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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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335-336
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Moses Mendelssohn.

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wenn ihr meinem Rathe folgen wollet, sosehet mehr auf die Wahrheit, als auf den Sa-krales. Findet ihr, daß ich der Wahrheit ge-treu bleibe, so gebet mir Beyfall; wo nicht, sowidersetzet euch ohne die geringste Nachsicht:damit ich nicht, aus gar zu guter Meynung,euch und mich selbst hintergehe, und wie eineBiene, die ihren Stachel zurück läßt, von euchscheide. —

Wohlan, meine Freunde! merket auf, underinnere mich, wo ich etwas von euren Grün-den auslasten, oder unrichtig vortragen würde.Simmias räumet ein, daß unser Denkungs-vermögen entweder für sich geschaffen seyn, oderdurch die Zusammensezung und Bildung desKörpers hervorgebracht werden muß: Nicht?

— Richtig! — In dem ersten Falle, wenndie Seele nehmlich als" ein für sich geschaffenesunkörperliches Ding zu betrachten ist, billigeter ferner die Reihe von Vernunftschlüffen,durch welche wir bewiesen, daß sie nicht mitdem Körper aufhören, durchaus nicht andersvergehen könne, als durch den allmächtigenWink ihres Urhebers. Wird dieses noch zu-gegeben, oder stehet unter euch jemand nochan? — Wir stimmten alle willig ein- — Unddaß dieser allgütigc Urheber kein Werk seinerHände jemals zernichte: so viel ich mich erin-nere, hat auch hieran Niemand gezweifelt. -Niemand. — Aber dieses befürchtet Simmias:Vielleicht ist unser Vermögen zu empfinden undzu denken kein für sich erschaffenes Wesen; son-dern, wie die Harmonie, wie die Gesundheit,oder wie das Leben der Pflanzen und derThiere, die Eigenschaft eines künstlich gebildetenKörpers: war es nicht dieses, was du besorg-test ? — Eben dieses, mein Sokrates! — Wirwollen sehen, sprach er, ob dasjenige, waswir von unserer Seele wissen, und, so oft wirwollen, erfahre» können, nicht deine Besorgnißunmöglich machet. Was geschiehet bey derkünstlichsten Bildung oder Zusammensezung derDinge? werden da nicht gewisse Dinge näherzusammengebracht. die vorhin von einanderentfernet waren? — Allerdings! — Sie sindvorhin mit andern in Verbindung gewesen, undnunmehr werden sie unter sich verbunden, undmachen die Bestandtheile des Ganzen aus, daswir ein Zusammengesetztes nennen. — Gut!

— Durch diese Verbindung der Theile entsteheterstlich in der Art und Weise, wie diese Bestand-theile neben einander sind, eine gewisse Ordnung,die mehr oder weniger vollkommen ist. — Rich-tig ! — Sodann werden auch die Kräfte undWirksamkeiten der Bestandtheile durch die Zu-sammensezung mehr oder weniger verwandelt,nachdem sie durch Wirkung und Gegenwirkungbald gehemmet, bald befördert, und bald inihrer Richtung verändert werden. Richt? — Esscheinet. — Der Urheber einer solchen Zusam-mensezung siehet bald einzig und allein auf dasNebeneinanderseyn der Theile: z. B. bey derWohlzereimtheit und dem Ebenmaas in derBaukunst, wo nichts als diese Ordnung desNebencinanderseyenden in Betrachtung kömmt;bald hingegen gehet seine Absicht auf die ver-änderte Wirksamkeit der Bestandtheile, und diedaraus erfolgte Kraft des Zusammengesetzten,wie bey einigen Triebwerken und Maschinen;

ja es giebt dergleichen, wo man deutlich siehet,daß der Künstler sein Absehen auf beides, aufdie Ordnung der Theile und auf die Abänderungihrer Wirksamkeit, zugleich gerichtet hat. - Dermenschliche Künstler, sprach Simmias, vielleichtetwas selten, aber der Urheber der Natur schei-net diese Absichten allezeit auf das allervoll-kommenste verbunden zu haben. — Vortrefflich,versetzte Sokrates; jedoch ich verfolge diese Ne-benbetrachtung nicht weiter. Sage mir nurdieses, mein Simmias! kann durch die Zusam-mensezung eine Kraft im Ganzen entstehen, dienicht in der Wirksamkeit der Bestandtheile ihrenGrund hat? — Wie meynst du? mein Sokra-tes! — Wenn alle Theile der Materie, ohneWirkung und Widerstand, in einer todten Ruheneben einander lägen, würde die künstlichsteOrdnung und Versezung derselben, im Ganzenirgend eine Bewegung, einen Widerstand, über-haupt eine Kraft hervorbringen können? — Esscheinet nicht, antwortete Simmias; aus un-wirksamen Theilen kann wohl kein wirksamesGanzes zusammengesetzt werden. - Gut! spracher, wir können diesen Grundsatz also annehmen.Allein wir bemerken gleichwohl, daß in demGanzen Uebereinstimmung und Ebenmaas an-getroffen werden kann, obgleich jeder Bestand-theil für sich weder Harmonie, noch Ebenmaashat: wie gehet dieses zu? Kein einzelner Lautist harmonisch: und gleichwohl machen viele zu-sammen eine Harmonie aus. Ein wohlgeord-netes Gebäude kann aus Steinen bestehen, dieweder Ebenmaas noch Regelmäßigkeit haben.Warum kann ich hier aus unharmonischen Thei-len ein harmonisches Ganzes, aus regellosenTheilen ein höchst regelmäßiges Ganzes zusam-mensezen? — O! dieser Unterschied ist handgreif-lich, versetzte Simmias, Ebenmaas, Harmonie,Regelmäßigkeit, Ordnung, u. s. w. können, ohneMannigfaltigkeit, nicht gedacht werden : dennsie bedeuten das Verhältniß verschiedener Ein-drücke, wie sie sich uns, zusammengenommen,und in Äergleichung gegen einander, darstellen.Es gehört also zu diesen Begriffen ein Zusam-mennehmen, eine Vergleichung mannigfaltigerEindrücke, die zusammen ein Ganzes ausmachen,und sie können daher den einzelnen Theilen un-möglich zukommen. — Fahre fort, mein lieberSimmias! rief Sokrates mit einem innernWohlgefallen über die Scharfsinnigkcit seinesFreundes; sage uns auch dieses: Wenn jedereinzelne Laut nicht einen Eindruck in das Ge-hör machen sollte, würde aus vielen wohl eineHarmonie entstehen können? — Unmöglich!So auch mit dem Ebenmasse: Jeder Theil mußin das Auge wirken, wenn aus vielen das,was wir Ebenmaas nennen, entstehen soll. —Nothwendiger Weise. — Wir sehen also auchhier, daß im Ganzen keine Wirksamkeit ent-stehen kann, wovon der Grund nicht in denBestandtheilen anzutreffen, und daß alles übrige,was aus den Eigenschaften der Elemente undBestandtheile nicht fließt, wie die Ordnung,Symmetrie, u. s. w. einzig und allein in derArt der Zusammensezung zu suchen sey. Sindwir von diesem Satze überzeugt? meine Freunde!— Vollkommen. — Es kömmt also bey jeder,auch der allcrkünstlichsten Zusammensezung derDinge, zweyerley zu betrachten vor: erstlich,

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