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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
475-476
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Justus Möscr.

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und ein gelehrtes Vaterland, was wir als dem Könige so sehr heruntergesetzte Stück: G ötz

Bürger oder als Gelehrte lieben. Für die Er- von Berlichingen, ist immer ein edles und

Haltung des Deutschen Reichssystems stürzt sich schönes Produkt unsers Bodens, es hat recht

bey uns kein Eurtius in den Abgrund. vielen geschmeckt, und ich sehe nicht ab, warum

Wenn wir aber so wenig große Begeben- 5 wir dergleichen nicht ferner ziehen sollen; dieHeiken haben, als mit der gehörigen Lebhaftig- höchste Vollkommenheit wird vielleicht durch

keil empfinden, wie wollen wir denn zu der längere Kultur kommen. Alles was der König

Höhe der Gedanken und des Ausdrucks getan- daran auszusetzen hak, besteht darin, daß es

gen, welche andre Rationen auszeichnet? Kann eine Frucht sey, die ihm den Gaumen zusam-

die schlaffe Seele eben das was die hochgespannte 10 mcn gezogen habe, und welche er auf seinerwürken? Und müssen wir nicht, da wir kein Tafel nicht verlange. Aber das entscheidet ihren

einziges großes Interesse weder im Staate noch Werth noch nicht. Der Zungen, welche an

in der Liebe haben, bey unserm beständig kalten Ananas gewöhnt sind, wird hoffentlich in un-

Blute vor dem Wagstück schaudern, das dem serm Walcrlande eine geringe Zahl seyn; und

Manne auf dem Ocean keine einzige Ueberle- 15 wenn von einem Bolksstücke die Rede ist, sogung kostet? O es war ein großer Gedanke muß man den Geschmack der Hofleute bey Seite

von Mcngs: „ Raphael kann in der Kunst setzen. Der beste Gesang für unsre Nation ist

„ übertreffen werden, aber keiner wird wie Ra- unstreitig ein Bardit, der sie zur Vertheidigung

„phael empfinden;" und nach demselben sage ihres Vaterlandes in die Schlacht singt; der

ich: einige Deutsche können vielleicht dem Jta- 20 beste Tanz, der sie auf die Batterie führt; undliener an Feinheit, dem Spanier an Edelmuth, das beste Schauspiel, was ihnen hohen Muth

dem Engländer an Frcyheitsstolz , was die Kunst giebt: nicht aber, was dem schwachen Ausschüsse

oder den Ausdruck angeht, gleich kommen; aber des Menschengeschlechts seine leeren Stunden

im Allgemeinen geredet, wird keiner von ihnen vertreibt, oder das Herz einer Hofdame schmel-

das wahre feine Gefühl des Italieners, keiner 25 zen macht. Jenes ist gewiß der Vortheil, dendie edle Liebe des Spaniers, keiner die Begei- der König von allen schönen Wissenschaften for-

sterung für Freyheit und Eigenthum eines Eng- dert, und welchen Sulzer als den einzigen

länders damit verbinden. Keiner wird in allem und würdigsten von ihnen betrachtete; es ist der

so wahr empfinden, denken, harren, schwär- Vortheil, den Gleim in den Liedern des Preu-

men oder rasen, als die Nationen, welche durch 50 ßischen Grenadiers so glücklich erreichte; undwürkliche Umstände genöthiget werde» ihre höchste ich glaube, daß es der einzige wahre sey, denEmpfindung hervorzupresscn und auszudrücken; man für ein Volk, wie das Deutsche ist, suchenund ohne Wahrheit ist keine vollkommene müsse. Der entnervende Gesang, der wollüstige

Größe, so wenig in der Musik als in der Ma- Tanz, und die entzückenden oder bezaubernden

lerey, und in andern schönen Wissenschaften. 35 Vorstellungen mögen Völkern gefallen, denenMit derselben aber sind auch Concetti unter- sie besser als uns dienen und bekommen; in de-

weilen erträglich. nen aber auch der König nicht die Härte, nicht

Eben so denke ich von den Franzosen, die die Dauer und nicht das Herz seiner Grenadiere(wie die Deutschen) alle Töne zum Theil glück- finden wird. Hier kann ich es auf den Aus-

lich versuchen, aber nie wahre Engländer an 4l) spruch seines eignen Ministers des Herrn von

Größe, nie wahre Italiener an Feinheit, und Herzberg ankommen lassen,

nie wahre Spanier in hoher Liebe werden; bloß Die wahre Ursache, warum Deutschland

in der Vaterlandsliebe haben sie vor uns na- nach den Zeiten der Minnesinger wieder ver-

türliche Vortheile und Vorzüge. So wie die funke», oder so lange in der Kultur seiner

ersten beiden Nationen auf der Landkarte zwi- 45 Sprache und der schönen Wissenschaften über-schen den andern liegen: so liegen sie auch auf Haupt zurückgeblieben ist, scheinet mir haupl-

der Karte der Empfindungen; und beide sind sächlich darin zu liegen, daß wir immer von

nur in ihrer Manier, wie sie sich jenen äu- lateinisch gelehrten Männern erzogen sind, die

ßerstcn Rationen in der Spährc der Empsin- unsre einheimischen Früchte verachteten, und lie-

dungen nähern, unterscheiden: der Franzose mit 50 der Italienische oder Französische von mittel-einem leichten, der Deutsche mit einem gemcs- mäßiger Güte ziehen, als Deutsche Art und

senen Schritte. Der erste geht auf dem Wege Kunst zur Vollkommenheit bringen wollten;

zur Verschönerung, der andre auf dem zur ohne zu bedenken, daß wir auf diese Weise

Richtigkeit, über die Gränzen der großen Ein- nichts hervorbringen könnten, was jenen gefallen

pfindungen hinaus, die bloß wahr ausgedrückt, 55 und uns Ehre bringen würde,und so wenig verschönert, als in jeder einzelnen Sie zogen Zwergbäume und Spalierbäume

Partie mit einer kleinlichen Genauigkeit vorge- und allerley schöne Krüppel, die wir mit Stroh-getragen seyn wollen. matten wider den Frost bedecken, mit Mauren

Jedoch dieses bey Seite, und immer vor- an die Sonne zwingen, oder mit kostbaren

ausgesetzt, daß unser Klima so gut als andre, 60 Treibhäusern beym Leben erhalten mußten. Undseine eignen Früchte habe, die zu unsern Be- einige unter uns waren thöricht genug zu glau-

dürfnissen wie zu unserm Vergnügen vorzüglich den, daß wir diese unsre halbreifen Früchte den

bestimmet sind: so dünkt mich, daß wir allemal Fremden, bey denen sie ursprünglich zu Hause

am sichersten handeln, solche so gut als mög- sind, als Seltenheiten zuschicken könnten: sie

lich zu erzielen; und wenn wir diesen Zweck 65 waren stolz genug zu denke», daß die Italienererhalten, so müssen sie auch in dieser Art schön mir uns in unser» in feuchter Luft gebauetenund groß werden: den» alles in der Welt ist Grotten schaudern würden; sie die Geßnerödoch nur relativ schön und groß, und die Eichel Schäferhülte allen unsern Kostbarkeiten vongeht in ihrem Rechlc vor der Olive. Das von dieser Art vorziehen.