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Moscs Mendelssohn.
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Also kann die Natur weder ein Daseyn, nocheine Zernichtung zuwege bringen?
Richtig!
Daher gehet bey der Auflösung des thieri-schen Leibes nichts verloren. Die zerfallenenTheile fahren fort, zu seyn, zu wirken, zuleiden, zusammengesetzt und getrennt zu wer-den, bis sie sich durch unendliche Uebergänge inTheile eines andern Zusammengesetzten verwan-deln- Manches wird Staub, manches wird zurFeuchtigkeit, dieses steigt in die Lust, jenes gehtin eine Pflanze über, wandelt von der Pflanzein ein lebendiges Thier, und verläßt das Thier,um einem Wurme zur Nahrung zu dienen. Istdieses nicht der Erfahrung gemäß?
Vollkommen, mein Sokrates! antwortetenCebes und Simmias zugleich.
Wir sehen also, meine Freunde! daß Todund Leben, in so wert sie den Leib angehen, inder Natur nicht so getrennt sind, als sie inunsern Sinnen scheinen. Sie sind Glieder einerstätigen Reihe von Veränderungen, die durchstufenweise Uebergänge mit einander auf dasgenaueste verbunden sind. Es giebt keinenAugenblick, da man, nach aller Strenge, sagenkönnte: Jtzt stirbt das Thier; so wenigman, nach aller Strenge, sagen kann: Jtztward es krank, oder itzt ward es wiedergesund. Freylich müssen die Veränderungenunsern Sinnen, wie getrcnnet scheinen, da sieuns nicht eher, als nach einer geraumen Zwi-schenzeit, merkbar werden: aber genug, wirwissen, daß sie es in der That nicht seynkönnen.
Ich besinne mich jetzt aus ein Beyspiel, dasdiesen Satz erläutern wird. Unsere Augen, dieauf einen gewissen Erdstrich eingeschränkt sind,unterscheiden gar deutlich Morgen, Mittag,Abend und Mitternacht, und es ist uns, alswenn diese Zeitpunkte von den übrigen getrenntund abgesondert wären. Wer aber den ganzenErdboden betrachtet, erkennet gar deutlich, daßdie Umwälzungen von Tag und Nacht stetigan einander hängen, und also jeder Augenblickder Zeit Morgen und Abend, Mittag undMitternacht zugleich sey.
Homer bat nur, als Dichter, die Freyheit,seiner Götter Verrichtungen nach den Tages-zeiten einzutheilen: als ob jemanden, der nichtin einen engen Bezirk auf dem Erdboden > ein-geschränkt ist, die Tageszeiten noch wirklich ge-trennte Epochen wären, und es nicht vielmehrzu jeder Zeit so wohl Morgen als Abend wäre.Es ist den Dichtern erlaubt, den Schein für dieWahrheit zu nehmen: allein der Wahrheit zuFolge müßte Aurora mit ihren Rosensingernbeständig die Thore des Himmels offen halten,und ihren gelben Mantel unaufhörlich voneinem Orte zum andern schleppen, so wie dieGötter, wenn sie nur des Nachts schlafen wol-len, gar nicht oder beständig schlafen müssen.—
So lassen sich auch, im Gamen betrachtet,die Tage der Woche nicht unterscheiden-; denndas Stetige und Aneinanderhängendc läßt sichnur in der Einbildung, und nach den Vorspie-gelungen der Sinne, in bestimmte und abge-sonderte Theile zertrennen; der Verstand abersiehet gar wohl, daß man da nicht stehen blei-
ben muß, wo keine wirkliche Abtheilung ist. Istdieses deutlich? meine Freunde!
Gar sehr, erwiederte Simmias!
Mit dem Leben und Tode der Thiere undPflanzen verhält es sich gleichfalls nicht anders.In der Folge von Veränderungen, die dasselbeDing erlitten, fängt sich, nach dem Urtheileunserer Sinne, da eine Epoche an, wo unsdas Ding wirklich als Pflanze oder als Thierin die Sinne fällt, und dieses nennen wir dasAuskeimen der Pflanze, und die Geburt desThieres. Den zweyten Zeitpunkt, da, wo sichdie thierischen oder pflanzigten Bewegungen un-sern Sinnen entziehen, nennen wir den Tod;und den dritten, wann endlich die thierischenoder pflanzigten Formen verschwinden und un-scheinbar werden, nennen wir den Untergang,die Verwesung des Thieres oder der Pflanze.In der Natur aber sind alle diese Veränderun-gen Glieder einer ununterbrochenen Kette, all-mählige Auswickelungen und Einwickelungendesselben Dinges, das sich in unzählige Gestalteneinhüllet und entkleidet. Ist hieran noch irgendein Zweifel?
Im geringsten nicht, versetzte Cebes.
Wenn wir sagen, fuhr Sokrates fort, dieSeele stirbt, so müsse» wir eines von beidensetzen: Entweder alle ihre Kräfte und Vermö-gen, ihre Wirkungen und Leiden hören plötzlichaus, sie verschwindet gleichsam in einem Nu;oder sie leidet, wie der Leib, allmählige Ver-wandelungen, unzählige Umkleidungen, die ineiner stetigen Reihe fortgehen, und in dieserReihe giebt es eine Epoche, wo sie keine mensch-liche Seele mehr, sondern etwas anders gewor-den ist; so wie der Leib, nach unzähligen Ver-änderungen, aufhöret, ein menschlicher Leib zuseyn, und in Staub, Luft, Pflanze, oder auchin Theile eines andern Thieres verwandelt wird.Giebt es einen dritten Fall, wie die Seele ster-ben kann, einen Fall mehr, als plötzlich oderallmählig?
Nein, erwiederte Cebes. Diese Eintheilungerschöpft die Möglichkeit ganz.
Gut, sprach Sokrates. Die also noch zwei-feln, ob die Seele nicht sterblich seyn könnte,mögen wählen, ob sie besorgen, sie möchte plötz-lich verschwinden, oder nach und nach dasjenigeaufhören zu seyn, was sie war. Will Cebesnicht ihre Stelle vertreten, und diese Wahl übersich nehmen?
Die Frage ist, ob jene die Wahl ihres Sach-walters würden gelten lassen. Mein Rath wäre,wir überlegten beide Fälle; denn wenn sie aufmeine Wahl Verzicht thäten, und sich anderserklären sollten: so dürfte morgen niemand mehrda seyn, der sie widerlegen kann.
Mein lieber Cebes! versetzte Sokrates, Grie-chenland ist ein weitläuskiges Reich, und auchunter den Barbaren muß es viele geben, denendiese Untersuchung am Herzen liegt. — Doch essey! laßt uns beide Fälle untersuchen. Dererste war: Vielleicht vergehet die Seeleplötzlich, verschwindet in einem Nu.An und für sich ist diese Todesart möglich.Kann sie aber von der Natur hervorgebrachtwerden?
Keinesweges: wenn das wahr ist, was wir
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