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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
477-478
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Schön und groß aber können unsre Pro-dukte werden, wenn wir auf den Gründenfortbauen, welche Klopstock, Göthe, Bür-ger, und andere Neuere geleget haben. Allekönnen zwar noch in der Wahl der Früchte,welche sie zu bauen versucht, gefehlt, und das ge-wählte nicht zur höchsten Vollkommenheit gebrachthaben. Aber ihr Zweck ist die Veredlung ein-heimischer Produkte; und dieser verdient dendankbarsten Beyfall der Nation, so wie er ihnauch würklich erhielt, ehe diese in ihrem herz-lichen Genusse von den alten verwöhnten Lieb-habern der auswärtigen Schönheiten gestöret,und durch den Ton der Herrn und Damen, dieeine Pariser Pastete dem besten Stück Rindfleischvorziehen, stutzig gemacht wurden.

Göthens Absicht in seinem Götz von Ber-lichingen war gewiß, uns eine Sammlung vonGemälden aus dem National - Leben unsrerVorfahren zu gebe», und uns zu zeigen waswir hätten und was wir könnten, wenn wireinmal der artigen Kammerjungfern und vor-witzigen Bedienten auf der französisch - deutschenBühne müde wären, und wie billig Veränderungsuchten. Leicht hätte er dieser seiner Sammlungmit Hülfe einer nun fast zum Ekel gebrauchtenLiebesgeschichte das Verdienst der drey Einheitengeben, und sie in eine Handlung flechten kön-nen, die sich angefangen, verwickelt und aufge-löset hätte, , wenn er aus dem einen Stückedrey gemacht, und diejenigen Gemälde zusam-men geordnet hätte, welche sich zu jeder Hand-lung schickten und sich mit Zeit und Ort ver-trugen. Allein er wollte jetzt einzelne Parlieenmahlen, und diese stehen zusammen wie dieGemälde vieler großen Landschaftsmaler, ohnedaß die Gallerie, worin sie sich befinden, geradeeine Epopöe ist.

Darneben sollten die Partieen wahre einhei-mische Volksstücke seyn: er wählte dazu ritter-liche, ländliche und bürgerliche Handlungen einerZeit, worin die Nation noch Original war,und der alte Ritter den jungen, wie der alteKanzler bey jungen Kanzler ohne fremde ge-lehrte Hülfe erzogen hatte. Und da ihm gewißniemand vorwerfen kann, daß er unrichtig ge-zeichnet, das Colorit vernachläßiget, oder ividerdas Costume gefehlet habe: so behandelt manihn wider seine Absicht, wenn man ihn darumverdammt, daß er nicht bloß für den Hof ge-arbeitet, und keine Epopöe, oder kein reguläresGanze geliefert hat. Die Wahl seiner Partieenwürde auch immer gut geblieben seyn, wenn eseinige seiner Nachfolger, die alle sieben Theatervon Neapel, welche für sieben unterschiedneKlassen der Nation eröfnet werden, in ei» ein-ziges zusammen ziehen, und Hofleute und Laz-zaroni mit einerley Kost vergnügen wollten,nicht gar zu bunt gemacht hätten. Hieran aberist Göthe unschuldig, ob er gleich noch vielesgegen diejenigen zu sagen haben mögte, die auseinem übertriebenen Ekel gar nichts nacktesleiden, und die schönste Venus nicht anders alsunter der Decke wissen wollen.

Jedoch ich will den Tadel des Königs, soweit er uns allgemein trift, einmal als richtigannehmen, und ihn also ausdrücken: daß wirDeutsche in der Wahl der Partieen, die wirdem Auge oder dem Ohre dargestellet haben, zu

wenig Geschmack bewiesen, und auch diese sowunderlich und abenteuerlich zusammengestellethaben, wie es Shakespeare, nach dem Ur-theile des Herrn von Voltaire, gethan habensoll-, ich will einmal zugeben, daß wir nochkein einziges Stück haben, was mit den Mei-sterstücken eines Corneille oder Voltaire,die nicht leicht jemand höher schätzen kann alsich sie selbst schätze, verglichen werden könnte; —so kömmt es doch noch immer aus die Fragean, ob wir auf unserm Wege, oder auf dem-jenigen welchen andre Nationen erwählet haben /fortgehen dürfen, um das Ziel der Vollkom-menheit zu erreichen, was die Natur für unsbestimmt hat?

Der Weg welchen die Italiener und Fran-zosen erwählt haben, ist dieser, daß sie zu sehrder Schönheit geopfert, sich davon hohe Idealegemacht, und nun alles verworfen haben, wassich nicht sogleich dazu schicken wollte. Hierüberist bey ihnen die dichterische Natur verarmt,und die Mannichfaltigkeit verloren gegangen.Der Deutsche hingegen hat, wie der Engländer,die Mannichfaltigkeit der höchsten Schönheitvorgezogen und lieber ein plattes Gesicht mitunter als lauter Habichtsnasen malen wolle».

Man sieht die Verschiedenheit der Wege,worauf diese Nationen zum Tempel des Ge-schmacks gegangen sind, nicht deutlicher, alswenn man den Tod Cäsars, so wie ihnShakespeare und Voltaire uns gegebenhaben, neben einander stellt; Voltaire sagtes ausdrücklich, und man sieht es auch leicht,daß er ihn durchaus dem Engländer abgeborget,und nur dasjenige weggelassen habe, was sichmit den Regeln eines guten Trauerspiels undder französische» Bühne nicht vereinigen ließe.Hier sieht man beym Shakespeare ein auf-gebrachtes Volk, bey dem alle Muskeln in Be-wegung sind, dem die Lippen zittern, die Backenschwellen, die Augen funkeln und die Lungenschäumen; ein bitkers, böses, wildes und wü-tendes Volk, und einen hämischen Kerl mitunter, welcher dem armen Cinna, der ihm zu-ruft, er sey nicht Cinna der Mörder Cäsars,sondern Cinna der Dichter, seiner elenden Versehalber das Herz aus dem Leibe reisten willund diese Löwen, Tyger und Affen führt An-tonius mit der Macht feiner Bcrcdtsamkeit geradegegen die Mörder Cäsars, zu deren Unterstü-tzung sie sich versammelt hatten. Was thutnun Voltaire? Er wischt alle diese starkenZüge aus, und giebt uns ein glattes schönesglänzendes Bild, was in dieser Kunst nichtseines gleichen hat, aber nun gerade von allemdem nichts ist, was es sein sollte.

Wollen Sie die Sache noch deutlicher haben:so vergleichen Sie, mein Freund! einen Eng-lischen und Französischen Garten. In jenemfinden sie, eben wie in Shakespeares Stü-cken, Tempel, Grotten, Klausen, Dickichte,Riesensteine, Grabhügel, Ruinen, Felsenhöhlen,Wälder, Wiesen, Weiden, Dorfschaften, undunendliche Mannichfaltigkeiten, wie in GottesSchöpfung durch einander vermischt, in diesemhingegen schöne gerade Gänge, geschorne He-cken, herrliche schöne Obstbäume paarweise ge-ordnet oder künstlich gebogen, Blumcnbetke wieBlumen gestaltet, Lusthäuser im feinsten Ge-

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