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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
295-296
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Gotthold Ephraim Messing.

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Falk. Und du hast den Schöpfer der gan-zen heutigen Freymaurerey genannt. —

Ernst. Ihn?

Falk. Kurz! Wren, der Baumeister derSanct Paulskirche, in deren Nähe sich eine ur- 5alte Masoney, von undenklichen Jahren her,versammlete, war ein Mitglied dieser Masoney,welche er die dreißig Jahre über, die der Baudauerte, um so öfterer besuchte.

Ernst. Ich fange an, ein Mißverständniß 10zu wittern.

Falk. Nichts anders! Die wahre Bedeu-tung des Works Masoney war bey dem engli-schen Volke vergessen, verlohnn. — Eine Uasonx,die in der Nähe eines so wichtigen Baues lag, 15in der sich der Meister dieses Baues so fleißigfinden ließ, was kann die anders seyn, als einelUasonrx, als eine Gesellschaft von Bauvcrstän-digen, mit welchen Wren die vorfallendenSchwierigkeiten überlegt? — 20

Ernst. Natürlich genug! -Falk. Die Fortsetzung eines solchen Baueseiner solchen Kirche interessirte ganz London.

Um Nachrichten davon aus der ersten Hand zuhaben, bewarb sich jeder, der einige Kenntnisse 25von Baukunst zu haben vermeinte, um Zutrittzu der vermeinten Masonry — und bewarb sichvergebens. Endlich - du kennst ChristophWren, nicht blos dem Namen nach, du weißt,welch ein erfindsamer, thätiger Kopf er war. 30Er hatte ehedem den Plan zu einer Societätder Wissenschaften entwerfen helfen, welchespekulativische Wahrheiten gemein-nütziger, und dem bürgerlichen Lebenersprießlicher machen sollte. Auf einmal 35

siel ihm das Gegenbild einer Gesellschaft bey,welche sich von derPraxis des kürzer-lichenLebens zu r S pe k u la tion erhöbe.„Dort," dachte er, „würde untersucht, wasunter dem Wahren brauchbar; und hier, wasunter dem Brauchbaren wahr wäre. Wie, wennich einige Grundsätze der Masoney eroterischmachte? Wie, wenn ich das, was sich nichteroterisch machen läßt, unter die Hieroglyphenund Symbole desselben Handwerkes versteckte,und was man jetzt unter dem Worte LIs8oor^versteht, zu einer lirvv-Llasonrx erweiterte, anwelcher Mehrere Theil nehmen könnten?" —So dachte Wren, und die Freymaurerey ward— Ernst! Wie ist dir?

Ernst. Wie einem Geblendeten.

Falk. Geht dir nun einiges Licht auf?

Ernst. Einiges? Zu viel aus einmal.

Falk. Begreifst du nun —

Ernst- Ich bitte dich, Freund, nichtsmehr i — Aber hast du nicht bald Verrichtungenin der Stadt?

Falk- Wünschest du mich da?

Ernst. Wünsche? — nachdem du mir ver-sprochen —

Falk So hab ich der Verrichtungen da-selbst genug — Roch einmal! ich werde michüber manches aus dem Gedächtnisse zu schwan-kend, zu unbefriedigend ausgedrückt haben —Unter meinen Büchern sollst du sehen und grei-fen — Die Sonne geht unter, du mußt in dieStadt. Lebe wohl! —

Ernst. Eine andere ging mir auf. Lebewohl!

Moses Mendelssohu.

Phädon oder über die Unsterblichkeit der Zeele.

Echekrates, Phävon, Apollodorus, Sokrates, Cebes, Krito, Simmias.

Erstes Gespräch. 55 trunken, und ist gestorben; nicht den geringste»

Umstand mehr.

Echekrates. Warst du selbst, mein Phä- Phädon. Nichts von seiner Verurtheilung?

t>on! denselben Tag beym Sokrates, als er im Echekrates. O ja, das hat uns jemand

Kerker den Gift zu sich nahm, oder hat es dir erzählet. Wir verwunderten uns noch, daßjemand erzählet? 60 man ihn, nachdem er bereits verurtheilet ge-

Phädon. Ich selbst, Echekrates! war da! , wesen, noch so lange hat leben lassen. Wie kamEchekrates. Was waren beizn des Man- dieses? Phädon!nes letzte Reden? wie verschied er? Ich Phädon. Ganz von ungefähr, o Eche-

inochte dieses so gern erzählen hören. Keiner krates! Es traf sich eben, daß das Schiff,von unsern Phliasischen Bürgern reiset itzt sehr 65 welches die Alhenienser jährlich nach Delos zuofte nach Athen, und auch von daher hat uns schicken pflegen, den Tag vor seiner Verurthei-schon lange niemand besucht, der uns dergleichen lung bekränzt wurde-

Nachrichten hätte überbringen können: So viel Echekrates. Und was ist das für ein

haben wir vernommen! Sokrates hat Gift ge- Schiff?