Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
417-418
JPEG-Download
 

417

Christian Garve.

418

Was die Kenntniß betrifft, die der Menschnur von Menschen und durch seine Verbindungmit ihnen bekommen kann; so scheint es zwar,daß unser itziger Zustand uns weit gesellschaft-licher gemacht, uns in mannichfaltigere Ver- 5hältniffe mit andern Menschen gesetzt habe, undsie uns also auch von mehrern Seiten kennenlehre. Und das ist in gewissem Verstände auchwahr. Auf einer andern Seile aber sind wirin der That mehr von ihnen abgesondert, als 10in dem frühesten Zeitpunkte der Gesellschaft.Jetzt kennt jeder Mensch nur einige wenigeMenschen seines Standes, von seiner Denkungs-art, von seinen Gesinnungen. Alle übrigenKlaffen und Stände der Menschen, sammt ihren 15Begriffen und ihren Empfindungen bleiben ihmZeitlebens fremde, wenn er sie nicht höchstensaus Büchern lernt. Der Umgang mit andernMenschen ist ei» Recht geworden, das uns nurgegen die zusteht, mit welchen wir gleiches 2VRanges sind Wenn wir mit Höhern umgehenwollen, so müssen wir uns dieß erst durch ge-wisse Vorzüge, die Aufsehen machen, verdienthaben. Jeder entfernt sich von denen, die un-ter ihm sind, und zu denen, die über ihm sind, 25darf er sich nicht nahen. Oder wenn auch zu-weilen der Eigennutz der Geringern, oder dieBegierde belustigt zu werden, bey den Vorneh-mer», oder endlich eine edlere minder einge-schränkte Denkungsart auf beyden Seiten diese 30Gränzen überspringt: so bleibt doch der Um-gang frostig, ohne diejenige Offenherzigkeit undVertraulichkeit, die uns allein die Kenntnißfremder Herzen gewähren, und uns in demUmgänge mit ihnen eine Quelle zu Beobach- 35rungen eröffnen kann. In den alten Zeitenwaren fast alle Glieder einer Stadt, einer Re-publik einander bekannt. Die Staaten warenkleiner. Ihre Bürger hatten alle ein gewissesgemeinschaftliches Interesse; Geschäfte, die sie 40oft zusammenbrachten, öffentliche Zusammen-künfte, wo sie sich durchaus kennen lernten,Fcyerlichkeiten, an denen sie alle Theil nahmen.

Die Rechte der verschiedenen Stände äußertensich weniger durch eine gegenseitige Entfernung 45von einander in dem gesellschaftlichen Leben, alsin einer Unterordnung bey der Ausführungöffentlicher Geschäfte. Das Befehlen und Ge-horchen war bey denen Gelegenheiten, wo eseigentlich darauf ankam, die Pflichten seines 50Standes zu erfüllen, sehr strenge. Aber sobalddiese Gelegenheiten vorüber waren: so Kellte sicheine Art von Gleichheit wieder her. Einenweit größer» Unterschied unter den Menschewmacht der Reichthum, als der Rang. Und nur 55dadurch, daß beyde gemeiniglich bey uns verei-nigt zu seyn pflegen, ist die Absonderung derStände aufs höchste gestiegen. DaS Verhältniß,das der Befehlende gegen den Gehorchenden hat,kann er nur unter gewissen Umständen zeigen, 60und so lange als die Art von Handlungen vor-kömmt, die er anzuordnen versteht. Hingegender Unterschied, den der Reichthum macht, istbeständig, und erstreckt sich auf alles. Woh-nung, Hausgeräthc, Kleidung, Aufwand der 65Tafel, Kostbarkeit der Ergötzungen, alles wasder Reiche hat und thut, ist anders als beydem Armen. Der eine kann also seine Erha-benheit, und der andre seine Niedrigkeit niemalsKurz , t'ros. Lit.

aus den Augen verlieren. — Ueberdieß bildetsich durch dir lange Absonderung, auch endlichein Unterschied in dem, was man Anstand undSitten nennt, in der Art sich zu betragen undauszudrücken. So willkührlich auch diese Be-griffe bald an die eine, bald an die entgegen-gesetzte Art etwas zu thun und zu sagen ver-knüpft werden, so sind sie doch das erste, wor-nach wir den Vorzug und die Verdienste desMenschen messen: und dieß also setzt endlich dievorher schwankende und oft niedergerißne Gränzezwischen Leuten von Stande und gemeinen Leu-ten fest, und hebt alle Möglichkeit zur Wieder-vereinigung auf. Beyläufig zu sagen: die Be-griffe und die Gesinnungen des gemeinen Man-nes sind bei weitem nicht so sehr von der feinernWelt ihren unterschieden, als die Verschiedenheitdes Ausdrucks vermuthen läßt. Es gehört aber,auch selbst für den denkenden Mann, etwasdazu, seine eignen Vorstellungen unter einerniedrigen ihm ungewöhnlichen Bezeichnung wie-der zu erkennen. Was gesunder Verstand, na-türlicher Scharfsinn, und Witz durch Erfahrunggebildet geben kann, das hat der geringereTheil des menschlichen Geschlechts mir dem grö-ßern gemein, und oft in einem höhern Grade.Aber die Gewohnheit macht, daß wir dieß allesnicht mehr für das halten was es ist, wenn esuns nicht unter der Gestalt, auf die Art ge-wendet, mit den Worten gesagt vorkömmt, wiewir es zu denken gewohnt sind. Die Vernunftmuß ein mehr didaktisches Ansehen erhalten.Manche Beobachtung, die in dem Munde einesgemeinen Taglöhners verächtlich ist, weil siesich nur auf etwas einzelnes und uns gering-scheinendes beziehet, würde, von einem Philo-sophen gesagt, sobald er sie mit abstrakten, undzugleich edlern Worten ausgedrückt, sie allge-mein und vielleicht dadurch unrichtiger gemachthätte, eine Entdeckung scheinen. Und doch istder Verstand gerade die Kraft, deren Wirkungnoch am wenigsten von dem Werkzeuge abhängt,dessen sie sich bedient. Bey den Ideen der üb-rigen Fähigkeiten können wir oft kaum bis aufden Grund kommen. Wir wissen immer nichr,ist es das Wort oder die Sache, die wir jedes-mal witzig und artig und groß nennen. We-nigstens sind es die Falten des Gewandes, durchdie wir den Bau des Körpers beurtheilen. Wennalso die Mittheilung der Ideen das einzigeBand der Gesellschaft seyn kann, sobald derEigennutz schweigt und die Bedürfnisse befrie-digt sind: so giebt es kein solches mehr unterGliedern einer Nation, die eine sich fremdeSprache reden, und von einander weder geliebtnoch hochgeschätzt werden können. Dieß allesfällt in den ersten Zeiten weg. Erziehung undSitten, und Kenntntsse und Sprache sind nochunter die vcrschiednen Stände eines Staats gleichausgetheilt. Nichts ist durch Verabredung un-edel und verächtlich worden. Jedes Ding, je-des Wort, macht »och den Eindruck, den esvermöge seiner Natur oder seiner Bedeutungzu machen im Stande ist; nicht den, welchenes bloß von Gelegenheiten und Umständen er-borgt. — Also liegt in der That das Gemäldemenschlicher Handlungen und Leidenschaften,dem Beobachter mehr und in einem größer«Umfange vor Augen.

27