Johann Georg Hamann.
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Meine Absicht ist es nicht, em Historio-graph des Sokrates zu seyn; ich schreibe bloßseine Denkwürdigkeiten, wie Düclos der-gleichen zur Geschichte des XVIIl: Jahrhundertsfür die lange Weile des schönen Publicumsherausgegeben.
Es ließe sich freylich ein so sinnreicher Ver-such über das Leben Sokrates schreiben, alsBlack well über den >Homer geliefert. Sollteder Vater der Weltweisheit nicht dieser Ehrenäher gewesen seyn, als der Vater der Dicht-kunst? Was Cooper herausgegeben, ist nichtsals eine Schulübung, die den Eckel so wohleiner Lob- als Streit-Schrift mit sich führt.
Sokrates besuchte öfters die Werkstätteeines Gerbers, der sein Freund war, undSimon hieß. Der Handwerker hatte den erstenEinfall, die Gespräche des .Sokrates aufzu-schreiben. Dieser erkannte sich vielleicht in den-selben besser als in Plarons, bey deren Lesunger gestutzt und gefragt haben soll: Was hatdieser junge Mensch im Sinn aus mirzu machen? — — Wenn ich nur so gut alsSimon der Gerber meinen Held verstehe!
Erster Abschnitt.
Sokrates halle nicht vergebens einen Bild-hauer und eine Wehmutter zu Eltern gehabt.Sein Unterricht ist jederzeit mit den Hebam-menkünsten verglichen worden. Man verfügtsich noch diesen Einfall zu wiederholen, ohnedaß man selbigen als das Saamkorn einerfruchtbaren Wahrheit hätte aufgehen lassen.Dieser Ausdruck ist nicht blos tropisch, sondernzugleich ein Knäuel vortrefflicher Begriffe, diejeder Lehrer zum Leitfaden in der Erziehungdes Verstandes nöthig hat. Wie der Menschnach der Gleichheit Gottes erschaffen worden,so scheint der Leib eine Figur oder Bildder Seelen zu seyn.') Wenn uns unser Ge-bein verholen ist, weil wir im Verborgenengemacht, weil wir gebildet werden unten in derErde; wie viel mehr werden unsere Begriffeim Verborgenen gemacht, und können als Glied-massen unsers Verstandes betrachtet werden.Daß ich sie Gliedmaffen des Verstandes nenne,hindert nicht, jeden Begriff als eine besondereund ganze Geburt selbst anzusehen. Sakraleswar also bescheiden genug, seine Schulweis-heit mit der Kunst eines alten Weibes zu ver-gleichen, welches blos der Arbeit der Mutterund ihrer zeitigen Frucht zu Hülse kommt, undbeiden Handreichung thut.
Die Kraft der Trägheit und die ihr entge-gengesetzt scheinende Kraft des Stolzes, die mandurch so viel Erscheinungen und Beobachtungenveranlasset worden in unserm Willen anzuneh-men, bringen die Unwissenheit, und die darausentspringenden Irrthümer und Vorurtheile nebstallen ihren schwesterlichen Leidenschaften hervor.Von dieser L-eite ahmte also Sokrates seinenVater nach, einen Bildhauer, der, indem er
wegnimmt und hauet, was am Holzenicht seyn soll, eben dadurchdieFormdes Bildes fördert. 2) Daher hatten diegroßen Männer seiner Zeit zureichenden Grund5 über ihn zu schreyen, daß er alle Eichen ihrerWälder fälle, alle ihre Klötzer verderbe, undaus ihrem Holze nichts als Späne zumachenverstünde.
Sokrates wurde vermuthlich ein Bildhauer,10 weil sein Vater einer war. Daß er in dieserKunst nicht mittelmäßig geblieben, hat mandaraus geschloffen, weil zu Athen seine dreyBildsäulen der Gracien aufgehoben worden.Man war ehemals gewohnt gewesen, diese15 Göttinnen zu kleiden; den altväterischen Ge-brauch hatte Sokrates nachgeahmt, und seineGralien widersprachen dem Eostume des dama-ligen Göttersystems und der sich darauf gründen-den schönen Künste. Wie Sokrates auf diese20 Neuerung gekommen; ob es eine Eingebungseines Genius, oder eine Eitelkeit, seine Ar-beiten zu unterscheiden, oder die Einfalt einernatürliche» Schamhaftigkeit gewesen, die einemandächtigen Athenienser wunderlich vorkommen25 mußte - weiß ich nicht. Es ist aber nur garzu wahrscheinlich, daß diese neugeklcideten Gra-cie» so wenig ohne Anfechtung werden geblie-ben seyn, als die neugekleideten Gracien unsererheutigen Dichtkunst.
30 Hier ist der Ort, die Uebersichrigkeit einigergegen das menschliche Geschlecht und dessenAufkommen gar zu witzig gesinnter Patriotenzu ahnde», die sich die Verdienste des Bild-hauers im Sokrates so groß vorstellen, daß sie35 den Weisen darüber verkennen, die den Bild-hauer vergöttern, um desto füglicher über desZimmermannS Sohn spotten zu können. Wennsie in Ernst an Sokrates glauben, so sind seineSprüche Zeugnisse wider sie. Diese neuen Athe-40 nienser sind Nachkommen seiner Ankläger undGiftmischer, abgeschmacktere Lerläumder undgrausamere Mörder denn ihre Vater.
Bey der Kunst, in welcher Sokrates erzo-gen worden, war sein Auge an der Schönheit45 und ihren Verhältnissen so gewohnt und geübt,daß sein Geschmack an wohlgebildeten Jüng-lingen unö nicht befremden darf. Wenn mandie Zeiten des Hcidenthums (Röm. 1.) kennt,in denen er lebte, so ist es eine thörichte Mühe,50 ihn von einem Laster weiß zu brennen, dasunsere Christenheit an Sokrates übersehen sollte,wie die artige Welt an einem Toussaint diekleinen Romane seiner Leidenschaften,als Schönfleckchen seiner Sitten. Sokrates55 scheint ein aufrichtiger Mann gewesen zu seyn,dessen Handlungen von dem Grund seines Her-zens, und nicht von dem Eindruck, den anderedavon haben, bestimmt werden. Er leugnetenicht, daß seine verborgenen Neigungen mir60 den Entdeckungen des Gesichtdeuterseinträfen; er gestand, daß dessen Brille rechtgesehen hätte. Ein Mensch, der überzeugt ist,daß er nichts weiß, kann, ohne sich selbst Lügen
1 > Siehe die folgende Anmertnng,
2) Worte unsers Kirchenvaters, Martin pntltcrs, bey dessen plante» ein richtig und fein denkender Schwärmerjüngst uns erinnert hat, daß wir von diesem großen Mann nicht »nein der deutschen Sprache, sondern überhauptnicht so viel gelernt, als wir hätten sollen und können.