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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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341-342
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Moses Mendelssohn.

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unendliche Menge von Begriffen, Erkenntnissen,Neigungen, Leidenschaften, die uns unaufhörlichbeschäftigen? — Allerdings! — Wo wären diesein den Theilen anzutreffen? Entweder zer-streuet, einige in diesem, andere in jenem, ohnejemals wiederholt zu werden; oder es giebtwenigstens ein einziges unter ihnen, das allediese Erkenntnisse, Begierden und Abneigungen,so viel ihrer in unsrer Seele anzutreffen, ver-einiget und in sich fasset. — Nothwendig einesvon beiden, gab Simmias zur Antwort, undwie mich dünkt, dürste der erste Fall unmöglichseyn: denn alle Vorstellungen und Neigungenunsers Geistes sind so innerlich verknüpft undvereiniget, daß sie nothwendig auch irgendwo»»zertrennt zugegen seyn müssen. — Du eilstmir mit starken Schritten entgegen, mein lieberSimmias! Wir würden weder uns erinnern,noch überlegen, noch vergleichen, noch denkenkönnen, ja wir würden nicht einmal die Personseyn, die wir vor einem Augenblick gewesen,wenn unsere Begriffe unter vielen vertheiletund nicht irgendwo zusammen in ihrer genaue-sten Verbindung anzutreffen wären. Wir müs-sen also wenigstens eine Substanz annehmen,die alle Begriffe der Bestandtheile vereiniget,und diese Substanz, wird sie aus Theilenzusammengesetzt seyn können? — Unmöglich,sonst brauchen wir wieder ein Zusammennehmenund Gegeneinanderhalten, damit aus den Thei-len ein Ganzes werde, und wir kommen wie-derum dahin, wo wir ausgegangen sind. — Siewird also einfach seyn? - Nothwendig! - Auchunausgedehnt? denn das Ausgedehnte ist theil-bar, und das Theilbare nicht einfach: — Nich-tig I — Es giebt also in unserm Körper wenig-stens eine einzige Substanz, die nicht ausgedehnt,nicht zusammengesetzt, sondern einfach ist, eineVorstellungskraft hat, und alle unsere Begriffe,Begierden und Neigungen in sich vereiniget.Was hindert uns, diese Substanz Seele zunennen? — Es ist gleichviel, vortreflicherFreund! erwiederre Simmias, welchen Namenwir ihr geben ;' genug daß mein Einwurf beyihr nicht statt findet, und alle deine Vernunft-schlüsse, die du für die Unvergänglichkeit desdenkenden Wesens vorgebracht, nunmehr un-umstößlich sind. — Lasset uns noch dieses inErwägung ziehen, verfitzte jener: Wenn vieledergleichen Substanzen in einem menschlichenKörper zusammen wären, ja wenn wir alleGrundelemente unsers Körpers für Substanzenvon dieser Natur halten wollten, würden meineVernunftgründe für die Unvergänglichkeit da-durch etwas von ihrer Bindigkeit verlieren?ober würde uns eine solche Boraussezung nichtvielmehr nöthigen, statt Eines unvergänglichenGeistes viele zu gestatten, und also mehr ein-zuräumen, als wir zu unserm Vorhaben ver-langten? Denn eine jede von diesen Substanzenwürde, wie wir vorhin gesehen, den ganzen In-begriff aller Vorstellungen, Wünsche und Be-gierden, des ganzen Menschen in sich fassen, undalso, was den Umfang der Erkenntniß betrifft,würde ihre Kraft nicht eingeschränkter seynkönnen, als die Kraft des Ganzen. — Unmöglicheingeschränkter. — und wie an Deutlichkeit,Wahrheit, Gewishcit und Leben der Erkennt-niß? Setze viele verworrene, mangelhafte und

schwankende Begriffe neben einander, wird da-durch ein aufgeklärter, vollständiger und be-stimmter Begriff hervorgebracht? - Es scheinetnicht. — Wo nicht ein Geist hinzu kömmt, der5 sie vergleichet, und durch Nachdenken und Ueber-legen sich eine vollkommenere Erkenntniß ausderselben selbst bildet: so hören sie in Ewigkeitnicht auf, viele verworrene, mangelhafte undschwankende Begriffe zu seyn. — Richtig. — Die10 Bestandtheile der denkenden Materie würdenalso Vorstellungen haben müssen, die eben sodeutlich, eben so wahr, eben so vollkommen sind,als die Vorstellungen des Ganzen; denn ausweniger deutlichen, weniger wahren u. s. w15 läßt sich keine Erkenntniß durch Zusammensezenherausbringen, die einen grösern Grad von die-sen Vollkommenheiten haben sollte. — Diesesist nicht zu leugnen. — Heißt aber dieses nicht,statt Eines vernünftigen Geistes, den wir in20 jeden menschlichen Körper sezcn wollten, ganzohne Noth eine unzählige Menge derselben an-nehmen ? — Freylich! - Und diese Menge derdenkenden Substanzen selbst wird sich wahrschein-licher Weise an Vollkommenheit einander nicht25 gleich seyn; denn dergleichen unnütze Verviel-fältigungen finden in diesem wohl geordnetenWeltall nicht statt. - Die allerhöchste Vollkom-menheit ihres Schöpfers, antwortete Simmias,läßt uns dieses mir Zuverläßigkeit schliessen. -30 Also wird eine unter den denkenden Substanzen,die wir in den menschlichen Körper gesetzt, dievollkommenste unter ihnen seyn, und folglichdie deutlichsten und aufgeklärtesten Begriffe ha-ben: Nicht? — Nothwendiger Weise! — Diese35 einfache Substanz, die unausgedehnt ist, Vor-stellungsvermögen besitzt, die vollkommenste unterden denkenden Substanzen ist, die in mir woh-nen, und alle Begriffe, deren ich mir bewußtbin, in eben der Deutlichkeit, Wahrheit, Gewiß-40 heit, u. s. w. in sich fasset, ist dieses nicht meineSeele? - Nicht anders, mein theurer Sakra-les! — Mein lieber Simmias! nunmehr ist esZeit, einen Blick hinter uns auf den Weg zuwerfen, den wir zurück gelegt. Wir haben vor-45 aus gesetzt, dasDenkungsvermögen sey eineEigen-schafc des Zusammengesetzten, und, wie wunder-bar ! aus dieser Boraussezung selbst bringenwir, durch eine Reihe von Vernunfischlüffen,den schnurstracks entgegengesetzten Satz heraus,50 daß nehmlich das Empfinden und Denken noth-wendig Eigenschaften des Einfachen und nichtZusammengesetzten seyn müßten: ist dieses nichtein hinlänglicher Beweis, daß jene Voraus-sezung unmöglich, sich selbst widersprechend, und55 also zu verwerfen sey? - Niemand kann diesesin Zweifel ziehen. — Ausdehnung und Bewe-gung, fuhr Sokrates fort, in diese Grundbegriffeläßt sich, wie wir gesehen, alles auflösen, wasdem Zusammengesetzten zukommen kann; die00 Ausdehnung ist der Stoff, und die Bewegungdie Quelle, aus welchen die Veränderungen ent-springen. Beide zeigen sich in der Zusammen-sezung unter tausend mannigfaltigen Gestalten,und stellen in der körperlichen Natur die un-05 endliche Reihe wundervoller Bildungen dar, vomkleinsten Sonnenstäublein bis zu jener Herrlich-keit der himmlischen Sphären, die von denDichtern für den Sitz der Götter gehalten wer-den. Alle kommen darinn überein, daß ihr Stoff