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Moses Mendelssohn.
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Phädon. Dasselbe, wie die Akheniensersagen, in welchem einst Lheseus die siebenPaar Kinder nach Kreta geführet, die er allda,sowohl als sich selbst, beym Leben erhalten hat.
Die Stadt soll, wie es heißt, dem Apollo da- 5mals das Gelübde gethan haben, wenn die.junge Leute leben bleiben würden, ihm jährlichin diesem Schiffe stattliche Geschenke nach Deloszu schicken, und seit der Zeit har man demGölte noch immer Wort gehalten. 10
Wenn das heilige Schiff abgehen soll, sobehänget der Priester des Apollo das Hinter-theil desselben mit Kränzen, und sofort nimmtdie Feyer der Theorie ihren Anfang. DiesesFest dauert so lange, bis das Schiff zu Delos 15angelangt, und von da wieder zurück gekommenist, binnen welcher Zeit die Stadt von allemBlutvergieffen rein gehalten wird, und nachdem Geseze niemand öffentlich hingerichtet wer-den darf. Wenn das Schiff von widrigen Win- 20den aufgehalten wird, so können die Verurtheil-ten hierdurch lange Frist gewinnen.
Der Zufall fügte es, wie ich schon vorhingesagt, daß die Bekränzung des Schiffes einenLag vorher geschah, ehe Sokrates verurtheilet 25worden, und darum verstrich eine so geraumeZeit zwischen seiner Verurtheilung und seinemTode.
Echekrates. Aber den letzten Tag, Phä-don! wie gieng es da? Was hat er gespro- 30chen? Was hat er gethan? Welche Freundewaren in der Todesstunde bey ihm? Oderwollten die Archonten niemanden zu ihm lassen?
Und verschied er, ohne einen Freund um sichzu haben? 35
Phädon. Keinesweges! es waren ihrerviele zugegen.
Echekrates. Entschließe dich immer, lieberPhädon! uns alles dieses umständlich zu er-zählen, wenn dich keine Geschäfte abhalten. 40
Phädon. Ich habe itzt Muse, und werdeeuch suchen Genüge zu leisten. Mir ist nichtsangenehmer, als meines Sokrates mich zu er-innern, von ihm zu reden oder reden zu hören.
Echekrates. Und deine Zuhörer, Phä- 45don! sind der nämlichen Gesinnung. Erzählealso alles, so genau und so umständlich, als esdir möglich ist.
Phädon. Ich war zugegen. Freund ! abermir war wunderbar zu Muthe. Ich fühlte kein 50Mitleiden, kein solches Beklemmen, als wir zuempfinden pflegen, wann ein Freund in unsernArmen erblasset. Der Mann schien mir glück-selig, beneidenswerlh, Echekrates! so sanft, soruhig war sein Betragen in der Todesstunde, 55so gelassen waren seine letzten Worte. SeinThun dünkte mich, nichr wie eines Menschen,der vor seiner Zeit zu den Schatten des Orkushinunter wandelt; sondern wie eines Unsterb-lichen, der versichert ist, da, wo er hinkömmt, 60so glückselig zu sein, als je einer gewesen. Wiekonnte ich also die bangen Empfindungen haben,mit welchen der Anblick eines gemeinen Ster-benden unser Gemürh zu verwunden pflegt? -
Gleichwohl hatten die philosophischen Unter- 65redungen unsers Lehrers damals die reine Wol-lust nicht, die wir an ihnen gewohnt waren.
Wir empfanden eine seltsame, nie gefühlte Mi-
schung von Lust und Bitterkeit; denn das Ver-gnügen ward beständig von der nagenden Em-pfindung unterbrochen: „Bald werden wirihn auf ewig verlieren."
Wir Anwesenden befanden uns alle in diesemsonderbaren Gemüthszustande, und die entgegengesetzten Wirkungen desselben zeigten sich garbald eben so sonderbar auf unsern Gesichtern.Man sah uns itzt lachen, itzt Thränen vergiessen,und öfters zeigte sich ein Lächeln um die Lip-pen , und Thränen in den Augen. Jedochübertraf Apollodorus hierinnen uns alle. Dukennest ihn, und sein weichmüthiges Wesen.
Echekrates. Wie sollte ich ihn nichtkennen?
Phädon. Dieser machte die seltsamstenBewegungen. Er empfand alles weit feuriger,war entzückt, wenn wir lächelten, und wo unsdie Augen wie bethauet waren, da schwamm erin Zähren. Wir wurden durch ihn fast mehrgerühret, als durch den Anblick unsers sterbendenFreundes.
Echekrates. Wer waren denn die An-wesenden alle?
Phädon. Von den hiesigen Stadtleuten:Apollodorus, Kritobulus und sein Vater Krito,Hermogenes, Epigenes, Aeschines, Antisthenes,Ktesippus, Menexenus und noch einige andere.Plato, glaube ich, war krank.
Echekrates. Waren auch Fremde da?
Phädon. Ja! aus Theben: Simmias,Cebes und Phädondes, und aus Megara: Eu-klides und Terpsion.
Echekrates. Wie? waren denn Aristippusund Kleombrotus nicht da?
Phädon. O nein! Diese sollen sich damalszu Aegine aufgehalten haben.
Echekrates. Sonst war wohl niemanddabey ?
Phädon. Ich weiß mich auf keinen mehrzu besinnen.
Echekrates. Nun, mein Lieber! was fürUnterredungen sind dabey vorgefallen?
Phädon. Ich werde dir alles vom Anfangebis zum Ende erzählen. '
Wir waren gewohnt, so lange Sokratesim Gefängnisse saß, ihn täglich zu h^su.ch^'Wir pflegten zu diesem Ende in der Gerichts-stube zusammen zu kommen, in welcher dasUrtheil über ihn gesprochen worden idenn dieseist sehr nahe am Gefängnisse), und allda unsso lange mit Gesprächen zu unterhalten, bisdie Kerkerthür aufgethan ward, welches dennnicht sehr früh zu geschehen pfleget. So balddiese ausgieng, begaben wir uns zum Sokrates,und brachten mehrentheils den ganzen Lag beyihill zu. Den letzten Morgen fanden wir unsfrüher als gewöhnlich ein, denn wir erfuhrenAbends vorher, als wir nach Hause giengen,daß das Schiff von Delos angekommen sey, und >beschlossen, das letztenmal uns so früh als mög-lich einzustellen.
Als wir zusammen waren, kam uns derSchlieffer, der die Kerkerthür zu öffnen pflegte,entgegen, bath uns, zu verziehen, und nichthinein zu gehen, bis er rufen würde- Denndie eilf Männer, sprach er, nehmen itzt demSokrates die Fessel ab, und melden ihm, daß