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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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447-448
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Friedrich Karl Freyherr von Moscr.

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Friedrich Karl Freiherp von Moser.

I. Fürsten l

Wann die großen Herren wüßten, wie leichtes ihnen wird, die Herzen der Menschen zugewinnen, sie würden noch ungemein viel mehr 15Gutes thun, sie, deren schmeichelhaftes Vorrechtist, alle die Mittel in sich beysammen zu ha-ben, um unter die übrige unzählbare MengeMenschen, gegen welche sie nur eine kleine Fa-milie ausmachen, Freude, Wonne, Vergnügen 20und Ueberfluß auszubreiten.

Ja, gewiß, wir geben ihnen den Vortheilin die Hand, der ihnen zu einem starken An-trieb tugendhafter und löblicher Handlungendienen könnte. Wir, Unterthanen, seynd nur 25allzugeneigr, das Beste von ihnen zu glauben;wir bedecken und entschuldigen gerne ihre Feh-ler, wir achten und schätzen ihre gute Eigen-schaften gerne aufs höchste; wie leicht ist esihnen, vor tugendhaffc, gerecht, großmüthig 30und menschenliebend gepriesen zu werden; einHerr darf nur nicht offenbar ruchlos, laster-hafft, grausam, geizig und mürrisch seyn, sohat er fein Lob weg; er muß es sehr arg trei-ben, bis sein Nahme stinckend wird vor seinem 35Volck. Uebernehmen ihn menschliche Schwach-heiten, gehl es bis zur Ausschweifung, wozuihnen die Schrankten so leicht geöfner seynd;kaum darf er Spuren der Reue blicken lassen,so ist schon alles wieder gut, vergeben und ver- 40geffen; um ein gutes herzliches Wörtgen giebtihm der Unterthan den Sparpfennig her, wel-chen er seiner Wittwe und Kindern zu hinter-legen sich vorgenommen hatte: ein freundlicherBlick, ein gnädiges Achselklopfen belebet den 45alten Vater, der sich in dem Joch der Geschäfftegrau gedsenet hat.

Sollte man in einem Reich in der Welt diegrößte Anzahl cdelmülhigcr und würdiger Re-genten finden können, so müßte es in Teutsch- 50land seyn, dann unsere Verfassung benimmteinem Regenten keine einige Gelegenheit, Guteszu thun: ja man weise noch einen Staat inEuropa auf, in welchem ein Herr, dessen Ge-biet nur etwa etliche Stunden im Umfang hat, 5,5seine Unterthanen glücklich machen kann, sobald er nur will; und wann man hie und daeinen dieser Herrn findet, der mit dem Häuf-lein seiner Unterthanen, wie ein liebreicher Va-

volk.

ter mit seinen Kindern, lebt, so ist es eben sounmöglich, einem solchen würdigen Regentendie Bezeugungen der herzlichsten Ehrfurcht zuversagen, als man anderer Seits einen kleinenTyrannen, der, da er nichts mehr erschindenkan, die Religion selbst zum Deckmantel seinesEigennuzes gebraucht, billig mit dem Stempelewiger Schande bezeichnet.

Allein, ich sage es mit patriotischen Thrä-nen, wie so sehr wenige seynd derer Regenten,welche das so theure Gcschenck der TeutschenFreyheit ohne Mißbrauch gebrauchen? und wienahe seynd wir denen Zeiten, da man nichtmehr zwischen gut und schlimm, sondern nurzwischen schlimm und noch schlimmer wählendarf. Die Aussicht der mehresten unserer jetzi-gen Landesregierungen ist nichts weniger alströstlich; fast schäme ich mich aber, ein Teut-scher zu seyn, wann ich beherzige, was vieleunserer künftigen Erbfürsten erst vor Leute seynwerden. Werden sie nicht dem Bilde gleichen,das die Heil. Schrifft von K. Rehabcam aufbe-halten hat:Er hielt einen Rath mit denJungen, die mit ihm aufgewachsen waren undvor ihm stunden, und er sprach zu ihnen:Was rathet ihr, daß wir antworten diesemVolck, die zu mir gesagt haben: Mache dasJoch leichter, das dein Vater auf uns gelegethat. Und die Jungen, die mit ihm aufge-wachsen waren, svrachen zu ihm: Du solltzu dem Volck, - - also sagen: Mein kleine-rer Finger soll dicker seyn, denn meines Ba-nkers Lenden. Nun, mein Vater hat auf euchein schwer Joch geladen. Ich aber wills nochmehr über euch machen; mein Vater hat euchmit Peitschen gezüchligct, ich will euch mitScorpionen züchtigen. - - Und der König gabdem Volck ldiesej harte Antwort und verließden Rath, dem ihm die Aellcsten gegebenhalten."

Mein Gram ist vielleicht Unverstand, meinNahme werde aber mit Schmach genennt untermeinem Volck, wann ein unedler Eifer meineTeutsche Brust belebet hat. Die Nachwelt seyeRichter über die Folgen eines Zeugnisses, dessenWahrheit die jetzige Welt gegen Danck undWillen bekräftigen muß.

ll. Deutsche Fand-Täge.

Ein Herr spiele mit seinen Unterthanen dochniemahls die Rolle von Lügen und Betrügen,noch gestatte er, daß sein theurer und Ehrcn-

werthcr Nahme von andern jemahls auf dieseWeife mißhandelt werde.

Was der gute Nahme und Ehre bey jedem