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Justuö Möscr.
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Talente, wenn sie auch von Stolz und Unbe-scheidenheit begleitet werden, mit Recht einerminder geschickten Bescheidenheit vor.
Derjenige Staat würde auch sehr unglücklichseyn, der nicht mehrere und viel mehrere Man- 5ner von Verdiensten besäße, als er belohnenkönnte: und bei dieser Voraussetzung würde esdoch immer für sehr viele Menschen unangenehmseyn, sich vorstellen zu müssen, daß die Belohn-ten auch die vorzüglichsten unter allen wären, 10und jedes Ordensband auch den besten Ritterbezeichnete. Jetzt können diese zu ihrer Beru-higung denken, das Glück und nicht das Ver-dienst hat diese erhoben, oder mit dem Dichtersprechen: hier deckt ein großer Stern ein kleines 15Herz. Allein wenn alles nach Verdiensten ginge:so fiele diese so nöthige Beruhigung ganz weg,und der Schuster, der mit aller Zufriedenheit
an seinen Leisten klopft, so lange er sich schmei-cheln kann, daß er ganz etwas anders als derFrau Bürgermeisterin ihre Pantoffeln flickenwürde, wenn Verdienste in der Welt geachtetwürden, könnte unmöglich glücklich seyn.
Lassen Sie also, liebster Freund! Ihrenschwärmerischen Gedanken von der Glückseligkeiteines Slaates fahren, worin alles nach Ver-diensten gehen sollte. Wo Menschen herrschenund Menschen dienen, ist Geburt und Alter,oder das Dienstaltcr immer noch die sicherste undam wenigsten beleidigende Regel zu Beförderun-gen. Dem schöpferischen Genie, oder der ei-gentlichen Tugend, wird diese Regel nicht scha-den; aber eine Ausnahme von dieser Art istsehr selten, und wird auch nur schlechte Herzenkränken.
V. Wie man zu einem stllten vortrage seiner Empfindungen gelange.
Ihre Klage, liebster Freund! daß Sie sichin Ausdruck und Vorstellung selten ganz voll-kommen genug thun können, wenn Sie einewichtige und mächtig empfundene Wahrheit an-dern vortragen wollen, mag leicht gegründetseyn: aber daß dieses eben einen Mangel derSprache zur Ursache habe, davon bin ich nochnicht überzeugt. Freilich sind alle Worte, be-sonders die todten auf dem Papier, welchen eswahrlich sehr an Physionomie zum Ausdruckefehlt, nur sehr unvollkommene Zeichen unsrerEmpfindungen und Vorstellungen, und manfühlet oft bei dem Schweigen eines Mannesmehr, als bei den schönsten niedergeschriebene»Reden. Allein auch jene Zeichen haben ihreBegleitungen für den empfindenden und denken-den Leser, und wer die Musik versteht, wirddie Noten nicht sklavisch vortragen. Auch derLeser, wenn er anders die gehörige Fähigkeithat, kann an den ihm vorgeschriebenen Wortensich zu dem Verfasser hinauf empfinden, undaus dessen Seele alles herausholen, was darinzurückblieb.
Eher möchte ich sagen, daß Sie Ihre Em-pfindungen und Gedanken selbst nicht genugentwickelt hätten, wenn sie solche vortragenwollen. Die mehrsten unter den Schreibendenbegnügen sich damit, ihren Gegenstand mit allerGelassenheit zu überdenken, sodann eine soge-nannte Disposition zu machen, und ihren Satzdarnach auszuführen; oder sie nützen die Hef-tigkeit des ersten Anfalls, und geben uns ausihrer glühenden Einbildungskraft ein frischesGemählde, was oft bunt und stark genug ist,und doch die Würkung nicht thut, welche sieerwarteten. Aber so nöthig es auch ist, daßderjenige, der eine große Wahrheit mächtig vor-tragen will, dieselbe vorher wohl überdenke,seinen Vorlrag ordne, und seinen Gegenstand,nachdem er ist, mit aller Wärme behandle: soist dieses doch noch der eigentliche Weg nicht,worauf man zu einer kräftigen Darstellungseiner Empfindungen gelangt.
Mir mag eine Wahrheit, nachdem ich mich
Kurz, Pros. Sit.
davon aus Büchern und aus eignem Nachdenkenunterrichtet habe, noch so sehr einleuchten, undich mag mich damit noch so bekannt dünken:so wage ich es doch nicht, sogleich meine Dis-30 Position zu machen, und sie darnach zu behan-deln; vielmehr denke ich, sie habe noch unzäh-lige Falten und Seiten, die mir jetzt verborgensind, und ich müßte erst suchen, solche so vielmöglich zu gewinnen, ehe ich an irgend einen35 Vorlrag, oder an Disposition und Ausführunggedenken dürfe. Diesemnach werfe ich zuerst,sobald ich mich von meinem Gegenstände begei-stert und zum Vortragen geschickt fühle, alleswas mir darüber bcifällt aufs Papier. Desio andern Tages verfahre ich wieder so, wenn michmein Gegenstand von neuem zu sich reißt; unddas wiederhole ich so lange, als d.as Feuer unddie Begierde zunimmt, immer tiefer in die Sacheeinzudringen. So wie ich eine Lieferung auf45 das Papier gebracht, und die Seele von ihrerersten Last entledigt habe, dehnt sie sich nachund nach weiter aus, und gewinnet neue'Aus-sichten, die zuerst noch von nähern Bildern be-deckt wurden. Je weiter sie eindringt, und je50 mehr sie entdeckt, desto feuriger und leidenschaft-licher wird sie für ihren geliebten Gegenstand.Sie sieht immer schönere Verhältnisse, fühlt sichleichter und freier zum Vergleichen, ist mit allenTheilen bekannt und vertraut, verweilet und55 gefallt sich in deren Betrachtung und höret nichteher auf, als bis sie gleichsam die letzte Gunsterhallen hat.
Und nun, wenn ich so weit bin, womitinsgemein mehrere Tage und Rächte, Morgcn-60 und Abendstunden zugebracht sind, indem ichbei dem geringsten Anschein von Erschlaffungdie Feder niederlege, fang' ich in der Stundedes Berufs an, mein Geschriebenes nachzulesenund zu überdenken, wie ich meinen Vorlrag65 einrichten wolle. Fast immer hat sich währenddieser Arbeit die beste Art und Weise, wie dieSache vorgestellet seyn will, von selbst entdeckt;oder wo ich hierüber noch nicht mir mir einig wer-den kann: so lege ich mein Papier bei Seite,30