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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
483-484
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Iustus Möscr.

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Wohlstand zu sündigen. Die englische Spracheist die einzige, die wie die Nation nichts scheuer,sondern alles angreifet, und gewiß nicht auseiner gar zu strengen Keuschheit schwindsüchtiggeworden ist; sie ist aber auch die einzige Volks-sprache, welche in Europa geschrieben wird,und ein auf den Thron erhobener Provinzial-dialekt, der auf seinem eignen fetten Bodensteht, nicht aber, wie unsre Buchsprachen, aufder Tenne dörret. Alle andre Buchsprachensind bloße Conventionssprachen des Hofes oderder Gelehrten, und das Deutsche was wirschreiben, ist so wenig der Meißner als derFranken Volkssprache, sondern eine Auswahlvon Ausdrücken, so viel wir davon zum Vor-trage der Wahrheiten in Büchern nöthig gehabthaben; so wie neue Wahrheiten darin zum Ver-trag gekommen sind, hat sie sich erweitert, undihre große Erweiterung seit Gottscheds Zeitenist ein sicherer Beweis, daß mehrere Wahrheitenin den gelehrten Umlauf gekommen sind.

Unstreitig hat die französische Buchsprachefrühere Reichthümer gehabt als die unsrige.So wie diese Nation früher üppig geworden istals die unsrige, so hat sie sich auch früher mitfeinern Empfindungen und Untersuchungen ab-gegeben. Wie der Deutsche noch einen starken,tapfern und brauchbaren Kerl für tüchtig, odernach unserer Buchfprache, für tugendhaft hielt,und dessen Herz nicht weiter untersuchte, alses seine eigne Sicherheiterforderte: sing Mon-taigne schon an, über den innern Gehalt derTugenden seines Nächsten zu grübeln, und dieseum so viel geringer zu würdigen, als Eitelkeitund Stolz zur feinen Mark genommen waren.Dieses ist der natürliche Gang der Ueppigkeitder Seele, die ihre Muse zu sanfter» und fei-nern Empfindungen verwendet, und damit auchzu feinern Maaßen und Ausdrücken gelangt,als der rohe Wohlstand, der alles mit Gesund-heit verzehret, und die feinern Künste des Kochsglücklich entbehret.

Indeß mögte ich doch nicht sagen, daß wirjetzt noch so sehr weit zurück wären, wenn wirgleich alle Nüancen des Ridicülen nicht ausdrü-cken, und für jede verschiedene Mischung dermenschlichen Tugenden und Laster nicht alle dieeigentlichen Zeichen haben, deren sich die Fran-zosen, von Montaigne bis St. Evremond,und von diesem bis zum Marmontel, (auseinem unglücklichen Bedürfniß würde Rousseauhinzusetzen) bedienet haben. Keine Sprache hatsich vielleicht so sehr zu ihrem Vortheile ver-ändert als die unsrige; nichts war armseligerals unsre komische Sprache: außer dem Hans-wurst war keiner auf der Bühne, der einenkomischen Ton halte, und das Volk liebte die-sen, weil es von ihm wahre Volkssprache hörte;alle andre redeten in der Buchsprache, der un-bequemsten zum Spreche» unter allen, oderihre Rolle gestattete ihnen nicht, sich der Volks-sprache zu bedienen. Lessing war der erste,der Provinzialwendungen und Wörter, wo esdie Bedürfnisse erforderten, auf die glücklichsteArt nationalisirle; ihm sind die Wiener ge-folgt, und seitdem uns Göthe in der Sprache

auf dasjenige, was Cicero^) „den römischenfeinen Witz" und » Ueberbleibsel alten Scher-zes" nennet, zurückgeführet hat, damit wirnicht zuletzt lauter Buchsprache reden mögten,hat jedermann unsern ehmaligen Mangel em-pfunden; und ihm jetzt mit Hellem Haufen zubegegnen gesucht, so daß wir nunmehr wohlhoffen dürfen, bald eine Sprache zu haben,worin alle Muthwilligkeiten und Affereyen,deren sich der Mensch zum Ausdruck seiner Em-pfindungen und Leidenschaften bedient, darge-stellet werden können. Doch ich will daraufnicht wetten, daß nicht viele, denen es schwerfällt in deutscher Luft zu athmen, die Franzö-sische der Deutschen immer vorziehen werden.

Eine Dichtersprache hatten wir fast garnicht, und wir würden auch nie eine erhaltenhaben, wenn Gottsched die tapferen Schwei-zer, die sich seiner Reinigung widersetzten, be-sieget hätte. Halter ward unser erster Dichter;und wie Klop stock kam, begriffen wir erstvöllig, was die Engländer damit sagen wollen,wenn sie den Franzosen vorwerfen daß sie nureine Sprache zum Versemachen nicht aber fürdie Dichtkunst hätten. Auch wir hatten vorHaltern nur Versemacher, und vor Gleimenkeinen Liebesdichter. Wie sehr und wie geschwindhat sich aber nicht unsre Dichtersprache mitihren ersten Meistern gebessert? und welcheDichlungsart ist übrig geblieben, wozu sie sichnicht auf eine anständige Art bequemet hat?

In der Kunstsprache haben wir, seitdemWinkelmann, Wieland, Lavater undSulzer geschrieben haben, uns nicht alleinalles eigen gemacht was die Ausländer eigneshatten, sondern auch vieles auf unserm Bodengezogen. Und die Verfasser verschiedener em-pfindsamen Romane haben in einzelnen Par-tieen gezeigt, daß unsre Sprache auch zumwahren Rührenden geschickt sey, und besondersdas stille Große sowohl, als das volle Sanfteauf das mächtigste darstellen könne. Wie stark,wie rührend, wie edel ist nicht die SpracheWoldemars (von Fr. Jacobi)? Was fehltdem gedämpften Ausdruck der Empfindung inder Nacht beym Gewitter, welche uns die Klo-ster geschichtc (von Sprickmann) fühlenläßt? Und wie vieles haben nicht andre, die ichhier nicht alle nennen kann, in dieser Art ge-leistet, wenn man bloß die Sprache betrachtet,und vün der Erfindung wie von dem Zweckewegsieht? Unsre Nednersprache hat zwar keinegroße Muster geliefert, weil es ihnen an großenGelegenheiten gefehlt hat; aber sie ist hinläng-lich vorbereitet, und wird keinen empfindendenund denkenden Mann leicht im Stiche lassen.Die philosophische Sprache ist seitdem sie ausLeibnitzens und Wolfens Händen kam,unendlich empfänglicher und fähiger gewordenalles zu bestimmen und deutlich zu ordnen; undunser historischer Stil hat sich in dem Verhält-niß gebessert als sich der Preußische Name aus-gezeichnet, und uns unsre eigne Geschichte wich-tiger und werther gemacht hat. Wenn wirerst mehr Nationalinteresse erhalten, werdenwir die Begebenheiten auch mächtiger empfinden

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