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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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433-434
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Christian Garvc.

Der Borzug, den in diesem Stücke unserJahrhundert vielleicht vor allen übrigen voraushat, ist augenscheinlich. Man müßte in derThat seine eigne Empfindung verleugnen, wennman sagen wollte, daß man den Menschen von 5seiner innern Seile, die Philosophie seines Her-zens, in den Alten mehr oder nur eben so gutkennen lernte, als in einigen vortrefflichen Wer-ken der Neuern. Vielleicht sind dafür Hand-lungen und Reden bey jenen genauere Kopien 10der damaligen Natur, als sie es bey unsernDichtern von der unsrigen sind. Unsre Ima-gination bekömmt dort vielleicht getreuere Bil-der: aber unser Verstand erhält weniger Be-griffe, oder weniger Unterschiede unter ähnlichen 15Begriffen. Unser Herz wird vielleicht heftigerangegriffen; aber die Schläge sind einförmiger,und zielen mehr daraus ab, das Ganze unsrerEmpfindungen überhaupt in Bewegung zu setzen,als eine jede einzelne Saite derselben besonders 28zu rühren.

Kein Unterschied zwischen den alten undneuen Dichtern ist sichtbarer als der, daß jenemehr Dinge wußten und schilderten, dieser ihreKenntnisse eingeschränkter, aber tiefer sind. 25

Es giebt itzt unter dem Haufen der wißba-ren Dinge einen Theil, der, so zu sagen, dasgemeinschaftliche Gut aller menschlichen Geisterausmacht, Gegenstände, die allen gleich wichtig,ungefähr gleich bekannt sind, und deren Erler- 38nung die gewöhnliche Art der Uebung ist, diejeder seinem Verstände giebt. Andre hingegensind nur das Eigenthum einer gewissen Gat-tung von Menschen: die übrigen kennen sienicht- Und von der Unwissenheit bis zur Ver- 35achrung ist nur noch ein Schritt: — sie neh-men auch keinen Theil daran. Ein solcher Un-terschied war in der ersten Epoche wenigersichtbar. Der alte Dichter breitete sich also inder That über den ganzen Umfang der Natur, 48der slünste und der Geschäfte des Menschen aus.

Die Beschreibung eines Wagens, eines Rades,einer Handarbeit, eines Schildes, eines Gebäu-des war für ihn beynahe gleich erheblich. Alleswar noch neu. Heute zu Tage ist der Dichter 45in allem, was zu den Arbeiten der niedern Klas-sen gehört, unwissend; und der Leser in Absichtderselben ekel. Der eine ist nicht im Standesie zu beschreiben, und der andre hat kein In-teresse sie kennen zu lernen. so

Von wie viel Sachen mußte Homer nichtKenntnisse »haben, von denen unsre heutigenDichter nichts wissen; eben deßwegen nichts wis-sen, weil sich itzt so viel davon wissen läßt:aber nur durch Studium und Fleiß, da Homer, 55zu dessen Zeit jede Klasse der Kenntnisse nocharm war, leicht den ganzen Vorraih einsamm-ln konnte, ohne selbst recht zu wissen, wie erzu demselben gekommen war. Welcher Dichterweiß itzt bey uns, wann die Plejaden auf- und 60untergehen? welcher Wind der angenehmste undwelcher der Regciuvind sey? welche Tage zurSaat dieser oder jener Frucht taugen? Werkennt den Bau des Pfluges, des Weberstuhls,des Schiffes, und weiß die Handgriffe, durch 65die sie gebraucht werden? Wem ist die Be-schaffenheit und die Lage aller Städte und Dör-ser seines Vaterlandes so gut bekannt, als demHomer die von Griechenland und Klein-Asien? ,

Kurz, yros. ?i>.

Wer kennt die Rüstung unsrer Soldaten, ihreArt zu fechten, die Anordnung eines Heeres sogut? Wer ist von den Erdarten, den beson-dern Producten, dem Klima jeder Provinz sogut unterrichtet, als Homer, dessen gewöhn-lichste Beywörter davon entlehnt sind? Allesdas sind Dinge, die uns entwischen, weil wirunsern starren Blick nur auf Einen oder we-nige Gegenstände gerichtet haben, um diese ganzzu durchschauen; da jene ihr freyes unange-strengtes Auge in der ganzen weiten Welt um-herschweifen, und auf jedem Gegenstände ruhenließen, der sich durch irgend eine Art von Neu-heit oder Sonderbarkeit auszeichnete.

Was insbesondre die Natur ausserhalb demMenschen betrifft; von wie viel Thieren ccherPflanzen können unsre Dichter reden, ohne un-verständlich oder niedrig zu werden? Wie vielevon den Erscheinungen der todten Natur sindnicht gänzlich aus der Zahl nachahmbarer Ob-jecte bey uns ausgestrichen, weil sie weder rechtgenau gekannt werden, noch edle Namen haben,noch bey dem Leser diese schon vorläufige Kennt-niß der Sache finden, ohne welche die besteBeschreibung für ihn bloße Wörter sind? Andrewerden noch in unsre Nachahmungen aufgenom-men, aber wir schildern sie nicht nach unserneignen Beobachtungen, sondern nach Begriffen,die wir von andern und großenlheils von altenDichtern überkommen haben. Sehr wenige sehendie Natur so, wie sie innerhalb ihres eignenGesichtskreises liegt, und wie sie deßwegen voneinem Bezirke zum andern abwechselt. DenBeschreibungen der Alten sieht man es an, daßsie aus der Stelle sind gemacht worden; allesschickt sich nur auf ihr Land, ihre Menschen,ihre Geschichte. Selbst jede ihrer Erdichtungenhieng auf gewisse Weise mit der Wahrheit zu-sammen. Unsre Erdichtungen gehen in die weiteWelt hinaus, und sehen dem einen Lande, dereinen Epoche so ähnlich wie der andern. Wirrichten uns blos nach den allgemeinen Gesetzender Natur; sie, weit mehr nach den Verfassun-gen und Denkmälern ihres Volks.

Aus dem, was wir bisher gesagt haben,wird sich erklären lassen, was die Simplicitätheiße, die man den ältesten Schriftstellern, alseinen ihnen eignen Charakter zuschreibt, unddie, wie man vorgiebt, die größte Schwierig-keit für den Uebersetzer derselben in eine unsrerSprachen ausmacht. Diese Simplicität ist nichtsanders, als die zusammengefaßte unentwickelteEmpfindung aller der Verschiedenheiten zwischender Art, wie wir die Sachen sehen und aus-drücken, und zwischen der ihrigen. Ungefährfolgende Stücke sind einige von den Ursachendieser Empfindung. Sie schildern alle Artenvon Gegenständen, seltene und gemeine, be-kannte und fremde; wir sind gewohnt, nur ge-wisse Gegenstände der Beschreibung und Be-trachtung werth zu halten. Sie gehn mir ihrerganzen Absicht niemals weiter, als uns das Bildder Sache, von der sie reden, zu überliefern.Wir brauchen die Begebenheiten die wir erzäh-len, die Objecte, die wir schildern, gemeiniglichnur als Gelegenheiten, eine Anzahl guter Ideendie wir in unserm Kopfe gesammelt haben,anzubringen. Sie legen niemals in den Aus-druck einen größern Reichthum von Gedanken,28