Christian Garve.
420
4tg
Unsre Schauspiele, unsre Romane, warumsind sie uns jetzt so reizend, oder vielmehr sonothwendig geworden? Zum Theil deßwegen,weil sie uns in die menschliche Gesellschaft wie-der versetzen, von der wir gewissermaßen aus- 5geschlossen sind; weil sie uns Menschen vonallerley Ständen, und in weit wichtigern Auf-tritten ihres Lebens handelnd und redend zei-gen, als wir selbst zu sehen Gelegenheit haben;weil sie uns wieder in die Häuser der Großen 10führen, zu denen wir keinen Zutritt mehr ha-be», und uns mit der Vorstellung schmeicheln,daß dort diese Großen uns ähnlicher, und we-niger über uns erhaben sind, als sie zu seynscheinen, wenn wir bloß die Mauern ihrer Pal- 15läste ansehen: weil sie uns in den niedrigstenKlassen, zu denen wir uns aus Lorurtheil undStolz und angewöhntem Ekel nicht herablassenwollen, eben die Aeusserungen der Natur zei-gen, die uns bey uns selbst gefallen. Mit ei- 20nem Worte, weil sie uns das Vergnügen unterMenschen und unter Menschen aller Art zuseyn, das wir in der Wirklichkeit verloren ha-ben, in der Erdichtung wieder verschaffen: undweil sie daher zugleich den Theil unsrer Kennt- 25niffe ergänzen, den wir durch Erfahrung nichtmehr einsammeln können.
Eben aus dieser größer» Vereinigung derMenschen folgte eine gewisse allgemeinere Be-kanntschaft mit ihren Verrichtungen, besonders 30zu einer Zeit, wo ein Theil der Bequemlichkei-ten, die durch diese Arbeiten verschafft wurden,noch ganz neu, und als ein wichtiges Geschenkfür die menschliche Gesellschaft noch hochgeschätztwar. - Die Künste, die Handwerke, die Ge- 35schäfte des Ackerbaues, die Arbeiten jedes Stan-des waren weniger schwer zu erlernen, wurdenvon dem Theile, der sie nicht trieb, noch nichtverachtet; und machten ein Stück der allgemei-nen Kenntniß aus, die sich jeder erwarb, ohne 40darnach gestrebt zu haben.
Auf diese Art also mußte sich ihr Geist mitmannichfaltigen Begriffen anfüllen, die ihm inder That weit weniger Bemühung, Nachdenkenund Anstrengung kosteten, als uns unsre viel- 45leicht eingeschränkter» aber mehr ergründetenKenntnisse. Das Auge und das Ohr kann in -einer kurzen Zeit von unendlich viel Sachenunterrichten. Nachdenken und Lese» hält unslange bei wenig Gegenständen auf. Aber frey- 50lich zeigen uns jene auch nur die Erscheinun-gen, nur das was uns zunächst und der Em-pfindung offen liegt, nur das Resultat von demgeheimen Spiele der natürlichen Triebfedern;dahingegen uns diese zugleich daran gewöhnen, 55den innern Bau der Dinge und die Ursachenvon den Begebenheiten zu erforschen. Wir wis-sen jetzt vielleicht weniger wie die Dinge aus-sehen, aber wir wissen besser was sie sind.
Dieser Unterschied nun in der Mühe oder 60Leichtigkeit, mit der wir gewisse Ideen bekom-men, hat selbst auf die Gestalt dieser Ideeneinen großen Einfluß. Wo eine Mühe über-wunden werden soll, da müssen wir eine Be-gierde haben, deren Befriedigung der Beschwer- 05lichkeit der Arbeit werth ist; da müssen wir unseine Absicht vorsetzen, Mittel wählen; uns selbstzur Anwendung unsrer Kraft auffordern; sie,wenn sie ermüdet oder sich von dem Gegenstände
verliert, zurückbringen und, festhalten; sie inihren Operationen nach einem Plane leiten; demnatürlichen Fortgange unsrer Vorstellungen durcheinen künstlichen entgegen arbeiten. Alle Be-griffe, die auf diese Art entsteh», sind mehrunser Werk, als das Werk der Dinge, die wirbetrachten- Unsre Regeln, unsre vorhergesamm-lcten Begriffe haben immer mehr oder wenigeran dem Eindrucke gekünstelt, den die Sachenauf einen völlig noch uneingenommenen Geistmachen würden. Selbst das, was wir für reinelautere Beobachtung halten, ist schon zum Theilaus unserm übrigen Gedankensystem gefolgert. -Ueberdieß, je mehr wir uns die Hervorbringungund Zusammensetzung gewisser Gedanken Arbeitkosten lassen: desto mehr sind wir in Gefahrdie nächsten unmittelbarsten Verhältnisse derBegriffe zu übersehe», und dafür entferntereund weit hergesuchte zu wählen. Die einfäl-tige, nackende, einleuchtende Wahrheit, so wiesie sich dem bloß ruhigen Zuschauer der Naturvon selbst darbietet, wird von dem zu geschäf-tig suchenden Geist Übergängen, und an ihreStelle setzt er eine Menge erkünstelter halb fal-scher Sätze, denen er erst durch den Ausdruckwieder einen Schein von Wahrheit und Ähn-lichkeit mit der Sache selbst geben muß.
Das was wir Anstrengung nennen, bestehtnicht sowohl i» einem gewissen Maaße der auf-gewendeten Kraft, als in der Mühe, dieselbevon den Gegenständen, welche nach den physi-schen Gesetzen am stärksten auf unsre Sinneoder auf unsre Einbildungskraft wirken wür-den, abzuziehen, und sie aus solche zu richten,mit denen wir »ach unsrer gegenwärtigen Lage,gar nicht oder nur schwach beschäftigt seyn wür-den. Die Ideen können bey einem Schauspieleeben so lebhaft sey» als bey einer Meditation.Die Aufmerksamkeit kann bey dem erster» sogarin einem noch höher,, Grade angestrengt seyn.Aber in dem erster,, Falle lassen wir uns nurbeschäftigen; wir sind leidend; die Objecte bie-ten sich von selbst dar; der Fortgang unsrerVorstellung ist vollkommen mir dem Fortgangeder Veränderungen analogisch, die um unsher vorgehen. In dem andern Falle beschäf-tigen wir uns selbst. Wir selbst müssen dieGegenstände in uns erst hervorbringen, oder sieunserm Verstände gegenwärtig machen; denEindruck der andern müssen wir dagegen schwä-chen oder bey Seite schaffen. Dieser Streitzwischen den Gegenständen, die eben jetzt aufunsre Sinne wirken, oder die unsre gegenwär-tige Verfassung uns ins Gemüthe bringt, undzwischen denen, die sich der Verstand zu be-trachten vorgesetzt hak; dieser macht eben dasBeschwerliche und Ermüdende der Arbeit aus.
Der alte Dichter sah die Natur, ohne zuwissen, daß er diese Betrachtung als seine Be-stimmung, oder als das Mittel zu gewissenAbsichten zu betrachten hätte. Sie malte sichalso in seiner Seele ab, ohne daß er einen ein-zigen Pinselstrich beygetragen, oder sie in ihrerZeichnung geleitet hätte. Unsre Dichter, wennsie die Natur beobachten, thun es schon immerin der Absicht sie zu schildern, sie wollen siegerne schön sehen, oder wenigstens so wie siesich schön ausdrücken läßt; „nd dadurch wirddas Gemälde ei» Gemische von wahren Ein-