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Johann Georg Hamann.
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lichkeit machte; Einfälle sagte, weil er keineDialektik verstand; gleichgültig gegen das, wasman Wahrheit hieß, auch keine Leidenschaften,besonders diejenigen nicht kannte, womit sichdie Edelsten unter den Alheniensern am meistenwußten; daß er, wie alle Idioten, oft so zu-versichtlich und entscheidend sprach, als wenner, unter allen Nachreulen seines Vaterlandes,die einzige wäre, welche der Minerva auf ihremHelm säße. - - Es hat den Sokraten unsersAlters, den kanonischen Lehrern des Publicumsund Schutzheiligen falsch berühmter Künste undVerdienste noch nicht glücken wollen, ihr Mu-ster in allen süßen Fehlern zu erreichen. Weilsie von der Urkunde seiner Unwissenheit unend-lich abweichen, so muß man alle sinnreiche Lese-arten und Glossen ihres antisokratischen Dämonsüber des Meisters Lehren und Tugenden alsSchönheiten freyer Uebersetzungen bewundern;und es ist eben so mißlich, ihnen zu trauen,als nachzufolgen.
Jetzt fehlt es mir an dem Geheimnisse derPalingenesie, das unsere Geschichtschreiber inihrer Gewalt haben, aus der Asche jedes gege-benen Menschen und gemeinen Wesens eine gei-stige Gestalt heraus zu ziehen, die man einenCharakter oder ein historisches Gemälde nennt.Ein solches Gemälde des Jahrhunderts und derRepublik, worin Sakrales lebte, würde unszeigen, wie künstlich seine Unwissenheit für denZustand seines Volkes und seiner Zeit, und zudem Geschäfte seines Lebens ausgerechnet war.Ich kann nichts mehr thun, als der Arm einesWegweisers, und bin zu hölzern, meinen Lesernin dem Laufe ihrer Betrachtungen Gesellschaftzu leisten.
Die Athenienser waren neugierig. Ein Un-wissender ist der beste Arzt für diese Lustscuche.Sie waren, wie alle Neugierige, geneigt mit-zutheilen; es mußte ihnen also gefallen, ge-fragt zu werden. Sie besaßen aber mehr dieGabe zu erfinden und vorzutragen, als zu be-halten und zu urtheilen; daher hatte Sokratesimmer Gelegenheit, ihr Gedächtniß und ihreUrtheilskraft zu vertreten, und sie für Leichtsinnund Eitelkeit zu warnen. Kurz, Sokrateslockte seine Mitbürger aus den Labyrinthen ih-rer gelehrten Sophisten zu einer Wahrheit,die im Verborgenen liegt, zu einer heim-lichen Weisheit, und von den Götzenaltärenihrer andächtigen und staatsklugen Priester zumDienst eines unbekannten Gottes. Platosagte es den Alheniensern ins Gesicht, daß So-krates ihnen von den Göttern gegeben wäre,sie von ihren Thorheiten zu überzeugen und zuseiner Nachfolge in der Tugend aufzumuntern.Wer den Sokrates unter den Propheten nichtleiden will, den muß man fragen: Wer derPropheten Vater sey? und ob sich unserGott nicht einen Gott der Heiden genanntund erwiesen?
Dritter Abschnitt.
Sokrates soll drey Feldzüge mitgemacht ha-ben. In dem ersten hatte ihm sein Alcibia-5 des die Erhaltung des Lebens und der Waffenzu danken, dem er auch den Preis der Tapfer-keit, welcher ihm selbst zukam, überließ. Indem zweyten wich er, wie ein Parther, sielseine Verfolger mitten im Weichen an, theilte10 mehr Furcht aus, als ihm eingejagt wurde,und trug seinen Freund Lenophon, der vomPferde gefallen war, auf den Schultern ausder Gefahr des Schlachtfeldes. Er entging dergroßen Niederlage des dritten Feldzuges eben15 so glücklich, wie der Pest, die zu seiner ZeitAthen zweymal heimsuchte.
Die Ehrfurcht gegen das Wort in seinemHerzen, auf dessen Laut er immer aufmerksamwar, entschuldigte ihn, Staatsversammlungen20 beyzuwohnen. AIs er lange genug glaubte ge-lebt zu haben, bot er sich selbst zu einer'Stelleim Rath an, worin er als Mitglied, Aelter-mann (Prytan) und Oberhaupt (Proedrus) ge-sessen , und wo er sich mir seiner Ungeschicklich-25 keil in Sammlung der Stimme» und andernGebräuchen lächerlich, auch mit seinem Ei-gensinn , den er dem unrechten Verfahren ineiner Sache entgegen setzen mußte, als einAufrührer verdächtig gemacht haben soll.
3» Sokrates wurde aber kein Autor, und hierinhandelte er einstimmig mit sich selbst. Wie derHeld der Schlacht bey Marathon keine Kindernöthig hatte, so wenig brauchte Sokrates Schrif-ten zu seinem Gedächtnisse. Seine Philosophie35 schickte sich für jeden Ort und zu jedem Fall.Der Markt, das Feld, ein Gastmal, das Ge-fängniß waren seine Schulen; und das erste dasbeste Quodlibet des menschlichen Lebens undUmganges diente ihm, den Saamen der Wahr-40 heit auszustreuen. So wenig Schulfüchserey erin seiner Lebensart beschuldigt wird, und so guter auch die Kunst verstand, die besten Gesell-schaften selbst von jungen rohen Leuten zu un-terhalten, erzählt man gleichwohl von ihm, daß45 er ganze Lage und Nächte unbeweglich gestan-den, und einer seiner Bildsäulen ähnlicher, alssich selbst, gewesen. Seine Bücher würden alsovielleicht wie diese seine Soliloquien und Selbst-gespräche ausgesehen haben. Er lobte einen50 Spaziergang als eine Suppe zu seinem Abend-brod; er suchte aber nicht, wie ein Peripateti-ker, die Wahrheit im Herumlaufen und Hin-und Hergehen.
Daß Sokrates nicht das Talent eines Scri-55 bente» gehabt, ließe sich auch aus dem Versucheargwohnen, den er in seinem Gefängnisse' aufAngabe eines Traumes in der lyrischen Dicht-kunst machte. Bey dieser Gelegenheit entdeckteer in sich eine Trockenheit zu erfinden, der er60 mit den Fabeln de« Aesop abzuhelfen wußte.Gleichwol gerieth ihm ein Gesang auf denApoll und die Diana.
>) ParrhasiuS verfertigte, wie es scheint, ein hogarthschcS Gemälde, welches das Pnblicni» zu Athenvorstellen sollte, und wovon uns folgender Kupferstich oder Schattenriß im PlininS übrig geblieben. „Er mahlteauch das Athenische Volk in sehr geistreicher Auffassung. Er wollte nämlich dasselbe al» wandelbar, jähzornig,ungerecht, unbeständig, »nv dasselbe als leicht zu rühren, gütig, barmherzig, groß, rubmsüchtig,demütbig, wild, flüchtig und Alles zugleich darstellen." PlininS Raturgcsch. ,'ia,