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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
427-428
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Christian Garve.

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schaftlichen Verkehr an die Stelle der Sacheselbst setzt, giebt und empfängt, nicht weil sieselbst das sind, was man begehrt oder mitthei-len will, sondern' weil man voraussetzt, daßjeder sich bey Gelegenheit den wirklichen Werthdes Dinges, den sie vorstellen, dafür eintauschenkönne. Diese Wörter ruhen eben so oft unge-braucht in dem Gedächtnisse des Gelehrten, alsdas Geld im Kasten des Reichen, und befriedi-gen ihre Besitzer nur mit der bloßen Möglich-keit, sich die Vorstellungen oder die Vergnü-gungen zu verschaffen, deren Symbole sie sind.Mit beyden lassen wir unsre Kinder lange vorder Zeit spielen, ehe sie begreifen können, wozudas eine angewendet werden könne, und wasdie andern bedeuten.

Nämlich eine solche allgemeine Idee, diejemand aus seinen eignen Beobachtungen nochnicht gefunden hat, muß, wenn sie bey ihmeine wirkliche Idee werden soll, erst mit denErfahrungen zusammengehalten, und aus den-selben so zu sagen aufgeklärt und bestätigt wer-den. Sie ist alsdann eine Art von Wegweiscrinn,die ihm bey dem vorkommenden Falle anzeigt,worauf er zu sehen habe: und wenn er nundas Ding oder die Seite desselben auffindet,von welchem andre zuerst diesen Begriff genom-men haben; wenn er unter den Factis, die ihmvorkommen, das Muster entdeckt, wovon dieWahrheit, die er zuvor den Worten nach gefaßthatte, der Ausdruck seyn soll; dann ist es erstwahrhaftig sein Begriff, und sein Verstandweiß, was die Worte sagen wollen. Aber dienach dieser Methode aufgeklärte Vorstellung hatweit weniger die unterscheidende Form seinesGeistes, weil der Verstand dabey weniger freyzu Werke gegangen, weil die Aufmerksamkeitschon immer von der vorhergefaßten wörtlichenIdee geleitet worden, weil die Arbeit des Gei-stes mehr darauf gerichtet gewesen ist, die Dingeso anzusehen, sie sich so vorzustellen, wie es mitder Beobachtung und der Meynung der übrigenübereinstimmte, als die Sache in ihrem ganzenUmfange und nach der sämmtlichen Summe derEindrücke, die sie auf ihn zu machen fähig war,kennen zu lernen.

Nun ist klar, daß in dem ältesten Zustandeder Ideen mehr als jetzt gewesen seyn müssen,die jeder Mensch für sich aus seinen eignenEmpfindungen, so gut er konnte, herleitete; unddaß hingegen in dem unsrigen, die überliefertenund mir gewissen Wörtern bezeichneten Ideendie Oberhand haben, solche, die nur umgetauscht,nicht von dem Geiste selbst hervorgebracht undgeprägt werden. In jenem erwuchs der Menschohne viel Unterricht. Aber desto mehr Gelegen-heit, Muße und Aufforderung hatte er, seineSinnen zu brauchen. Was hernach sein Ver-stand mit den dergestalt gesammleten Ideen an-fangen sollte: das hieng noch weit weniger vonder Leitung und dem Beyspiele anderer, alsvon dem natürlichen Hange und den freywilli-gen Bewegungen eines jeden ab. Was jedervon der Natur oder vom Menschen kannte,das hatte er selbst an ihr gesehen. So oft erdavon redete, so stand vor seiner Einbildungs-kraft wieder die -Person, der Vorfall, die Be-gebenheit, an der er zuerst diese Beschaffenheitoder dieses Verhältniß wahrgenommen hatte.

Bey ihnen, hatte nach des Protagoras System,noch jeder Mensch seine eigene Wahrheit. —Bey uns hingegen kömmt der Unterricht denSinnen lange zuvor. Wie viel Namen sindnicht in dem Munde unsrer Kinder und Er-wachsenen, ehe sie die Objekte gesehen haben;und die sie zum Theil niemals recht sehen. Wieviel Ausdrücke von Eigenschaften und Verhält-nissen der sichtbaren und moralischen Welt brau-chen wir nicht, ehe wir jemals durch unsreeignen Umstände sind veranlasset worden, dieseVerhältnisse kennen zu lernen, und ehe uns dieVerknüpfungen der Dinge vorgekommen sind,bey welchen allein dieselben sich haben entdeckenlassen. Wie viel allgemeine Sätze und Sen-tenzen , und Regeln und Sittcnsprüche, könnenwir nicht schon auswendig, ehe wir noch denkleinsten Theil der vorläufigen Ideen haben, anderen Kette jene erst das letzte Glied seyn soll-ten. Unsre Ammen und unsre Lehrmeister brin-gen uns eine Menge solcher präsumtiver Kennt-nisse durch Wörter und Formeln bey, von de-nen wir vor der Hand nur so viel wissen, daßetwas dabey gedacht werden soll, und von an-dern gedacht worden ist: die wir aber erst hin-terdrein, und oft sehr spät, mir wahren Ge-danken ausfüllen können. Wir hören und redenschon viel von menschlichen Handlungen undTugenden und Fehlern; ehe wir noch einenMenschen mit Aufmerksamkeit haben handelngesehen. Je mehr also die natürliche Ordnungunsrer Aufklärung umgekehrt wird; je mehrwörtliche abstrakte Ideen vor den sinnlichen undErfahrungsideen vorhergehen, je mehr der Be-obachtungsgeist dem System nachfolgt, und das-selbe nur zu bestätigen sucht: desto mehr Gleich-heit unter den Begriffen mehrerer, die jetzt bloßden gemeinschaftlichen Theil ihrer Fähigkeitenund nach einerley Vorschrift geübt, und deneigenthümlichen vernachläßigt haben; desto we-niger Originelles also.

Und so finden wirs auch in der That, wennwir die Werke der Alten und Neuern ansehen.Muß es nicht einen etwas denkenden Menschenwundern, wenn er hört, daß alle die vornehm-sten Gattungen der Dichtkunst, die, welche nochbis auf den heutigen Tag den ganzen Umfangmenschlicher Werke in dieser Art zu umfassenscheinen, gerade zu der Zeit sind erfunden undfestgesetzt worden, da man am wenigsten überdie Natur dieser Gattungen, und über die Ver-schiedenheiten, deren dieselben fähig wären, nach-denken konnte? Ist es nicht augenscheinlich,daß diese verschiednen Dichtungsarten nur so vielverschleime Gestalten waren, welche die Begriffe indem Kopfe der ersten Schriftsteller annahmen?Daß die Klaßisication derselben, die wir jetzt alsnothwendig ansehen, zum Theil von dem zu-fälligen Umstände abhieng, daß gerade solcheund solche Genies die ersten waren, welche dieAufmerksamkeit der Nationen auf sich zogen?Der erste poetische Erzähler alter Geschichte,und der, welcher in der Ode die Empfindungenbloß aus den Thatsachen herauszog, und diese alseine Art gröbern Stoffs liegen ließ, und der,welcher die Begebenheiten vor den Augen seinerZuschauer vorgehen ließ: waren das Leute, welchebemerkt hatten, wie vielerley Formen die Vor-stellung einerley Sachen annehmen könnte? Oder

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