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Moses Mendelssohn.
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und rechtschaffenen Menschen hält, sodann abererfahret, daß er weder aufrichtig noch recht-schaffen sey; besonders wenn uns dieses zuwiederholten malen, und so gar in Ansehungderer begegnet, die wir für unsere besten undvertrautesten Freunde gehalten. Alsdann wirdman misvergnügt, wirft seinen Haß aus alleMenschen ohne Unterschied, und trauet Nie-manden mehr die mindeste Rechlschaffenheik zu.Hast du nicht bemerkt, daß es also zu gehenpflegt? Sehr oft, antwortete ich. Ist diesesaber nicht schändlich? und heißt es nicht, ohnedie geringste Einsicht in die menschliche Natur,von der menschlichen Gesellschaft Nutzen habenwollen? Wer nicht ganz ohne Nachdenken ist,findet hierin» gar leicht die Mittelstrase, die inder That auch die Wahrheit für sich hat. Dervollkommen guten oder bösen Menschen sind nursehr wenige. Die mehresten halten ungefähr dasMittel zwischen beyden Grenze» : — Wie sagstdu? fragte ich. — So wie etwa, sprach er, inAnsehung der Größten und Kleinsten, oder derübrigen Eigenschaften. Was ist seltener, alsein Mensch, Hund oder anderes Geschöpf, dassehr groß oder sehr klein, sehr schnell odersehr langsam, außerordentlich schön, häßlich,schwarz, weiß, u. s. w. sey? Und hast du nichtauch bemerkt, daß in allen diesen Dingen dasAeusserste an beiden Seiten wenig und selten,das Mittelmäßige hingegen am allerhäufigstenangetroffen wird? Mich dünkt es, sprach ich.Meynest du nicht, versetzte er, wenn auf dieäusserste Nichtswürdigkeit ein Preis gesetzt würde,daß sehr wenige Menschen denselben verdienenwürden? Wahrscheinlicher Weise, antworteteich. Höchst wahrscheinlicher Weise, fuhr er fort.Jedoch in diesem Puncte findet sich zwischender Vernunft und zwischen dem menschlichenGeschlechte vielmehr eine Unähnlichkeit, als eineAehnlichkeit: und ich bin durch deine Fragenauf diesen Abweg verleitet worden. Die Aehn-lichkeil ist aber alsdann zu sehen, wann Je-mand, ohne gehörige Untersuchung, und ohneEinsicht in die Natur der menschlichen Vernunft,irgend einen Schluß für wahr und bindig hält,und kurz darauf ihn wiederum' unwahr zu fin-den glaubt, er möchte es nun an und für sichselbst seyn, oder nicht: — vornehmlich wenndieses, so wie vorhin in Ansehung der Freund-schaft, sich öfters zugetragen. Alsdann ergehetes ihm, wie jenen berüchtigten Tausendkünst-lern, die so lange, was man nur will, ver-fechten und widerlegen, bis sie sich einbilden,die Weisesten unter den Sterblichen, ja dieeinzigen zu seyn, die da wahrgenommen,'daßdie Vernunft, so wie alle übrige» Dinge aufErden, nichts Sicheres und Zuverläßiges habe;sondern daß alles, wie auf dem Euripus, imMeerstrudel auf und nieder schwanke, und kei-nen Augenblick an seiner vorigen Stelle bleibe.Es ist wahr, sagte ich. Wie aber, mein lieberPhädon! fuhr er fort: gesetzt, die Wahrheitsey an und für sich nicht nur zuverläßig und un-veränderlich, sondern auch dem Menschen nichtganz unerforschlich; und es liesse sich jemandvon dergleichen Vorspiegelungen von Gründenund Gegengründen, die sich einander aufheben,dahin verleiten, daß er nicht sich und seiner.Unfähigkeit die Schuld gäbe, sondern aus Un-
willen sie lieber der Vernunft selbst zur Lastlegte, und die übrige Zeit seines Lebens alleVernunftgründe hassete und verabscheute, alleWahrheit und alle Erkenntniß ferne von sichseyn liesse,: wäre das Unglück dieses Menschennicht bejammernswerth? Beym Jupiter! ant-wortete ich, sehr bejammernswerth. Wir müs-sen also fürs erste diesen Irrthum zu vermei-den und uns zu überzeugen suchen, daß nichtdie Wahrheit selbst ungewiß und schwankend,sondern unser Verstand öfters zu schwach sey,dieselbe feste zu halten, und sich ihrer zu be-mustern ; damit wir unsere Kräfte und unsernMuth verdoppeln und immer neue Angriffewagen müssen. Wir alle sind dazu verpflichtet,meine Freunde! Ihr des bevorstehenden Lebens,und ich des Todes halber; ja, ,ch habe sogareinen Beweggrund dazu, der ziemlich, nach ge-meiner unwissender Leute Denkungsart, mehrrechtsüchtig, als wahrliebend scheinen dürfte.Wenn diese etwas Zweifelhaftes zu untersuchenhaben, so bekümmern sie sich wenig, wie dieSache an sich selber beschaffen sey, wenn sienur Recht und ihre Meynungen von den An-wesenden Beyfall erhalten. Ich werde von die-sen Leuten nur in einem Puncte unterschiedenseyn. Denn daß ich die Anwesenden von mei-ner Meynung überführe, ist bey mir nur eineNebenabsicht; meine vornehmste Sorge gehetdahin, mich selbst zu bereden, daß sie derWahrheit gemäß sey, weil ich gar zu grosenVortheil dabey finde. Denn siehe, liebsterFreund! ich mache folgenden Schluß: Ist dieLehre, die ich vortrage, gegründet, so thue ichwohl, daß ich mich davon überzeuge; ist aberden Verstorbenen keine Hoffnung mehr übrig,so gewinne ich wenigstens dieses', daß ich mei-nen Freunden noch vor meinem Tode nichtdurch Klagen beschwerlich falle. Ich ergötzemich zuweilen an dem Gedanken, daß alles,was dem gesammten menschlichen Geschlechtewirklichen Trost und Vortheil bringen würde,wenn es wahr wäre, schon deswegen sehr vielWahrscheinlichkeit für sich habe, daß es wahrsey. Wenn die Zweifclsüchtigen wider die Lehrevon Gott und der Tugend vorwendcn, sie seyeine bloss politische Erfindung, die zum Be-sten der menschlichen Gesellschaft erdacht wor-den : so möchte ich ihnen allezeit zurufen: O!meine Freunde! erdenket einen Lehrbegriff, wel-cher der menschlichen Gesellschaft so unentbehr-lich ist, und ich wette, daß er wahr sey. Dasmenschliche Geschlecht ist zur Geselligkeit so wiejedes Glied zur Glückseligkeit berufen ' Alleswas auf eine allgemeine, sichere und beständigeWeise zu diesem Endzwecke führen kann ist un-streitig von dem weisesten Urheber aller Dingeals ein Mtkel gewählt, und hervorgebrachtworden. Diese schmeichelhafte Vorstellungenhaben ungemein viel tröstliches, und zeigen unsdas Verhältniß zwischen dem Schöpfer und demMenschen in dem erquickendsten Lichte: daherÄ ^ sehr wünsche, als mich vön derWahrheit derselben zu überzeugen. Jedoch, eswäre nicht gut, wenn meine Unwissenheit hier-über noch lange dauren sollte. Rein! ichwerde bald davon bcfreyet werden. — In dieserVerfassung, Simmias und Cebes! wende ichmich zu euren Einwürfen. Ihr, meine Freunde!
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