Johann Georg Hamann.
542
54 >
zwischen einem lebenden Thier und anatomischenGerippe desselben. Die alten und neuen Skep-tiker mögen sich noch so sehr in die Löwenhautder sokratischen Unwissenheit einwickeln, so ver-rathen sie sich durch ihre Stimme und Oh- 5ren. Wissen sie nichts; was braucht die Welteinen gelehrten Beweis davon? Ihr Heuchel-rrug ist lächerlich und unverschämt. Wer aberso viel Scharfsinn und Beredsamkeit nöthig hat,sich selbst von seiner Unwissenheit zu überfüh- 1üren, muß in seinem Herzen einen mächtigenWiderwillen gegen die Wahrheit derselben hegen.
Unser eigen Daseyn und die Existenz allerDinge außer uns muß geglaubt und kannaus keine andere Art ausgemacht werden. Was 15ist gewisser als des Menschen Ende, und vonwelcher Wahrheit giebt es eine allgemeinereund bewährtere Erkenntniß? Niemand ist gleich-wohl so klug, solche zu glauben, als der, wieMoses zu verstehen giebt, von Gott selbst ge- 20lehrt wird, zu bedenken, daß er sterben müsse.Was man glaubt, hat daher nicht nöthig be-wiesen zu werden, und ein Satz kann noch sounumstößlich bewiesen seyn, ohne deßwegen ge-glaubt zu werden. 25
Es giebt Beweise von Wahrheiten, die sowenig taugen, als die Anwendung, die manvon den Wahrheiten selbst machen kann; jaman kann den Beweis eines Satzes glauben,ohne dem Satz selbst Beyfall zu geben. Die 3VGründe eines Hume mögen noch so triftigseyn, und ihre Widerlegungen immerhin lauterLehnsätze und Zweifel: so gewinnt und verliertder Glaube gleich viel bey dem geschicktesten Ra-bulisten und ehrlichsten Sachwalter. Der Glaube 35ist kein Werk der Vernunft und kann daherauch keinem Angriff derselben unterliegen; weilGlauben so wenig durch Gründe geschieht,als Schmecken und Sehen.
Die Beziehung und Uebereinstimmung der 40Begriffe ist eben dasselbe in einer Demonstration,was Verhältniß und Symmetrie der Zahlenund Linie», Schallwirbel und Farben in dermusikalischen Composition und Malerey ist. DerPbilosoph ist dem Gesetz der Nachabmung so 45gut unterworfen, als der Poet. Für diesen istseine Muse und ihr hicroglyphisches Schatten-spiel so wahr, als die Vernunft und das Lehr-gebäude derselben für jenen. Das Schicksalsetze den größten Weltweisen und Dichter in 50Umstände, wo sie sich beide selbst fühlen; soverleugnet der eine seine Vernunft und entdecktuns, baß er keine beste Welt glaubt, so guter sie auch beweisen kann; und der andere siehtsich seiner Muse und Schutzengel beraubt, bey 55dem Tode seiner Meta. Die Einbildungskraft,wäre sie ein Sonnenpferd und hätte Flügelder Morgenröthe, kann also keine Schöpferindes Glaubens seyn.
Ich weiß für des Sokrates Zeugniß von 60seiner Unwissenheit kein ehrwürdiger Siegel undzugleich keinen bessern Schlüssel, als den Ora-kelspruch des großen Lehrers der Heiden:
So jemand sich dünken läßt, erwisse etwas, der weiß noch nichts, 65
wie er wissen soll. So aber jemandGotr liebt, der wird von ihm er-kannt - (i. Kor. ».)
— — als Sokrates vom Apoll für eine»Weisen. Wie aber das Korn aller unserernatürlichen Weisheit verwesen, in Unwissenheitvergehen muß, und wie aus diesem Tode. ausdiesem Nichts, das Leben und Wesen einerhöheren Erkenntniß neu geschaffen hervorkeime;so weit reicht die Nase eines Sophisten nicht.Kein Maulwurfshügel, sondern ein ThurmLibanons muß es seyn, der nach Dame-sek gafft (Hohelied Salom. Vllj.
Was ersetzt bey Homer die Unwissenheitder Kunstregeln, die ein Aristoteles nach ihmerdacht, und was bey einem Shakespeare dieUnwissenheit oder Uebertretung jener kritischenGesetze? Das Genie, ist die einmüthige Ant-wort. Sokrates harte also freylich gut unwis-send seyn; er hatte einen Genius, auf dessenWissenschaft er sich verlassen konnte, den erliebte und fürchtete als seinen Gott, an dessenFrieden ihm mehr gelegen war, als an allerVernunft der Egypter und Kriechen, dessenStimme er glaubte, und durch dessen Wind,wie der erfahrne Wunderdoktor Hill uns be-wiesen , der leere Verstand eines Sokrates sogut, als der Schooß einer reinen Jungfrau,fruchtbar werden kann.
Ob dieser Dämon des Sokrates nichts alseine herrschende Leidenschaft gewesen, und beywelchem Namen sie von unsern Sittenlehrerngerufen wird; oder ob er ein Fund seiner Staats-list, ob er ein Engel oder Kobold, eine hervor-ragende Idee seiner Einbildungskraft, oder einerschlichener und willkührlich angenommener Be-griff einer mathematischen Unwissenheit; ob die-ser Dämon nicht vielleicht eine Quecksilber-röhre, oder den Maschinen ähnlicher gewesen,welchen die Bradleys und Leuwenhöks ihre Of-fenbarungen zu verdanken haben; ob man ihnmit dem wahrsagenden Gefühl eines nüchternenBlinden, oder mit der Gabe,'aus Leichdornenund Narben übelgeheilter Wunden die Revolu-tionen des Wolkenhimmels vorher zu wissen,am bequemsten vergleichen kann: hierüber istvon so vielen Sophisten mit so viel Bündigkeitgeschrieben worden, daß man erstaunen muß,wie Sokrates bey der gelobten Erkenntniß sei-ner selbst, auch hierin so unwissend gewesen,daß er einem Simias darauf die Antwort hatschuldig bleiben wollen. Keinem Leser von Ge-schmack fehlt es in unfern Lagen an Freundenvon Genie, die mich der Mühe überheben wer-den, weitläufkiger über den Genius des Sokra-tes zu seyn.
Aus dieser sokratlschen Unwissenheit stießenals leichte Folgen die Sonderbarkeiten seinerLehr- und Denkart. Was ist natürlicher, alsdaß er sich genöthigt sah, immer zu fragen,um klüger zu werden; daß er leichtgläubig that,jedes Meinung für wahr annahm, und lieberdie Probe der Spötterey und guten Laune,als eine ernsthafte Untersuchung anstellte; daßer alle seine Schlüsse sinnlich und nach der Aehn-
II Ein Philosoph las scher oic Unsterblichkeit der Seelen so überzeugend . daß seine Anbörer vor Freude SelbstMörder wurden, wie uns Laetanz erzäblt.