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Moses Mendelssohn.
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vorhin zugegeben, daß die Natur keine Zer-nichtung hervorbringen könne.
Und haben wir dieses nicht mit Recht zu-gegeben ? fragte Sokrates. Zwischen Seyn undNicht seyn ist eine entsetzliche Kluft, die vonder allmählig wirkenden Natur der Dinge nichtübersprungen werden kann.
Ganz recht, versetzte Cebes. Wie aber, wennsie von einer übernatürlichen Macht, von einerGottheit, zernichtet würde?
O mein Theuerster! rief Sokrates aus, wieglücklich, wie wohl versorgt sind wir, wenn wirnichts als die unmittelbare Hand des ein-zigen Wunderthäters zu fürchten haben! Waswir besorgten, war, ob die Natur unsererSeele nicht an und für sich selbst sterblich sey:und diese Besorgniß suchen wir durch Gründezu vereiteln; ob aber Gott, der allgütige Schö-pfer und Erhalter der Dinge, sie durch einWunderwerk zernichten werde? — Nein, Ce-bes ! laß uns lieber befürchten, die Sonnewürde uns in Eis verwandeln, ehe wir vonder selbständigen Güte eine grundböse Handlung,die Aernichtung durch ein Wunderwerk,befürchten wollen.
Ich bedachte es nicht, sprach Cebes, daßmein Einwurf beynahe eine Lästerung sey.
Die eine Todesart, die plötzliche Zernichtung,schreckt uns also nicht mehr, fuhr Sokratesfort; denn sie ist der Natur unmöglich. Dochüberlegt auch folgendes, meine Freunde! Ge-setzt, sie wäre nicht unmöglich, so ist die Frage:wann? zu welcher Zeit, soll unsere Seele ver-schwinden? Vermuthlich zu der Zeit, da derKörper ihrer nicht mehr bedarf, in dem Augen-blicke des Todes?
Allem Ansehen nach.
Run haben wir aber gesehen, daß es keinenbestimmten Augenblick giebt, da man sagenkann, itzt stirbt das Thier. Die Auflösung derthierischen Maschine hat schon lange vorherihren Anfang genommen, ehe noch ihre Wir-kungen sichtbar geworden sind; denn es fehltniemals an solchen thierischen Bewegungen, dieder Erhaltung des Ganzen zuwider sind; nurdaß sie nach und nach zunehmen, bis endlichalle Bewegungen der Theile nicht mehr zueinem einzigen Endzwecke harmonircn, sonderneine jede ihren besondern Endzweck angenommenhat: und alsdann ist die Maschine aufgelöset.Dieses geschiehet so allmählig, in einer so steti-gen Ordnung, daß jeder Zustand eine gemein-schaftliche Grenze des vorhergehenden und nach-folgenden Zustandes, eine Wirkung des vorher-gehenden und eine Ursache des nachfolgendenZustandes zu nennen ist. Haben wir diesesnicht eingestanden?
Richtig!
Wenn also der Tod des Körpers auch derTod der Seele seyn soll: so muß es auch kei-nen Augenblick geben, da man sagen kann, itztverschwindet die Seele; sondern nach und nach,wie die Bewegungen in den Theilen der Ma-schine aufhören zu einem einzigen Endzwecke zuharmonircn, muß die Seele auch an Kraft undinnerer Wirksamkeit abnehmen. Scheinet es dirnicht also? mein Cebes!
Vollkommen!
Aber siehe! welche wunderbare Wendung
Kurz , Pros. L!t.
unsere Untersuchung genommen hat! Sie schei-net sich, wie ein Kunstwerk meines EltervatersDädalus, durch ein inneres Triebwerk von ihrervorigen Stelle weggerollt zu haben.
Wie so?
Wir haben angenommen, unsere Gegner be-sorgten , die Seele würde plötzlich zernichtetwerden, und wollten zusehen, ob diese Furchtgegründet sey, oder nicht. Wir haben daraufuntersucht, in welchem Augenblicke sie zernichtetwerden möchte; und diese Untersuchung selbstbrachte uns auf das Wiederspiel der Boraus-sezung, daß sie nehmlich nicht plötzlich vernich-tet werde, sondern allmählig an innerer Kraftund Wirksamkeit abnehme.
Desto besser, antwortete Cebes. So hat sichjene angenommene Meynung gleichsam selbstwiderlegt.
Wir haben also nur noch dieses zu unter-suchen, ob die innern Kräfte der Seele nicht soallmählig vergehen können, wie sich die Theileder Maschine trennen.
Richtig!
Lasset uns diese getreuen Gefährten, Leibund Seele, die auch den Tod mit einander ge-mein haben sollen, auf ihrer Reise verfolgen,um zu sehen, wo sie zuletzt bleiben. So langeder Körper gesund ist, so lange die mehrestenBewegungen der Maschine auf die Erhaltungund das Wohlseyn des Ganzen abzielen, dieWerkzeuge der Empfindung auch ihre gehörigeBeschaffenheit haben, so besitzt auch die Seeleihre völlige Kraft, empfindet, denket, liebet,verabscheuet, begreiffet und will. Richt?
Unstreitig!
Der Leib wird krank. Es äuffert sich einesichtbare Mißhelligkeit zwischen den Bewegun-gen, die in der Maschine vorgehen, indem ihrerviele nicht mehr zur Erhaltung des GanzenHarmoniken, sondern ganz besondere und strei-tende Endzwecke haben. Und die Seele?
Wie die Erfahrung lehret, wird sie indessenschwächer, empfindet unordentlich, denkt falschund handelt öfters wider ihren Dank.
Gut! Ich fahre fort. Der Leib stirbt: dasheißt, alle Bewegungen scheinen nunmehr nichtmehr auf das Leben und die Erhaltung desGanzen abzuzielen; aber innerlich mögen wohlnoch einige schwache Lebensbewegungen vorgehen,die der Seele noch einige dunkele Vorstellungenverschaffen: auf diese muß sich also die Kraftder Seele so lange einschränken. Nichr?
Allerdings!
Die Verwesung folgt. Die Theile, die bis-her -inen gemeinschaftlichen Endzweck gehabt,eine einzige Maschine ausgemacht haben, bekom-inen itzt ganz verschiedene Endzwecke, werdenzu mannigfaltigen Theilen ganz verschiedenerMaschinen. Und tue Seele? mein Cebes! wowollen wir die lassen? Ihre Maschine ist ver-weset. Die Theile, die noch von derselben übrigsind, sind nicht mehr ihre, und machen auchkein Ganzes aus, das beseelt werden könnte.Hier sind keine Gliedmaßen der Sinne, keineWerkzeuge des Gefühls mehr, durch deren Ver-mittelung sie irgend zu einer Empfindung ge-langen könnte. Soll also alles in ihr öde seyn?Sollen alle ihre Empfindungen und Gedanken,ihre Einbildungen, ihre Begierden und Verab-21
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