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Christian Garve.
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derung, ihre Nachahmer. Dieser Einfluß würdevielleicht nicht so lange und so merklich fortge-dauert haben, wenn nicht Zwischenzeiten vonUnwissenheit und Barbar«) den menschlichenGeist aus seiner Laufbahn aufgehalten oder ihnbeynahe wieder ganz bis an die Schranken zu-rückgebracht hätten. Und wäre es nur nochreine einfältige Unwissenheit, ein Mangel allerCultur gewesen: so hätte sie wenigstens dieFreyheit des Menschen in den Operationen sei-ner Sinne und seines Verstandes wieder her-stellen können. Die Gesellschaft, und die Wis-senschaften hätten alsdann ihre Reise wiedervon vorne angefangen: und nach einer Reiheähnlicher Revolutionen wäre» unsre Homereoder Solons doch auch erschienen. Aber sowaren es Jahrhunderte einer verkehrten unge-stalten Gelehrsamkeit. Die Anhänglichkeit fürdas Alterthum dauerte fort, aber man kannteund verstand dieses Alterthum nicht mehr. Alsman sich nun aus dieser Dunkelheit hervorar-beitete; so hatte man die alten Muster nochimmer im Gesichte. Die Erhabenheit derselbenüber alles, was in den spätern Jahrhundertenoder von andern Nationen war hervorgebrachtworden, war augenscheinlich. Die Hochachtungfür sie mußte ohne Gränzen seyn. Die Schwie-rigkeit, die es kostete, sie zu finden und zu er-gänzen, und die Arbeit, die man sich machte, siezu erklären, waren sehr geschickt, diese Hoch-achtung noch höher zu treiben. Nach und nachist dieses Studium durch die Menge der schonvorhandenen Hülfsmittel weniger schwer, undnach eben dem Maaße weniger eifrig geworden.Der Mann von Genie hat auch bey der Lesungder Alten doch noch einige Muße übrig behal-ten, an seinen eignen Ideen zu arbeiten. —Die Philosophie hat endlich ihr Licht auch andiese Gegenstände gebracht.. Sie hat uns dieRegeln, die ihren Grund in dem Beständigender menschlichen Natur haben, von denen un-terscheiden gelehrt, die aus dem veränderlichenZustande derselben fließen.
Alles das zusammengenommen hat zwarnicht unsrer Litteratur die Grundzüge nehmenkönnen, die von der allen Griechischen undRömischen in ihr liegen: aber es hat doch we-nigstens die Gestalten und Farben derselbengeändert.
Eben diese Philosophie ist es, welche unsreSchriftsteller noch zu Originalen, wenigstens ineinzelnen Theilen ihrer Werke, machen kann.
Nämlich derjenige Theil der Dinge, welcher derEmpfindung nicht unmittelbar offen liegt, dererst durch eine Reihe von Beobachtungen undSchlüssen aus ihnen gefunden werden muß,wird da genauer erkannt, wo nicht jeder Menschmit seinen Erkenntnissen immer von vorne an-fangen, und alle die ersten einfachsten Erfah-rungen wieder durchwandern muß, sonder» woer bey seinem Eintritte in die Gesellschaft dasResultat von den Erfahrungen seiner Vorfah-ren concentrirt erhält, und von diese» nun-mehr ausgehen kann. Die ältesten Menschenspannen sich» so zu sagen, den ganzen Faden ihrerIdeen selbst: sie kannten ihn deswegen genau,er war völlig ihre, aber weit fortgesetzt war ernicht. Jetzt bekömmt jeder Mensch durch Ueber-lieferung und Unterricht schon ein ganzes Ge-
webe von Ideen in die Hand, das er selbstnoch nicht übersehen kann, das er indeß alseinen unbekannten Schatz verwahret, bis er esnach und nach bey Gelegenheit aus einanderwickelt. — Und alsdann erst, wenn er damitfertig ist, dasjenige, was er von fremden Ge-danken bekommen hatte, in seine eignen zuverwandeln: alsdann erst kann er nun anfan-gen, umherzugehen und sich selbst Gegenständefür seine eigne Bearbeitung aufzusuchen.
Zu denjenigen Dingen, deren Kenntniß nichtbloß Empfindung, sondern auch Zergliederungdes Empfundenen verlanget, gehört die Ent-stehung und die Abwechselung der Begierden;aber noch weit mehr die Art der Erzeugungund der Entwickelung der Ideen selbst, derMechanismus, nach welchem die Seele bey ihrenOperationen verfährt, die Triebwerke und dieGesetze ihrer Bewegungen. Diese müssen wiralso von Rechtswegen besser kennen, als dieAlten. Hingegen die Aeußerungen derselben,die Geberdensprache, die von der Leidenschaftunwillkührlich ausgestoßnen Worte; alles wasvom innern Menschen merklich in den äusser»übergeht: das konnten sie so gut wissen wiewir, denn es gehören nur Lugen und Aufmerk-samkeit dazu; ja sie bemerkten es vielleicht bes-ser, eben weil sie nichts weiter zu bemerkenharten. Daraus entspringen zwei Unterschiedezwischen unsern Dichtern und den ihrigen. Erst-lich: jene zeigen uns mehr das Innere, diesemehr das Aeußrc der menschlichen Handlungen.Unsre Dichter sind schon eine Art Metaphysiker,und müssen es fast für uns seyn. Sie zerglie-dern die Empfindung, die der Alte ganz ein-fach durch ein Wort ausgedrückt härte, in dieSumme der einzelnen Bewegungen, aus denensie sich erklären läßt. Sie sagen uns nicht bloßdie Gedanken, die der wirklich hatte, welcherin der vorgestellten Verfassung war; sondernauch die, welche bloß dunkel in seiner Seelezum Grunde lagen, und in der Leidenschaft sichäußerten, ohne von dem Verstände bemerkt zuwerden. Sie sondern in dem Gemälde dermenschliche» Seele die Züge, die in Eins ver-laufen waren, von einander ab, und lassen diegeheimern kleinern Triebfedern einzeln vor un-sern Augen spielen, welche die Natur uns nichtanders als in ihrer vereinigten Wirkung zeiget.Der Alte hingegen nennt das Phänomen so imGanzen, wie wir es sehen, beschreibt und er-klärt nichts: ist genau, reich, umständlich, wenner die Wirkungen erzählt; unbestimmt, arm,kurz, wenn er ihre Ursachen angiebt. Zwey-tens: wenn unsre Dichter originell seyn sollen:so können sie es nicht anders seyn, als durchneue Entdeckungen in diesem Theile der Natur.Der andre Theil ist erschöpft, oder für unszerstreute Zuschauer weniger sichtbar. Und sosind auch diejenigen originell geworden, welchenwir zu unsern Zeiten dieses Verdienst zugestan-den haben. Sie haben irgend eine neue Classeder Empfindungen wahrgenommen, verborgneUnterschiede und Schattirungen sonst ähnlicherVeränderungen der Seele entdeckt, die Begriffe,die in einer zusammengesetzten Vorstellung odereiner Begierde verborgen liegen, richtiger er-forscht. Die Alten konnt«, originell seyn, selbstin dem ganz sichtbaren Theile der Natur.
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