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Christian Garve.
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als der in dem Gegenstände selbst liegt. Wirhaben fast immer noch ausser der Absicht, derImagination des Lesers ein gewisses Bild vor-zustellen, die zweyte, in seinem Verstände ge-wisse Betrachtungen zu veranlassen. Sie such-ten geringscheinende Gegenstände, wenn sie ihnenauf ihrem Wege aufstießen, nicht durch feineNebenzügc, durch veranlaßte Anwendungen der-selben, durch bewirkte kleine Verhältnisse miterheblichern, wichtig zu machen. Bey uns wirdder gute Schriftsteller in diesem Falle immereine Art von Kunstgriff gebrauchen, uns nochan etwas anders denken zu lassen, als was ergeradezu sagt. Sie nahmen allen ihren Stofffast durchgängig aus der Geschichte ihres Lan-des, und noch dazu aus einer gewissen Epochederselben; sie erfanden niemals ganz neue Sub-jecte, sondern setzten höchstens zu den alteneinige neue Umstände hinzu; alle ihre Fabelnhaben auch deswegen einen gemeinschaftlichenCharakter. Wir haben in den unsrigen mehrMannichfaltigkeit, weil sie ganz von unsrerWahl abhängen. Sie suchten in ihren Gemäl-den nur Wahrheit, nicht Abwechselung; undwenn deswegen in dem Laufe der Begebenheitdieselbe Sache wieder vorkam: so scheuten siesich nicht, sie auf dieselbige Art zu sagen. Wirsind mit der Richtigkeit noch nicht zufrieden,oder wir opfern auch wohl einen Theil dersel-ben auf, wenn nur unsre Neubegierde unter-halten wird; das immer Veränderte in denVorstellungen ist für unsre Seelen, deren üb-rige Triebfedern schon zum Theil abgenutzt sind,ein nothwendiger Reiz geworden, wenn sie unsgefallen sollen. Sie richten sich in der Um-ständlichkeit ihrer Schilderungen nicht nach derRangordnung, die unser Stolz oder auch derMißbrauch gewisser Sachen unter den Gegen-ständen gemacht hat. Bey uns werden nurwenige ausführlich gezeigt, andre kommen nurberührt wieder, noch andre müssen wir mit ei-ner Decke überziehen, die sie geheimnißreicherund anziehender zugleich machen. Sie fassen inihrem Ausdrucke alles das in Eins zusammen,was in der Empfindung der Seele nur als ein-fach vorkömmt. Wir sondern das alles voneinander ab, und drücken es einzeln aus, wasder Verstand mannichfaltiges in dieser Empfin-dung wahrnimmt. Ihre Vorstellungen gehensehr auf das einzelne, und bestimmen jedenTheil der Sache, wenn ihr Anblick geschildertwerden soll^ sie halten sich blos an das Allge-meine, und geben nur überhaupt die Gattungan, wenn ihre Kräfte und Gesetze berührt wer-den. Wir hingegen geben von den sichtbarenVeränderungen nur ungefähre schwankende Bil-der, von den geistigen genaue zergliederte Be-griffe.
llus dem Hausen dieser Verschiedenheitenwollen wir noch besonders zwcye heraus heben.
Erstlich: alle alten Gedichte der Griechensind eine Art von Denkmälern, die zwar nichtdie genaue Wahrheit und die wirkliche Ge-schichte enthalten, aber doch etwas ihr ähnlichesüberliefern. Alles, was ihre Dichter von ihrenGöttern und Helden erzählen, so unwahrschein-lich es auch seyn mag, wenn es mir der Na-tur der Dinge und des Menschen überhaupt
verglichen wird, bekömmt doch eine Art vonGlaubwürdigkeit, wenn man es mit der Naturund der besondern Geschichte des Landes ver-gleicht. Das System ihrer politischen und got-tesdienstlichen Einrichtungen, viele unläugbareFakta der folgenden Zeiten, viele fortdauerndeSpuren der ältesten Periode hängen auf gewisseWeise mit den Fabeln der Dichter zusammen,und scheinen dieselben vorauszusetzen. Zwischender wirklichen und der mythologischen Geschichtewar doch ein gewisses Band, das, wenn es nichtder letztern die Glaubwürdigkeit erwarb, ihrwenigstens mehr Interesse gab, und sie unge-fähr zu eben dem machte, was unsre Hypothe-sen in der Naturlehre sind, zu Voraussetzungen,aus denen sich Umstände und Begebenheiten,die wirklich erfolgt sind, erklären lassen. DieDichtkunst scheint sich bey allen Völkern, dieihre Ausbildung nicht von andern bekommenhaben, ihre Götter und Helden und die ehr-würdigsten Zeiten ihres höchsten Alterthums zu-geeignet zu haben. Wie Homer und Sophok-les auf den trojanischen Krieg, so kömmt Davidimmer auf die Ausführung aus Aegypten undden Untergang der Aegypler zurück.
Nothwendig aber mußte das, was wir zuunsern Zeiten als die Absicht der Dichtkunstansehen, durch diese eingeschränkte Wahl ihrerSubjecte zum Theil vernichtet, zum Theil ineinen bloßen Nebenzweck verwandelt werden.Die Personen wurden weder gut noch böse vonden Dichtern gewählt; sie wurden so genom-men, wie sie jedermann glaubte. Die geheimenTriebfedern der unsichtbar wirkenden Kräftesprachen den Dichter davon frey, die Bewe-gungsgründe und Veranlassungen unter densichtbaren Kräfte» und in ihren bekannten Ge-setzen aufzusuchen. Die Begebenheit im Ganzenward schon als bekannt und geglaubt voraus-gesetzt; es wurde also nicht mehr gefragt, obsie habe geschehen können: nur das, was nachdieser Voraussetzung in den einzelnen Theilender Handlung hatte erfolgen können oder müs-sen, nur das war dem Dichter übriggelassen,nach seiner Kenntniß von Natur und Wahr-scheinlichkeit zu bestimmen. Das Principiumwar die Ueberlieferung, aus diesem durfte nurrichtig gefolgert werden. — Die moralischenZwecke also, Thorheiten zu verspotten, oderTugenden zu empfehlen, oder Wahrheiten zulehren, fanden bey Leuten nicht statt, die nichteinen eignen Stoff bearbeiteten, sondern einensolchen, welcher das Eigenthum der Nation ge-worden war. — Ihre Fabeln waren eben des-wegen einfacher, nicht blos weil sie das Einfacheliebten, weil ihr Genie fruchtbarer war, aussehr wenigen Zufällen eine Menge interessanterReden und Handlungen herauszuziehen; sondernvornehmlich weil ihnen diese Fabeln so einfachwaren überliefert worden, weil es Fabeln wa-ren, die man nicht zum Vergnügen erdichtethatte, sondern die nach und »ach durch unmerk-liche Zusätze und Abänderungen aus der erstenTradition waren gebildet worden. — Ueberhauptmuß alles das, was von einem einzigen Kopfej„ der Absicht hervorgebracht wird, zu unter-richten oder zu rühren, einen ganz andernCharakter haben, als was so zu sagen das Re-sultat von tausend Köpfen, und der Zusammen-
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