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Moses Mendelssohn.
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welchem wir uns des Vergangenen nicht erin- völlig überführt, und ich schien versichert, daßnern, und dessen wir uns auch in Zukunft nie ich sie niemals würde in Zweifel ziehen können;wieder besinnen. Sollte nun unsere Seele mit allein des Simmias Einwvrf macht mich wieder
der Trennung von dem Leibe in eine Art von zweifelhaft, und ich erinnere mich, daß ich vor-
Schlaf oder Hinbrüten versinken, und nie wie- 5 mals eben der Meynung gewesen, daß die Kraftder aufwachen, was hätten wir durch ihre zu denken eine Eigenschaft des Zusammengesetz-
Fortdauer gewonnen? Ein vernunfrloses Da- ten seyn, und ihren Grund in einer feinen
seyn ist von der Unsterblichkeit, die du hoffest, Organisation oder Harmonie der Theile habennoch weiter entfernt, als die Glückseligkeit der könne. Aber sage mir, lieber Phädon! wie hatThiere von der Glückseligkeit eines Gott erken- 10 Sokrates diese Einwürfe aufgenommen? wardnenden Geistes. Wenn das, was ihm nach dem er so verdrießlich darüber, als ihr, oder begeg-Tode wiederfähret, uns angehen, und schon hie- nete er ihnen mit seiner gewöhnlichen Sanft-nieden Furcht oder Hoffnung in uns erregen muth? und hat seine Antwort euch Genügesoll: so müssen wir selbst, die wir uns allhier gethan, oder nicht? Ich möchte dieses allesunser bewußt sind, noch in jenem Leben dieses 15 gern so umständlich als möglich von dir ver-Selbstgefühl behalten, und uns des Gegenwär- nehmen-
tigen erinnern können. Wir müssen das, was Phädon. Habe ich den Sokrates jemals
wir seyn werden, mit dem, was wir jetzt sind, bewundert, mein lieber Echekrates! so war esvergleichen, und darüber urtheilen können. Ja, gewiß bey dieser Gelegenheit. Daß er einewo ich dich recht verstanden, mein lieber So- 20 Widerlegung in Bereitschaft hatte, ist ebenkrates! so erwartest du nach dem Tode ein nichts unerwartetes von ihm. Was mir be-befferes Leben, eine grössere Erleuchtung des wundernswürdig schien, war erstlich die Güte,Verstandes, edlere und erhabnere Bewegungen Freundlichkeit und Sanftmuth, womit er dasdes Herzens, als dem beglücktesten Sterblichen Vernünfteln dieser jungen Leute aufgenommen;auf Erden zu Theil worden: worauf gründet 25 sodann wie schnell er gemerkt, was für Ein-sich diese schmeichelnde Hoffnung? Der Man- drücke die Einwürfe auf uns gemacht, wie ergel alles klaren Bewußtseyns ist für unsere uns zu Hülfe eilete, wie er uns gleichsam vonSeele, wenigstens für eine kurze Zeit, ein nicht der Flucht zurück rief, zur Gegenwehr aufmun-unmöglicher Zustand; hievon überzeugt uns terte, und selbst zum Streite anführte,
die tägliche Erfahrung. Wie, wenn ein solcher 30 Echekrates. Wie war dieses?nach dem Tode in Ewigkeit fortdauren sollte? Phädon. Das will ich dir erwählen. Ich
Zwar hast du uns vorhin gezeigt, daß alles saß ihm zur Rechten neben dem Bette, aufVeränderliche unaufhörlich verändert werden einem niedrigen Sessel, er aber etwas höher,müsse, und aus dieser Lehre leuchtet ein Stral als ich. Er ergriff mein Haupt, und streichelteder Hoffnung, daß meine Besorgniß ungegrün- 35 mir die Haare, die in den Nacken herunterdet sey. Denn, wenn die Reihe der Verände- hangen; wie er denn gewohnt war, zuweilen
rungen, die unserer Seele bevorstehen, ins Un- mit meinen Locken zu spielen: Morgen, sprach
endliche fortgehen, so ist höchst wahrscheinlich, er, Phädon! dürftest du wohl diese Locken aus
daß sie nicht bestimmt sey, in Ewigkeit fort zu das Grab eines Freundes streuen. Allem An-sinken, und von ihrer göttlichen Schönheit im- 40 sehen nach, erwiederte ich. O l thue es nicht,mer mehr und mehr zu verlieren; sondern daß versetzte er. Warum denn das? fragte ich.
sie sich, wenigstens mit der Zeit, auch erhebe» Noch heute, fuhr er fort, müssen wir beide
und die Stuffe wieder einnehmen werde, auf unser Haar abschneiden, wenn unser schöneswelcher sie schon in der Schöpfung gestanden, Lehrgebäude so dahin stirbt, und wir nicht imnehmlich eine Betrachterinn der Werke Gottes 45 Stande sind, es wieder aufzuwecken. Und wennzu seyn. Und mehr als einen hohen Grad der ich an deiner Stelle wäre, und man hätte mirWahrscheinlichkeit braucht es nicht, uns in der eine solche Lehre zu Grunde gerichtet: so würdeVermuthung zu bestärken, daß dem Tugend- ich, wie jener Argiver, ein Gelübde thun, nichthaften ein besseres Leben bevorstehet. Indessen, eher mein Haupthaar wieder wachsen zu lassen,mein lieber Sokrates! wünsche ich auch diesen 50 bis ich des Simmias und Eebes GegengründePunkt von dir berühret zu sehen, weil ich weiß, besiegt hätte. Man pflegt zu sagen, sprach ich:
daß alle Worte, die du heute sprichst, sich tief Herkules selbst richtet wider zween
in meine Seele eingraben, und von unauslösch- nichts aus. So rufe denn, weil es noch helle
lichem Andenken seyn werden. ist, mich deinen Jolaus, zu Hülfe, versetzte er.
Wir hörten alle aufmerksam zu, und wie 55 Gut! sprach ich, ich will dich zu Hülfe rufen;wir uns nachher gestanden, nicht ohne Unwil- aber nicht wie Herkules seinen Jolaus, sondern
len, daß man uns eine Lehre zweifelbafl und wie Jolaus den Herkules. Das thut nichts zur
ungewiß machte, von welcher wir so sehr über- Sache, erwiederte er. Vor allen Dingen müs
zeugt zu seyn glaubten. Nicht nur diese Lehre, sen wir uns vor einem gewissen Fehltritte in
sondern alles, was wir wußten und glaubten, 60 acht nehmen. Vor welchem? fragte ich. Daßschien uns damals ungewiß und schwankend zu wir nicht Bernunfthasser werden; sprach
werden, da wir sahen, daß entweder wir die er, so wie gewisse Leute Menschenhasser
Gabe nicht besitzen, Wahrheit von Irrthum zu werden. Kein gröseres Unglück könnte uns
unterscheiden, oder daß sie an und für sich selbst wiedcrfahren! — Der Vernunfthaß und der
nicht zu unterscheiden seyn müßten, 65 Menschenhaß pflegen auf eine ähnliche Weise
Echekrates. Mich wundert es nicht, mein zu entstehen-- Der Menschenhaß nehmlich ent-
lieber Phädon! daß ihr so dachtet: mir selbst stehet insgemein, wenn Inan Anfangs ein blin-
ward, indem ich dir zuhörte, nicht anders zu des Vertrauen in Jemanden sezet, und ihn in
Muthe. Die Gründe des Sokrates hatten mich allen Stücken für einen getreuen, aufrichtigen,