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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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439-440
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Christian Garve.

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Neuheit dieser Erfindung schon genug, denAusdruck auffallend und stark zu machen. Ichbegreife recht wohl, warum gemeine Gedanken,Sentenzen die jetzt in dem Munde unsrer Kin-der und unsrer Diener sind, in den ersten Zei-ten einem Manne den Titel eines Weisen er-werben konnten. Denn in der Thal solcheGedanken und Sentenzen sind alles, was unsdie philosophische Geschichte von den meisten derersten Weisen aufbehalten hat. Ein solcherGedanke war von großem Werthe, als er daserstemal aus der Hülle der einzelnen Erfahrun-gen herausgezogen, und mit allgemeinen Wor-ten noch richtig und bedeutend abgebildet wurde.Es gehörte ein hoher Grad von Scharfsinn da-zu, diese ersten Grundsätze, aus die noch durchkeine vorhergehenden allgemeinen Begriffe dieSeele geführt wurde, der Natur selbst abzuler-nen. Man denke nur, wie schwer es uns jetztnoch wird, jetzt da wir einen so großen Vorrathvon erklärten zergliederten Ideen haben, derenAusdrücke wir nur auf eine neue Art zusam-mensetzen dürfen, um das Eigenthümliche unsrereignen Ideen auszudrücken: wie schwer es unsdem unerachtct noch wird, ein Gefühl, das wirohne Anweisung oder Beyspiel, bloß durch dieVerbindungen und Umstände unsers eignen Le-bens bekommen haben, bis zu der Deutlichkeitzu erhöhen, daß es sich mit Worten verständ-lich ausdrücken und mittheilen läßt. Und manwird begreifen, welches in der That die Größeeines Geistes seyn mußte, der, ohne diese Hülfs-mittel, seine Sprache zum erstenmal zu demAusdrucke solcher ihm eignen Erfahrungen brin-gen, und die Form finden mußte, in welchemseine Idee kenntlich blieb. Aber mehr brauchtees auch alsdann nicht, sie vortrefflich zu machen.Bey uns hingegen ist diese erste Anzahl vonIdeen schon durch tausend Köpfe gegangen, vonallen gedacht, gesagt, und etwas berührt wor-den. Einen großen Theil davon lernen wirschon an der Brust unsrer Mütter, oder aufdem Arme unsrer Wärterinnen. Unser Umgang,unsre Bücher, alles erfüllt uns mit solchenGrundsätzen und Bemerkungen, und macht unsmit ihnen so bekannt, daß wir sie anfangengeringe zu schätzen. Ihnen also mehr Lebenund Stärke in unsrer Seele zu geben, müssensie durch den Ausdruck erhöht, geschärft, ver-feinert werden. Wenn man die Bilder undIdeen seines Kopfes für das Vergnügen einesFremden zurichten will: so muß man sie demandern nicht bloß mittheilen, denn er hat diemeisten derselben schon, und er würde sie alsoals ein Geschenk, das man ihm mit seinemEigenthume machen wollte, verachten: sondernman muß ihm zugleich eine ausgebreitetere Nutz-barkeit derselben, einen größern Umfang vonFällen, die er darunter zusammenfassen kann,eine größre Mannichfaltigkeit von darinn ver-borgenen Vorstellungen zeigen, als er bisher inihnen wahrgenommen hat. Was man feineGedanken nennt, sind gemeiniglich solche, woausser der ersten offenbaren und deutlich ausge-drückten Verbindung der Ideen, noch eine andreverstecktere bloß angezeigte Verhältniß derselbenunter sich oder mit gewissen Gegenständen ge-meynt ist. Starke Gedanken sind die, wo man-nigfaltige Wirkungen unter eine einzige Ur-

sache, viele Fälle unter eine Regel, diele Ideenunter einen einzigen Ausdruck gebracht werden.

Wir finden einen großen Theil dieser An-merkungen durch eine Art von Originalen be-stätigt, die aus den alten Zeiten zu uns gekom-men sind; ich meyne die Stücke der alten heb-räischen Poesie. Hier sehen wir eine andreNatur, andre Meynungen, andre Begebenhei-ten , eine andre Verfassung eben so ungehindertauf den Geist des Dichters wirken. In derThat sind auch die Werke, die er bervorbringt,eben so originell, eben so seinem Volke undLande angemessen, als die Werke der Griechenden ihrigen. Nur ist hier die Denkungsart nochantiker: die Einbildungskraft noch geschäftiger,der Bilder noch mehr, der abstracten Begriffenoch weniger, und diese noch schwankender; dieSprache nicht bloß allegorisch, sondern zumTheil noch hieroglyphisch; noch mehr Feuer undEnthusiasmus in der Beschreibung der sichtba-ren Natur; noch weniger Kenntniß des innernMenschen, seiner Fähigkeiten und Neigungen;die Ideen noch alle mehr einzeln, alle gleichsamnoch einfache Erschütterungen der Empfindung,ohne bemerkte Verhältnisse; aber alle diese Ge-genstände immer in Beziehung auf die Religion;der ganze Stoff der Dichtkunst durch die be-ständige Verbindung mit einer Gottheit belebtund veredelt; und zwar einer Gottheit nachdem würdigsten Begrisse, den sich je der mensch-liche Geist von diesem Wesen gemacht hatte.

Auch diese Dichter haben wir nachzuahmenangefangen. Aber wir können uns in der Thatnoch weniger in ihre Zeit und in ihren Geistversetzen. Einmal sind der Denkmäler selbst zuwenig. Nur eine lange und häufige Lcctürekann endlich aus der Menge dunkler verworre-ner Begriffe, die jedes Stück einzeln von demCharacter einer solchen alten Zeit zurückläßt,ein klares Ganze machen. Ueberdieß wennSprache und Verfassung schon zu weit vonuns entfernt sind: so geht der Unterschied derDenkungsarten und das Eigenthümliche der Al-ten bis zum Unverständlichen; wir haben nurungefähre, nur ungewisse Vorstellungen, wowir von unsern gewöhnlichen zu weit abgehensollen.

Alles also, was von den Alten und Neuenist gesagt worden, giebt uns zusammengenom-men folgende Charaktere von beyden:

Die Alten waren Originale, weil sie nichtsanders als die Natur selbst zum Muster hatten.Diese Natur war ihr Gegenstand nach allenihren Theilen. Sie beobachteten ihre Erschei-nungen in den verschiedensten Classen; kein Theilder Dinge, keine Verrichtung des Menschen warihnen völlig fremde oder verächtlich. Aber siekannte» auch von der Natur nichts als dieOberfläche, und sorgten für nichts weiter. IhreSprache war dazu gemacht, sinnliche Bilderauszudrücken, und ihr Geist hatte wenig andre.Selbst die reinen Ideen des Verstandes erschie-nen noch unter körperlicher sichtbarer Gestalt. -Ihr Stoff war nicht das Werk ihres Witzes,sondern eine Folge ihres Zustandes, und alsogenau mit ihm übereinstimmend. Das Gefallenwar nicht ihre Absicht. Ihre Werke sind dieWirkungen eines sich selbst gelaßnen Geistes,der in seinen Operationen nur von der Natur

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