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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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429-430
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Christian Garve.

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geriethen sie nicht vielmehr darauf, weil sie nachkeinem Muster gebildet, sich bloß den Bewe-gungen ihres eignen Geistes überließen; undalso durch die größre Leichtigkeit, die sie fan-den sich die Sachen auf die eine als aus dieandre Art vorzustellen, getrieben wurden, diesezu wählen? Sobald aber die ersten Schrift-steller einen Grad von Ansetzn und Ruf erhal-ten hatten: so wurde nunmehr die natürlicheWirksamkeit der nachftlgenden gestört. Jeder-mann war auf diese Werke aufmerksam, undmachte sich mir denselben bekannt. Eine neueLaufbahn zur Ehre und zur Achtung war ge-öffnet. Am Ende derselben sah man diese Män-ner angelangt. Jedermann setzte sich also nun-mehr in Bewegung: nicht mehr dahin, wohiner selbst natürlicher Weise ohne Wegweiser ge-gangen seyn würde, sondern dahin, wo er sahe,daß andre vor ihm glücklich gewesen waren.Endlich kam die Philosophie, die immer Gründefindet, warum das Ding, das auf die eine Artgeschehen ist, nur auf diese einzige Art gesche-hen konnte; theilte die Dichtkunst a priori inso viel Klassen, als der Zufall und die Naturder ersten Dichter verschiedne Werke hervorge-bracht hatten, und schränkte nun vollends die, Freyheit der folgenden Schriftsteller durch denSchein von Vollständigkeit ein, den sie dieserKlaffisication gab.

So haben bey allen Arten der Erfindungendie besondern Umstände, die Talente und derGeschmack der ersten Person, die durch dieselbebekannt worden ist, entschieden, nach welchenRegeln alle künftige arbeiten sollten. Die ersteEntdeckung eines neuen Werks zum Nutzenoder zur Bequemlichkeit der Gesellschaft, ist einWerk des Zufalls, das heißt eines Zusammen-flusses von Ursachen, die wir nicht auseinander-setzen können. Sobald der Mensch die Früchtederselben genießt: so giebt ihm seine Trägheitso viel Anhänglichkeit an die Form, unter wel-cher er die Sache zuerst gesehen hat, daß nungar nicht mehr davon die Rede ist, ob nichtvielleicht, wenn noch nichts erfunden wäre, seineigner Verstand ihn auf einem andern Wege zudemselben Ziele würde geführt haben. Einezweyte Erfindung kostet oft mehr als die erste,weil man, außer der Schwierigkeit der Unter-nehmung selbst, noch zugleich den Hang derNachahmung überwinden muß.

In der That, ist es wohl begreiflich, daßdie Empfindungen des Menschen in Versen oderin Prosc sich auf nicht mehr als vier oderfünferley Arten sollten mittheilen lassen; daß esentweder eine Erzählung mit Götter- und Hel-dengedichten, und Wundern, und Erscheinun-gen; oder eine dialogische Vorstellung, undzwar diese, wenn sie traurig ist, zwischen Kö-nigen und Fürsten, und wenn sie lustig ist,zwischen Bürgern und Bedienten; oder daß esein Gesang, und in diesem alsdann nur Em-pfindungen mir Enthusiasmus und Unordnung;oder daß es endlich eine Fabel seyn müsse, wennetwas ein Gedicht seyn soll? Man stelle sicheinmal vor, unser Clima wäre zuerst bevölkert,unsre Nation zuerst zivilisirt, unsre Sprächezuerst ausgebildet worden. Unsre Religion,unsre Geschichte, unsre Raturkenntnisse, unsreRegierungsformen wären die ältesten gewesen.

Hätte sich wohl auch ein einziges Stück deralten Dichtkunst so vorstellen lassen, wie es jetztist? Hätte wohl irgend ein Mensch an Epo-peen und Oden und Schauspiele nach Art derAlten denken können? Würden wir wohl,wenn wir von der ganzen Natur und demmenschlichen Geschlechte nichts weiter gewußthätten, als was wir jetzt wirklich vor Augenhaben, alle die Einrichtungen abgerechnet, dieschon den Geist der alten Zeit in die unsrigeverpflanzen; würden wir wohl auf viele vonden Regeln gekommen seyn, die jetzt die klaßi-schen Schriftsteller der Neuern beobachten?

Man sehe nur, wie genau die ganzen For-men unsrer poetischen Werke zu der Lage undVerfassung und Geschichte von Griechenland,und wie wenig sie zu der unsrigen passen. Beyjener machen sie einen Stein des ganzen Ge-bäudes aus, bey uns sind sie ein angeflickterZierrath. Ihre Epopee enthielt ihre älteste Ge-schichte, den Ursprung ihrer Städte und ihrergroßen Geschlechter. Was der Dichter dort ineine zusammenhängende Erzählung brachte, dashörte stückweise schon das Kind an der Brustseiner Mutter, das besang der Jüngling an denFesten der Götter und Helden, davon redete derSachwalter vor Gerichte, der Patriot im Rathe,der Heerführer im Felde. Ihre Oden, ihreSchauspiele, der Stoff und die Form derselben,waren in die besondern Ceremonien ihres Got-tesdienstes, oder in die besondern Feyerlichkeilenihrer Zusammenkünfte, oder in die Verfassun-gen ihrer Regierungsformen so eingewebt, daßsie nur unter diesen auf alle Weise ihre Ver-anlassung, ihre Beziehung, ihre volle Wirkunghatten.

Der Glanz, den ein berühmt gewordenerDichter oder Redner von sich wirft, blendetohne Zweifel seine unmittelbaren Nachfolger ammeisten, und die Nachahmungssucht ist in derThal niemals ausschweifender und sklavischer,als gleich nach der Epoque der Erfinder. Sowar es in Griechenland, so in Rom, so inItalien zu den Zeiten Petrarchs. ^)ie, erstenDichter wurden von den nächsten Jahrhunder-ten nicht bloß als Originale angesehen, die manaus freyer Hand nachzeichnen wollte, sondernals Modelle, in welche man sein Werk bis ausdie kleinsten Fugen passen mußte. — Nach undnach, da die Anzahl der aufgeklärten Völker,unter denen es Dichter giebt, größer gewordenhaben sich auch die Originale vermehrt: dieVerehrung hat sich getheilt, die Philosophie hatuns Möglichkeiten gewiesen, wo wir auch nochkeine Beyspiele haben, und wir, die wir jetzt sospät kommen, haben eben dadurch, daß uns soviele Muster zum Nachahmen überliefert wor-den, den Vortheil erlangt, daß es uns leichterwird, mitten unter der Nachahmung noch et-was von dem eignen unsers Kopfes und Her-zens zu behalten.

So erhält der menschliche Geist in seinemweitesten Fortgange auf einige Art das Rechtwieder, was er bey seinen frühesten Versuchengehabt hatte. Die ersten Genies waren Origi-nale gewissermaßen aus Nothwendigkeit. Washätten sie anders seyn sollen, da sie die erstenwaren? Die nachfolgenden waren viele Jahr-hunderte durch, aus Trägheit und aus Bewun-

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