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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
441-442
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Salomon Geßner.

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der Dinge und seinem Instinkte geleitet, die-selben durch keine freywilligen Entwürfe undAbsichten in ihrer Richtung verändert.

Die Neuern können in den meisten Fällennicht mehr Originale seyn, nicht nur weil 5schon so viel vor ihnen ist gesagt, schon die er-sten sichtbarsten Phänomene der Natur ihnensind weggenommen worden: sondern vornehm-lich, weil sie sich eher mit den Beschreibungenals mit den beschriebenen Gegenständen bekanntmachen, und eher die Begriffe von den Dingenals ihre Bilder bekommen. Die Natur hatden Augen jedes menschlichen Geistes eins eigneStructur gegeben, damit die Natur sich andersin ihnen abbilden soll. Aber wir verschließen 15sie, und lassen uns dafür erzählen, was andrevor uns gesehen haben. Wo wir also nochoriginal seyn können, das ist in den feinernBeobachtungen innrer Eigenschaften und Ein-richtungen des menschlichen Geistes, der Den- 20

kungsart, der Sitten. Die Gegenstände derNachahmung sind weit eingeschränkter. EinTheil ist unbekannt, ein andrer verächtlich ge-worden. Aber diese wenigen kennen wir bes-ser, und haben sie mehr durchdrungen. UnsreSprache ist für abstrakte Begriffe gemacht, undunser Geist hat ihrer weit mehr als Bilder.Wenn Verstandesideen durch Bilder ausgedrücktwerden, so ist es nicht mehr Bedürfniß, sondernZierralh; es ist nicht mehr die einzige, sonderneine uns fremde Art, sie zu denken. Wirwählen unsern Stoff; unsre eignen Umständekönnen uns nichts weiter als Bemerkungen desEinzelnen zur Ausführung verschaffen. Un-ser Zweck ist das Vergnügen unsrer Leser, undunser Ruhm. Die Werke unsrer Zeit sindDenkmäler von dem, was der menschliche Geistnach Absicht, mit Bewußtseyn und durch sichselbst hervorzubringen im Stande ist.

Salomon Getznev.

I. palemon.

Wie lieblich glänzet das Morgenroth durchdie Haselstaude und die wilden Rosen am Fen-ster ! Wie froh singet die Schwalbe auf demBalken unter meinem Dach; und die kleineLerche in der hohen Luft! Alles ist munter,und jede Pflanze hat sich im Thau verjüngt;auch ich, auch ich scheine verjünget; mein Stabsoll mich Greis vor die Schwelle meiner Hütteführen, da will ich mich der kommenden Sonnegegenüber setzen und über die grünen Wiesenhinsehen. O wie schön ist Alles um mich her!Alles, was ich höre, sind Stimmen der Freudeund des Dankes. Die Vögel in der Luft undder Hirt auf dem Felde singen ihr Entzücken;auch die Heerden brüllen ihre Freude von dengrasreichcn Hügeln und aus dem durchwäffer-ten Thal. O wie lang, wie lang, ihr Götter!soll ich noch eurer Güligkeit Zeuge seyn? Neun-zig male habe ich jetzt den Wechsel der Jahres-zeiten gesehn, und wann ich zurück denke, vonitzt bis zur Stunde meiner Geburt, eine weiteliebliche Aussicht, die sich am Ende mir un-übersehbar in reiner Luft verliert, o wie wal-let dann mein Herz auf! Ist das Entzücken,das meine Zunge nicht stammeln kann; sindmeine Freudenthränen, ihr Götter, nicht einzu schwacher Dank? Ach! fliestet, ihr Thrä-nen! fliestet die Wangen herunter! Wenn ichzurücksehe, dann ists, als hält' ich nur einenlangen Frühling gelebt; und meine trübenStunden waren kurze Gewitter, sie erfrischendie Felder und beleben die Pflanzen. Nie ha-

ben schädliche Seuchen unsere Heerde gemindert;nie hat ein Unfall unsre Bäume verderbt, und40 bey dieser Hütte hat nie ein langwierig Unglückgeruhet. Entzückt sah ich in die Zukunft hin-aus, wenn meine Kinder lächelnd auf meinemArm spielten, oder wenn meine Hand des plap-pernden Kindes wankenden Fußtritt leitete. Mit45 Freudenthränen sah ich in die Zukunft hinaus,wenn ich diese jungen Sprossen aufkeimen sah;ich will sie vor Unfall schützen, ich will ihresWachsthums warten, sprach ich, die Götterwerden die Bemühung segnen: sie werden em-50 por wachsen und herrliche Früchte tragen, undBäume werden, die mein schwaches Alter inerquickenden Schatten nehmen. So sprach ich,und drückte sie an meine Brust, und itzt sindsie voll Segen empor gewachsen, und nehmen55 mein graues Alter in erquickenden Schatten.So wuchsen die Apfelbäume und die Birnen-bäume, und die hohen Nußbäume, die ich alsJüngling um die Hütte her gepflanzet habe,hoch empor; sie tragen die alten Aeste weit60 umher, und nehmen die kleine Wohnung inerquickenden Schatten. Dieß, dieß war meinheftigster Gram, o Mirta! da du an meinerbebenden Brust in meinen Armen stärkest. Zwölfmal hat itzt schon der Frühling dein Grab mit65 Blumen geschmückt; aber der Tag nahet, einfroher Tag! da meine Gebeine zu den deinenwerden hingelegt werden; vielleicht führt ihndie kommende Nacht herbey! O! ich seh' esmit Lust, wie mein grauer Bart schneeweiß