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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
437-438
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Christian Garve.

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fluß von Ideen und Meynungen einer noch ganzuncultivirten Nation ist.

Für uns ist dieses Band, das die dichteri-sche Welt mit der wirklichen zusammenhieng,zerrissen; die Erdichtungen oder selbst die Ge-schichten, welche die Dichter bearbeiten, können aufuns keine andre Beziehung haben, als die ihnenzukommen, insofern es menschliche Begebenhei-ten sind; wir müssen also nothwendig von einerandern Seite den Eindruck verstärken, der ihnenvon der einen abgeht. Unser Verstand undunser Herz sind dem Vergnügen verschlossen,das dem Griechen die Thaten seiner ältestenHelden, durch seine ältesten Weisen beschrieben,machen mußten; aber beyde stehen immer nochdem Vergnügen offen, das mannichfaltige undlebhafte Ideen oder gesellschaftliche Neigungenin ihnen erregen kann. Unser Dichter muß noth-wendig mehr Absichten sich vorsetzen, als seinWerk unmittelbar ankündigt.

Bey der Bildung unsrer neuen Dichtkunstist ein Streit von entgegenwirkenden Ursachenmerklich. Durch die Bewunderung, die manfür die Alten hatte, wurde man zu der Nach-ahmung derselben gezogen, man suchte so vielman konnte, sich in ihre Zeit und Umstände zuversetzen, ihre Denkungsart anzunehmen, undsah die Aehnlichkeir mir ihnen für das höchsteVerdienst eines Werks an. Durch die Verän-derungen hingegen, welche unterdessen in Spracheund Religion und Wissenschaften und sogar Aber-glauben vorgegangen waren, wurde diese Nach-ahmung zum Theil unmöglich. Man konntenicht mehr völlig sich in den Gesichtspunkt setzen,aus dem die Alten die Dinge angesehen hatten,oder man kam immer von Zeit zu Zeit wiederzu dem seinigen zurück. So vermischten sichdie Farben des Antiken und des Modernen;Begriffe, die ihre Gegenstände nur in jenerZeit hatten, mir einer Ausführung derselben,die nur auf die unsrige paßte.

Und diese Nachahmung mußte nothwendigmehr auf den äußern Bau, auf die Wahl derVerzierungen, auf die Form des Werks gehn,als auf das innere Wesen desselben. Man über-liefert uns die Alten als Muster der Bortreff-lichkeir, di, das Zeugniß aller Jahrhunderte fürsich haben. Aber diese Vortrefflichkeit nehmenwir anfangs nur auf Treu und Glauben an,und weit eher, als wir sie durch uns selbst inihren Werken zu finden im Stande sind. Denndie Sprachen, in denen sie geschrieben sind, er-fordern ein langes Studium; und wenige ge-langen dazu, sie bis auf den Grad zu kennen,daß das Lesen des Originals auf sie denjenigenunmittelbaren Eindruck des Vergnügens macht,nach welchem wir ohne weitere Regeln von demVorzüge eines Werks urtheilen können. Das-jenige, wovon dieser Eindruck abhängt, liegt inder That bey den Alten wie bey den Neuenweit weniger in dem, was sich durch allgemeineRegeln sagen, erklären und finden läßt, als inder unnennbaren Richtigkeit und Malerey desAusdrucks: in tausend Kleinigkeiten, die so indas Innere der Sprache verwebt sind, daß nichtder Verstand, sondern nur das Gefühl sie be-merken kann. Man darf sicher aus der Schwie-rigkeit, die es kostet, sich ein solches Gefühl zuerwerben, und der Menge der Bewunderer, die

dem unerachtet die Alten haben, schließen, daßder größte Theil es nur aus einer falschenSchaam ist; sie fürchten durch einen öffentlichenWiderspruch gegen die allgemeine Meynung sichden Verdacht eines üblen Geschmacks oder einesMangels an Kenntniß zuzuziehen.

Was also von den Allen am meisten nach-geahmt wurde, was sich bey ihnen auf etwasallgemeines und deutliches bringen, in Re-geln abfassen, in ein System vereinigen ließ;das ist, ihre Geschichte, ihre Maschinen, ihreMetaphern, der Gang ihrer Epopee, ihresTrauerspiels, ihrer Ode, ihre Erklärungen dernatürlichen Phänomene, ihre politischen Gesin-nungen lz. B. ihre ausschließende Hochachtungfür die Tapferkeit, und für die Ehre einesKriegersj, ihre Anzeichen und Prophczeyungen,u. s. w. -

Im Einzelnen hingegen, in der Ausführungbehalten die Werke der Neuern, so sehr sie sichauch mir dem Geiste der Alten mögen genährthaben, doch immer das Gepräge eines Jahr-hunderts, das immer weniger und weniger sinn-lich wird; dessen Imagination sich immer weitervon der bloßen Zusammensetzung von Bildernentfernet, und unter der Aufsicht der Philoso-phie nur an der Verschönerung allgemeinerIdeen arbeitet. Das System der Alten warrein, einfach, ganz allein durch ihre eignen Um-stände bestimmt; das unsrige ist vermischt, zu-sammengesetzt) der Abdruck zweyer verschiedenenGestalten des menschlichen Geschlechtes zugleich.

Es ist eine bekannte Anmerkung, daß essehr wenig schön gesagte Gedanken giebt, dienicht etwas falsches enthielten, die nicht umschön zu werden, etwas hätten müssen übertrie-ben werden. Man muß entweder das in dervollkommensten Allgemeinheit ausdrücken, wasnur auf einige Fälle paßt, oder man muß denhöchsten Grad nennen, wo nur ein niedrigerervorhanden ist. Ideen, die nur einige Verschie-denheiten haben, müssen durch die Verbergungihrer Aehnlichkeiken zu einem vollkommnen Con-traste erhöht; andre, die sich nur in einigenMerkmalen ähnlich sind, zur vollkommnen Ueber-einstimmung gebracht werden. Man untersucheeinmal die glänzendsten Ideen aus den bestenphilosophischen Dichtern unsers Jahrhunderts,aus den Philosophen selbst, die aber zugleichschön schreiben wollen, und frage sich, ob dieSache genau immer so sey, wie sie sie vorstel-len? ob es nicht oft eben so viel Ausnahmenals Fälle gebe, die unter die Regeln paffen?ob nicht etwas von der Wahrheit habe ver-schwiegen oder verfälscht werden müssen, um dieVorstellung stark und neu zu machen?

Diese vorschliche Unwahrheit in den Gedan-ken, die ihren Ausdruck reizender macht, würdeich zu einem unterscheidenden Charakter derNeuen machen, und hingegen das Matte undwie es scheint Kraftlose im Ausdrucke, mit ei-ner genauen Wahrheit verbunden, zum Cha-rakter der Alten.

Wenn zum erstenmal ein beobachtender Geist,eine Verbindung der Dinge, eine gewisse Folgevon Ursachen und Wirkungen, eine Aehnlichkeitoder Verschiedenheit unter den Gegenständen,gewisse Regeln in den Operationen des Men-schen und der Natur entdeckt hatte: so wardst

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