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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
415-416
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Christian Garve.

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sich selbst, und eben deßwegen vielleicht mitmehr Zuverläßigkeit machen kann. Welche Ar-beiten des Geistes gerathen wohl in irgend einerArt bester als diejenigen, bey welchen man sicham wenigsten ängstlich bemüht, sie vortrefflichzu machen?' Welche unserer Begriffe sind wohldie reichsten, lebhaftesten, in der Entwickelungam fruchtbarsten? Die, welche ein freywilligesNachdenken übet den Gegenstand nach und nachaus den bekannten Ideen hervorgearbeitet, oderdie, welche ein oft bloß zufälliger schneller Blick ausdie Sache, aus der Reihe sich selbst darbieten-der Vorstellungen aufgefaßt hat? Die Werke,die man für das Publikum schon bestimmt, in-dem man sie verfertiget, sind gemeiniglich unterdem, was man für sich selbst oder für solcheFreunde macht, von deren Beyfall und Ach-tung man sich schon versichert hält. Der Wunschetwas Gutes hervorzubringen, die Begierde nachden Vortheilen, die uns unser Werk, wenn esgelingt, zuwege bringe» soll, die Achtsamkeitendlich auf unser eigenes Bemühen, es zuStande zu bringen, alles dieß ist eine Art vonZerstreuung, durch welche diejenige Kraft, dieganz auf den Gegenstand vereinigt seyn sollte,auf sich selbst zurückkehrt, und durch Unruheund Hoffnung verzehrt wird.

Die obige Anmerkung ist aber noch einerandern Anwendung fähig, und diese ist eigent-lich unser Zweck. Da das menschliche Geschlechtund der einzelne Mensch in dem stufenweise»Fortgange ihrer Fähigkeiten einander so ähnlichsind: so findet man hier einen Grund von dernothwendigen und unausbleiblichen Verschieden-heit, die zwischen den ältesten und den späternArbeiten desselben seyn muß. Es giebt inbeyden eine Zeit der Kindheit, und des männ-lichen Alters. In den Werken der ersten sehenwir eine Kraft, die sich durch ihre bloße Ener-gie und die Gegenstände getrieben fühlt zu wir-ken, und deßwegen in ihrer natürlichen Thätig-keit durch nichts gestört wird; in den Werkender andern eine Kraft, die erst durch ein be-sonderes Interesse gereizt werden muß, die nachAbsicht und in Hoffnung eines gewissen Erfol-ges wirkt, und die eben deßwegen in ihrenAeußerungen eingeschränkt, und von ihrer na-türlichen Richtung abgebracht wird. In denWerken der einen Zeit werden sich die Schrift-steller ihrer Ideen nur so zu sagen entschritten,die ihnen durch die Gegenstände selbst, und eineganz unwillkührliche Beobachtung derselben auf-gedrungen worden; - in den Werken der an-dern werden sie Ideen, die sie gesucht und aus-gearbeitet haben, in der Absicht mittheilen, sichBeyfall und Ruhm zu erwerben. Der ältesteSchriftsteller ist das Kind, das den ganzen Tagohne Absicht hin und her läuft, und niemalsfühlt wie müde es ist, weil es sich bei keinemSchritte, mehr an denjenigen erinnert, den esschon gethan hat, noch den voraus sieht, denes noch zu thun gedenkt. Der neuere Schrift-steller ist ein Wanderer, der immer den Ortim Gesichte hat, wo er hin will, in der Be-gierde anzulangen seine Schritte zählt, und sichdurch das Uebersehen des zurückgelegten unddes noch vor ihm liegenden Weges "freywilligentkräftet.

Dieser eine Umstand hängt mit vielen an-

dern zusammen, die sich, dünkt uns, so ambesten entwickeln lassen, wenn man sich zuerstalle die Verschiedenheiten der beyden Zeitaltervorstellt, und alsdann sieht, was für Einflußsie aus die Werke des Geistes, und vornehm-lich auf die Schriftsteller baden mußten.

Die erste und größte Verschiedenheit liegt inder Art und Weise, diejenigen Begriffe zu be-kommen, die der Schriftsteller mittheilen soll.Bey uns ist fast das einzige Mittel das Lernen.Unterricht und Lesen lehren uns meistentheilsalles kennen, was wir wissen; und beydes un-ternehmen wir nicht andere, als in sofern wires zur Ausführung eines gewissen Plans brau-chen. Bey den Alten scheint diese Erlernungweniger Studium als instinktmäßige Beschäfti-gung gewesen zu seyn, ihre Sinnen waren ihreLehrer, sie sahen, sie hörten, sie dachten zuFolge der Eindrücke, welche die Natur und ihreVerhältnisse mit andern Menschen auf sie ge-macht hatten.

Was erstlich die sichtbare körperliche Naturbetrifft, so weit sie durch den Anblick erkanntwerden kann: so kannten sie dieselbe in der Thatbesser als wir; und diese Kenntniß kostete ihnenkeine Arbeit. Wir werden von Kindheit an,erst durch unsre Erziehung, dann durch unsreLebensart und Geschäfte von dem Anblicke derNatur abgehalten; und viel also von dem, waswir durch unsre eignen Augen lernen könnten,müssen wir erst von unsern Lehrern und ausBüchern erfahren. Die Klaffe von Menschen,unter welchen es fast allein Schriftsteller giebt,lebt bey uns beständig in ihren Häusern einge-schlossen; ihre Beschäftigungen und ihre Zeit-vertreibe sind größtentheils innerhalb der vierWände ihres Zimmers. Nur gelegentlich, nurauf Augenblicke werden unsre Menschen in dasfreye Feld hinausgeführt. Und dann sind siegemeiniglich schon ermüdet und zerstreut, oderihr Kopf ist schon mit so viel kleinem Eigen-nütze, mit dem Entwürfe so vieler Vergnügun-gen, mit so viel selbstgemachten Ideen undBegierden angefüllt, die das eingeschränkte bür-gerliche und häusliche Leben giebt, daß sie sel-ten mehr lebhaft von dem gerührt werden, wassie sehen und hören, wofern es nicht neu undaufferordentlich ist, und ihre Aufmerksamkeitdurch einen stärker,, Reiz an sich zieht, als derbloß einfache Eindruck auf ihre Sinnen ist. —Wir beobachten also sehr wenig selbst. VieleDinge geschehen täglich vor unsern Augen, odersind nur wenig Schritte von uns, die wir dochkaum eher bemerken, als bis wir sie in Bücherngefunden haben. Die Dichter müssen uns erstsagen, was eine schöne Gegend sey, und wiedie Sonne auf und untergehe. Die Abwechse-lung der Jahres- und der Tageszeiten, die vcr-schiednen Gestalten der Natur, die sichtbarenEigenschaften und Veränderungen der Pflanzenund Thiere gleiten, ihrer Gewöhnlichkeit undunsrer Zerstreuung wegen, nur über die Ober-fläche unsrer Seele weg, und berühren sie kaum,wenn wir sie nicht zuvor schon durch Beschreibun-gen haben kennen lernen. Erst durch die Kopienwerden wir auf dieOriginale aufmerksam, weil wirder Vergleichung zwischen beyde» eine Beschäfti-gung finden, die mehr nach unsrer itzigen Den-kungsart ist, als die freye Beobachtung selbst.

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