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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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421-422
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Christian Garve.

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drücken, von bloß eingebildeten Zügen ihrerEinbildungskraft, und von abstrakten Begriffen diesie durch Unterricht und Ueberlieferung bekom-men haben.

Also schon der Weg, die Sachen selbst ken-nen zu lernen, welche den Stoff der Dichterausmachen, war bey den Alten und Neuen nichtderselbe. Die Sinne unterrichten den Berstandmehr bey den ersten, und der Berstand dieSinne mehr bey den andern. - Aber um daswas jeder von Begriffen sich gcsammlet hat,mitzutheilen: dazu gehören auch noch Bewe-gungsgründe, und die sind wieder bey beydenverschieden.

In der Kindheit des Menschen und dermenschlichen Gesellschaft kannte man die Lange-weile nicht; man fühlte keine Bedürfnisse, sichdurch seinen Witz Zeitvertreibe zu verschaffen.Bey allen den Menschen, deren Arbeit inBewegung besteht, ist Ruhe eine hinlänglicheErholung. — Erst alsdann, als es Beschäfti-gungen im Kabinet gab, bey denen der Geistsich erschöpfte und der Körper nicht ermüdete,brauchte man Erholungen, die nicht in demAufhören der Beschäftigung, sondern in ihrerAbwechselung bestanden; solche, wo nur an dieStelle von der Anwendung der einen Fähigkeit,die Anwendung einer andern, an die Stelle vonVorstellungen des Verstandes und des Nachden-kens, sinnliche und imaginative Eindrücke ge-setzt wurden. Dazu waren nun anfangs alledie Sachen gut genug, die heftig und lebhaftdie Sinne rührten. Nach und nach wollte mannicht so starke, aber mannichfaltigere, mehrabwechselnde Eindrücke haben, solche, bey denensich noch überdicß Ideen von Richtigkeit undSchönheit antreffen ließen. Der Witz und dieEinbildungskraft wurden zu den Regierern die-ser Vergnügungen bestimmt. Nach einer Mengevon Revolutionen in den Dingen welche dieMenschen zu ihren Ergötzungcn bestimmten, istdas Bedürfniß zu lese» an die Stelle vieler an-dern gekommen. Dieses Bedürfniß zu befriedi-gen setzt sich der Schriftsteller, und am meistender Dichter, vor. Natürlicher Weise muß er sichalso in dem, was er unternimmt, nach der Na-tur des Bedürfnisses richten, für welches erarbeitet. In der That werde» bey uns dieDichter selten anders als zum Vergnügen gele-sen, und der Dichter selbst kann sich schwerlicheinen andern Endzweck vorsetzen. Ist er durchdas Vergnügen zugleich nützlich, flößt er denLesern, deren Zeit er verkürzt, zugleich eineAnzahl nützlicher Wahrheiten und tugendhafterGesinnungen ein: vortrefflich! wir wissen ihmdafür Dank, unserer Erholung so viel Werthin unsern eignen Augen gegeben zu haben; —und im Grunde würde es ihm auch ohne irgendeinen Einfluß des Nutzens auf unsern Geist,nicht einmal gelungen seyn, den Einfluß zuerhalten, uns Vergnügen zu machen. Aber beydem allen wird er es doch nicht dahin bringen,daß wir uns aus der Lesung der Dichter, iwennwir aus den Jahren der Erziehung heraus, undnicht selbst Dichter oder Kunstrichter sind, eineeigentliche Arbeit, eine Beschäftigung machten.

Noch eine andere große Verschiedenheit inden Werken der Schriftsteller liegt in dem Un-terschiede ihrer Sprache. Oder vielmehr, wenn

man bey den Werken einzelner Schriftsteller,das, was ihnen und das, was ihrer Zeit zuge-hört, zu leicht vermischen kann; so kann manhingegen aus der Verqleichung der Sprachensicherer die Verschiedenheiten lernen, durch welchedie ganzen Rationen und die ganzen Zeitaltersich characterisiren. Die Sprachen sind für deneinzelnen Menschen, der durch die Geburt ineine schon civilisirte Gesellschaft eintritt, ebenso viel schon zubereitete Formen, nach welchener seine Begriffe zu modelliren genöthigt ist,oder unter welchen sie ihm allein bekannt wer-den. Und da der Verstand die Wörter braucht,nicht bloß andern zu sagen, was er denkt, son-dern es sich auch erst selbst deutlich vorzustellen;da die Sprache nicht bloß das Werkzeug derMittheilung, sondern auch der Bildung der Ge-danken ist: so muß der Geist, der in den Wer-ken jeder Nation herrscht, eben so verschiedenseyn, als das Naturell ihrer Sprache.

Wenn wir die älteste griechische Sprache,mit der unsrigen vergleichen: so finde» wir,erstlich, was natürlicher Weise bey Menschenseyn mußte, die beständig unter dem Anblickeder Natur lebten, und sie also überhaupt ge-nommen besser kannten, als unsre immer ein-geschloßne Menschen; wir finden, sage ich, dieSprache, in Absicht der natürlichen Dinge undihrer sichtbaren Veränderungen, reicher, als dieunsrige. Sie hatte für Pflanzen, für Thiere,für die gewöhnlichsten Erscheinungen und Hand-lungen derselben, und für die Arbeiten, die derMensch mit ihnen vornimmt, mehr Namen derallgemeinen Sprache, die bekannt, und anWürde und Deutlichkeit allen andern Wörternder Sprache gleich waren. Unsre Sprache istan solchen Wörtern arm. Nicht als ob diePersonen, die mit jedem dieser Dinge als mitihrem Geschäfte umgehen, sie nicht auch zu be-nennen wüßten. Aber diese Namen sind nurbloß den Leuten dieses Standes und dieser Be-schäftigung bekannt. Eben deßwegen wechselnsie auch von Provinz zu Provinz, von Stadtzu Stadt ab. Was von den wenigsten gekanntwird, das wird auch keinen allgemeinen festge-setzten Namen haben; oder dieser Name wirdunter den besondern Beynamen jedes Orts baldverloren seyn- Wenn einmal die Sache ausder Zahl derjenigen weggeschafft ist, die sichalle Glieder einer Nation mitzutheilen haben,so braucht es auch kein Zeichen mehr, woranalle das Ding erkennen. - Wörter haben wiralso wohl für alle diese Dinge, aber nur nichtbekannte, nicht edle Wörter.

Liest man den Homer da, wo er Gegen-stände fürs Gesicht und besonders Bewegungenbeschreibt: so wird man gewahr, daß er fürjede kleine Abänderung in der Gestalt der Sacheein besondres Wort hat, sich die wir nur eingemeinschaftliches, oder Umschreibungen haben.Er kann den Verfolg einer sinnlichen Verände-rung, die Abwechselung, welche die Bewegung derKörper in ihrem Anblicke hervorbringt, in ihrervollständigen Folge auf einander vorstellen. -Wären uns eben die Sachen zu beschreiben ge-geben worden: so würde uns unsre jetzige Den-kungsart und das Naturell unsrer Sprachedarauf geführt haben, nur einen einzigen Um-stand, den wir für den hauptsächlichsten gehalten

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