftliche Vorzeigungensich zur Geschichte zu erheben?

Falk. Hindert? Nichts hindert! Allesräth vielmehr dazu an. - Wenigstens fühle ich,ich fühle mich berechtigt, ja verpflichtet, dirund Allen, welche sich mit dir in dem nehmli-chen Falle befinden, länger kein Geheimniß dar-aus zu machen.

Ernst. Nun denn! - Ich bin in deräußersten Erwartung.

Falk. Jene ''" Masoney also, die nochzu Ausgang des vorigen Jahrhunderts in Lon-don bestand, aber in aller Stille bestand, hatteihr Versammlungshaus unfern der Sauet Pauls-kirchc, die damals neu erbauet ward. Der Bau-meister dieser zweiten Kirche der ganzen Weltwar —

Ernst. Christoph Wrcn -

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