479
Iustus Mvser.
480
schmack - und das alles so regelmäßig geord-net, daß man beym Auf- und Niedergehen so-gleich alle Eintheilungcn mit wenigen Linienabzeichnen kann, und mit jedem Schritte aufdie Einheit stößt, welche diese wenigen Schön-heiten zu einem Ganzen vereiniget. Der Eng-lische Gärtner will lieber zur Wildniß übergehn,als mit dem Franzose» in Berceaux und Charmilleneingeschlossen seyn. Fast eben so verhalten sichdie Italiener und Deutsche, außer daß jene sichin ihrer Art den Franzosen und diese den Eng-ländern, ihren alten Brudern, nähern undmehr Ordnung in die Sachen bringen.
Welcher von diesen beiden Wegen sollte nunaber wohl der beste seyn: der Weg zur Ein-förmigkeit und Armuth in der Kunst, welchenuns der Conventionswohlstand, der verfeinerteGeschmack und der sogenannte gute Ton zeigen:oder der Weg zur Mannichfaltigkeit, den unsder allmächtige Schöpfer cröfnet? Ich denkeimmer: der letztere, ob er gleich zur Verwil-derung führen kann. Denn es bleibt doch wohleine unstreitige Wahrheit, daß tausend Man-nichfaltigkeiten zur Einheit gestimmt, mehrWü'rkung thun als eine Einheit worin nur fünfeversammelt sind: und daß ein zweychörigesHeilig von Bach.etwas ganz anders sey, alsdie schönste Arie, diese mag noch so lieblichklingen.
Selbst die Macht womit der Geschmack anden englischen Gärten jetzt ganz Europa über-wältiget, kann uns lehren, daß der Weg zurMannichfaltigkeit der wahre Weg zur Größesey, und daß wenn wir nicht ewig in dem Tonder Galanterie, welcher zu Zeiten Ludwigs XIV.herrschte, bleiben wollen, wir nothwendig ein-mal zur mannichfaltigen Natur wieder zurück-kehren, aus dieser von neuem schöpfen, undeine größere Menge von Naturalien als bisher,zu vereinigen suchen müssen: oder unsre Stückewerden zuletzt so fein und niedlich werden, wieeine Erzählung von Marmontel, in der manmit einem Blicke den Faden sehen kann wo-durch sie zusammen gehalten wird. Die Fran-zosen, welche vor einiger Zeit ShakespearesWerke in ihre Sprache übertrugen, fühlten denFehler lebhaft, und wollten lieber von ihrenMirbuhlern borgen, als ewjg Schüler ihrer ty-rannischen Meister bleiben, die um den Ruhmihrer Werke zu verewigen, alle ihre Nachkom-men in der Kunst zu entmannen suchen.
Unser bisheriger geringer Fortgang auf die-sem Wege darf uns aber nicht abhalten ihn zuverfolgen. Vielweniger dürfen wir den andernnehmen, wo die verwöhnten Liebhaber alle an-dern schönen Bäume ausgerottet haben, umlauter Pfirsiche zu essen. Was bey diesen Ue-bermuth und hoher Geist ist, würde bei unsLeichtsinnigkeit, oder Schwachheit, oder Sprä-digkeit einer Häßlichen seyn. Ist es gleich schwe-rer unter einer großen Menge zu wähle» , undgewählte unzählbare Sachen zu einem großenZwecke zu vereinigen, als einen einförmigenKranz von Rosenknospen zu binden: so ist auchdie Würkung davon so viel größer, wenn dieWahl und Zusammenstellung wohl gerathen ist:und was Montesquieu und Winkelmann,zwey Männer die ich gern zusammen setze, weilsie mir einerley Größe und einerlei Fehler ge-
habt zu haben scheinen, aus unzählbaren Bruch-stücken von ganz verschiedener Art und Zeitzusammengesetzt haben, wird immer ein Werkbleiben, welches der Heyne eines jeden Jahr-hunderts seiner Aufmerksamkeit und Verbesserungwerth achten wird.
Und wo ist die Einheit, die der Königund die Natur von jedem Kunstwerke erfordern,glücklicher und unter einer größer« Menge vonMannichfaltigkeiten beachtet, als eben in diesenWerken? Die Menge und Verschiedenheit derGegenstände, welche in einem Kunstwerke zu-sammen gestellet werden, ist also gewiß keinHinderniß ihrer Schönheit, ob dieses gleich nichtvon jedem Künstler überwunden werden kann:und es ist allezeit glaublich, daß es für dieStücke, welche in Shakespeares Manier ge-arbeitet werden, einen sehr hohen Vereinigungs-punkt gebe, wenn wir jetzt gleich noch nichthoch genug gestiegen sind, um ihn mir unsernsterblichen Äugen zu erreichen. Die ganze Schö-pfung ist gewiß zur Einheit gestimmt, und dochscheinet sie uns hie und da sehr wild, und nochwilder als ein englischer Garten zu seyn. Aberfreylich was wir als Eins bewundern sollen,muß auch als Eins in unsern Gesichtskreisgestellet werden: und so dürfen wir den Verei-nigungspunkt der Kunstwerke nicht so hoch le-gen, wie ihn der Schöpfer gelegt hat; oder wirschaffen nur Wildnisse. Indeß liegt doch dieEinheit, da wo ein Gothischer Thurm mitprächtigen Römische» Gebäuden, oder wo, wieim Wilhelmsbade bey Hanau, die FürstlicheWohnung unter Ruinen, mir schönen Gebäudenund Partieen glücklich zusammen stimmet, hö-her, als wo bloß eine Reihe schöner Häuserund wenn es auch in der Hauptstadt wäre, einegerade lange Gaffe ausmacht. Der Weißcsteinbey Cassel ist nach kühnern Regeln angelegt,als eine Römische Villa.
Außerdem aber hat das Nachahmen fremderNationen leicht den innerlichen Fehler allerKopiern, die man um deswillen geringer alsihre Originale schätzt, weil der Kopist natür-licher Weise immer mehr oder weniger ausdrücktals der rechte Meister empfunden hat; es machtuns unwahr: und nichts schadet dem Forlgangcder schöyen Künste mehr als diese Unwahrheit,welche Quintilian die Unredlichkeit nennet.
Wie sehr diese Unwahrheit schade, könnenwir nicht deutlicher als an unsern geistlichenRednern sehen, die indem sie göttliche Wahr-heiten vortragen, dennoch nicht den Eindruckmachen, .welchen man davon erwarten könnte.Von diesen fordern wir gleich, so wie sie auf-treten, eine heiligere Miene, einen fcyerlichcrnAnstand, einen ernsthaftern Ton, und einegrößere Salbung als ihnen die Natur in ihrenersten Jahren geben kann. Run müssen sie dieserMiene, diesem Anstand und diesem Tone gemäßreden; sie müssen ihren Ausdruck höher als ihreEmpfindungen spannen, sie müssen ihren Wer-ken mehrere Tugend leihen als sie haben, umsie zu ihrem Vortrage zu stimmen — und die-ses macht viele unter ihnen ihr ganzes Lebenhindurch zu unwahren Rednern, die nie dasje-nige würkcn, was ein Claudius, der nichtsausdrücket als was er empfindet, und geradein dieser aufrichtigen Uebereinstimmung sein
5
IN
15
20
25
30
35
40
45
5N
55
6»
05