Moses Mendelssohn.
340
seyn sollte: dieses haben wir, ohne weder derAllmacht noch der Weisheit Gottes zu nahe zutreten, als unmöglich verworfen. Aber vielleichtist dieses denkende Vermögen eine von den Thä-tigkeiten des Zusammengesetzten, wie die Kraftder Bewegung, der Ausdehnung, des Zusam-menhängens u. s. w., die von der Lage und Bil-dung der Theile wesentlich unterschieden, unddennoch nirgend anders, als im Zusammenge-setzten, anzutreffen sind? Ist dixscs nicht dereinzige Ueberrest des Zweifels, den wir bestrei-len? mein werther Simmias! — Richtig! —Wir wollen also diesen Fall sezen, fuhr Sakra-les fort, und annehmen, unsere Seele sey eineWirksamkeit des Zusammengesetzten. Wirhaben gefunden, daß alle Wirksamkeiten desZusammengesetzten aus den Kräften der Bestand-theile fliesten müssen: werden also, nach un-serer Voraussezung, die Bestandtheile des den-kenden Körpers nicht Kräfte haben müssen, ausdenen im Zusammengesetzten das Vermögen zudenken resultiret? — Allerdings! — Aber dieKräfte dieser Bestandtheile, von welcher Naturund Beschaffenheit wollen wir sie annehmen?sollen sie der denkenden Thätigkeit ähnlich oderunähnlich seyn? — Diese Frage begreiffe ichnicht recht, war Simmias Antwort. — Eineeinzelne Sylbe, sprach Sakrales, hat mit derganzen Rede dieses gemein, daß sie vernehmlichist; aber die ganze Rede hat einen Verstand,die Sylbe keinen: Nicht? - Richtig! — In-dem also nur jede Sylbe ein zwar vernehm-liches, aber verstandleeres Gefühl erregt, soentspringet aus ihrem Inbegriffe dennoch einverständiger Sinn, der auf unsere Seele wirkt.Allhier entspringet die Wirksamkeit des Ganzenaus den Kräfte» der Theile, die ihnen unähn-lich sind. — Dieses läßt sich begreiffen. — InAnsehung der Harmonie, Ordnung und Schön-heit haben wir ein gleiches wahrgenommen.Das Woklgefallen, das sie in der Seele wirken,entspringet aus den Eindrücken der Bestand-theile , deren jeder weder Wohlgefallen nochMißfalle» erregen kann. - Gut! - Abermalsein Beyspiel, daß die Thätigkeit des Ganzen ausKräften der Bestandtheile, die ihnen unähnlichsind, entspringen könne. — Ich gebe es zu. —Ich weiß nicht, ob ich nicht vielleicht zu weitgehe, mein Freund! aber ich stelle mir vor,alle Thätigkeiten körperlicher Dinge können aussolchen Kräften des Urstoffcs entspringen, dieihnen ganz unähnlich sind. Die Farbe z. B. kannvielleicht in solche Eindrücke aufgelöset werden,die nichts gefärbtes haben, und die Bewegungselbst entspringet vielleicht aus ursprünglichenKräften, die nichts weniger als Bewegung sind.^ Dieses würde einen Beweis erfordern, sprachSimmias. - Es ist aber vorsetzt nicht nöthig,daß wir uns hierbey aufhalten, sprach jener;es ist genug, daß ich durch Beyspiele erläutert,was ich unter den Worten verstehe: die Wirk-samkeit des Ganzen könne aus Kräften derBestandtheile, die ihnen unähnlich sind, ent-springen. Ist dieses nunmchro deutlich? —Vollkommen! Nach unserer Voraussezungalso würden die Kräfte der Bestandtheile ent-weder selbst Vorstellungskräfte, und also derKraft des Ganzen, die aus ihnen entspringensoll, ähnlich, oder von einer ganz andern Be-
schaffenheit, und daher unähnlich seyn. Giebtes ein Drittes? — Unmöglich! — Antwortemir aber auch auf dieses, mein Lieber! Wennaus einfachen Kräften eine von ihnen verschie-5 dene Kraft im Zusammengesetzten entspringensoll, wo kann diese neuentstandene Kraft anzu-treffen seyn ? Ausser dem denkenden Wesen sinddie Kräfte des Ganzen nichts anders, als dieeinzelnen Kräfte der einfachen Bestandtheile, wie10 sie sich durch Wirkungen und Gegenwirkungeneinander abändern, und einschränken. Nunkann durch Wirkung und Gegenwirkung keineKraft entspringen, die diesen Wirkungs- undGegenwirkungskräften unähnlich sey. Wenn wir15 also etwas Unähnliches im Ganzen erhaltenwollen, so müssen wir abermals unsere Zu-flucht zu dem denkenden Wesen nehmen, dasdie Kräfte in Verbindung und zusammengenomtmen sich anders vorstellet, als sie dieselben ein-20 zeln und ohne Verbindung denken würde. EinBeyspiel hievon siehet man, ausser der Harmo-nie, auch an den Farben Bringet zwo ver-schiedene Farben in einen so kleinen Raum zu-sammen, daß sie das Auge nicht unterscheiden25 kann: so werde» sie ausser uns noch immergetrennet, und eine jede für sich bleiben; aberunsere Empfindung, wird sich gleichwohl ausdenselben eine Dritte zusammcnsezen, die mitjenen nichts gemein hat. Eine ähnliche Be-30 schaffenheit hat es mit dem Geschmack, und,wo ich nicht irre, mit allen unsern Fühlungenund Empfindungen überhaupt. Sie könnendurch die Zusammensezung und Verbindungzwar an und für sich nicht anders werden, als35 sie einzeln sind; wohl aber dem denkenden We-sen , das sie nicht deutlich auseinander sezenkann, anders scheinen, als sie ohne Verbindungscheinen würden. — Dieses kann zugegebenwerden, sprach Simmias. — Kann also das40 denkende Wesen seinen Ursprung in einfachenKräften haben, die nicht denkend sind? —Unmöglich! da wir vorhin gesehen, daß dasVermögen zu denken in keinem Ganzen, dasaus vielen bestehet, seinen Ursprung haben45 könne. — Ganz recht! erwiederte Sakrales: dasZusammennehmen der einfachen Kräfte, auswelchen eine unähnliche Kraft des Zusammen-gesetzten entspringen soll. fezet ein denkendesWesen zum voraus, dem sie in Verbindung50 anders scheinen, als sie sind; daher kann ausdiesem Zusammennehmen, aus dieser Verbin-dung unmöglich das denkende Wesen entspringen.Wenn also das Empfinden und Denken, miteinem Worte, das Vorstellen eine Kraft des55 Zusammengesetzten seyn soll: müssen die Kräfteder Bestandtheile nicht der Kraft des Ganzenähnlich und folglich gleichfalls Vorstellungskräfteseyn? — Wie wäre es anders möglich, nachdemes kein Drittes geben kann? - und die Theile60 dieser Bestandtheile, so weit nur immer dieTheilbarkeit reichen kann, müssen diese nichtauch dergleichen Vorstellungskhätigkeiten haben?— Unstreitig! da jeder Bestandtheil wieder einGanzes ist, das aus kleinern Theilen bestehet,65 und unsre Vcrnunftschlüsse so lange fortgesezetwerden können, bis wir auf Grundtheile kom-men , die einfach sind und nicht aus vielen be-stehen. — Sage mir, mein lieber Simmias!finden wir nicht in unsrer Seele eine fast