563
564
Helsnch Pctcr Sturz.
Klopstock ist heiter in jeder Gesellschaft,fließet über von treffendem Scherz, bildet ofteine» kleinen Gedanken mit allem Reichthumseiner Dichtergaben aus, spottet nie bitter,streitet bescheiden, und verträgt auch Wider- 5spruch gern; aber ein-Hofmann, lieber Lellow,ist er darum nicht, wenn ich auch nur einenGefälligen unter dem Worte verstehe, der sichgeschwind bei Höhern einschmeichelt. Seine Ge-radheit halt ihn vielmehr von der Bekantschaft ivmit Vornehmer» zurück, nicht daß er Geburtund Würde nicht schäztc, aber er schäzt denMenschen noch mehr. Er forscht tiefer nachinnerem Gehalt, sobald ihn Erziehung undGlanz blenden können, und er fürchtet, als 15eine Beschimpfung, die kalte, beschüzende Her-ablassung der Großen. Darum muß nach demVerhältnisse des Rangs immer ein Vornehmerereinige Schritte mehr thun, wann ihm um Klop-stocks Achtung zu thun ist. Selten findet ihr 2»ihn in der sogenannten guten Gesellschaft, imZirkel abgeschliffener Leute, bei welchen, wieauf König Williams Schillingen, kaum ein Ge-präg mehr kentlich ist, die sich täglich ohne Liebesuchen, ohne Kummer verlassen, über alles glei- 25ten, und an nichts Theil nehmen, ihre Zeitunter Spielen und Schmausen, wie eine Bürde,fortschleppen — sie sind auf der Leiter der We-sen nur einen Sproß,höher als Puppen imUhrwerk, die, auf ihrer Walze befestigt, sich zgewig in der nämlichen Schwunglinie drehen-Dafür zog Klopstock lieber mit ganzen Familienseiner Freunde aufs Land; Weiber und Män-ner, Kinder und Diener, alle folgten und freu-ten sich mit. Wir suchten dann unwegsame 35Oerter, finstre, schauervolle Gebüsche, einsame,unbewanderte Pfade, kletterten jeden Hügel hin-auf, späheten jedes Naturgesicht aus, lagertenuns endlich unter einer schattigen Eiche, undergözten uns an den Spielen der Jugend, ja 4gnicht selten mischten wir uns drein. Ost zeigteKlopstock einen fernen Baum. „Dorthin!"rief er, „aber gradezu - wir werden aufMorast und Gräben treffen - ey bedächtlichcr!so bauen wir Brücken:" — und so wurden 45Aeste gehauen; wir rückten, mir Faschinen be-laden, als Belagerer fort, sicherten den Weg,und erreichten das Ziel. Klopstock ist immermit Jugend umringt. Wann er so mit einerReihe Knaben daher zog, hab' ich ihn oft den 50Mann von Hameln genant. Aber auch dies istGefallen an der unverdorbenen Natur. Deutsch-land verdankt seiner Jugendliebe einige seinerbessern Menschen; unsre Stolberge und Karl'Cramcrn hatten seine Zärtlichkeit früh gebildet. 55Klopstocks Leben ist ein beständiger Genuß.
Er überläßt sich allen Gefühlen, und schwelgtbei dem Mahle der Natur. Nur wann sie ausdem Kunstwerk athmet, ist die Kunst seinerHuldigung werth; aber sie muß wählen, was »0Herzen erschüttert, oder Herzen sanft bewegt.Gemälde ohne Leben und Weben, ohne tiefenSinn und sprechenden Ausdruck, eure Mieris,Netschcr und Lümgelande fesseln seine Beobach-tung nicht; aber zeigt ihm Bouchardons Tire- 05
sias, wie er die Schatte» beschwöet, Rcmbrands
Lazarus, wie er zum Leben erwacht, Rubenssterbenden Christus; dann hängt er trunken amBilde. So auch Musik. Sie durchströmt jh»,
wann sie klagt, wie die leidende Liebe, Wonneseufzet, wie ihre Hofnung, stolz daher tönt,wie das Jauchzen der Freiheit, feierlich durchdie Siegcspalmcn hallt. Immer muß sie derDichtkunst nur dienen, Windemcns Stimmefolgsam begleite», nie das Lied verhüllen, son-dern leicht umschwebe», wie der Schleier einegriechische Tänzerin. O, wie oft lauschten wiran unsers Gerstenbergs Klavier, wann er denholden Wechsclgesang mit seiner zärtlichen Gat-tin anstimtc!
Gerstenberg lebte damals in Lpngbye, nahebei Bcrnstorf, und hatte, durch eine Redukzion,den größten Theil seiner Einkünfte verloren,aber in seiner Hütte wohnten heitre Ruhe derTugend und alle Freude» der Liebe.
— — „Selbst unter ärmlichem Dache
Kannst du die Fürsten an Glück und die Freundeder Fürsten besiegen."
Hier sang er seinen unsterblichen Skalden, man-ches holde katullische Lied, und erfand die gol-denen Träume des guten leidenden Gaddo. Bonihm kontcn die Hippiafse lernen, daß die Blumeder Freude nicht auf ihren Parterre« alleinblüht, daß sie auch für die Sterne und dieGerstcnberge auf einer Sandwüste keimt. Wireilten zum einsamen Haus, und verließen Pa-läste, wie man, durch le Notres Gärten, nachdem kunstlosen Hain eilt.
Die freudigste Zeit des Jahrs für Klopstockwar,
Wann der Nachthauch glänzt auf dem stehen-den Strom.
Gleich nach der Erfindung der Schiffahrt ver-dient ihm die Kunst Tialfs ihre Stelle.
Wer nante dir den kühneren Mann,
Der zuerst am Mäste Segel erhob?
Ach! verging selber der Ruhm dessen nicht.Welcher dem Fuß Flügel erfand?
Eislauf predigt er mit der Salbung eines Hei-denbekchrers, und nicht ohne Wunder zu wir-ken; denn auch mich, lieber Boie, der ich nichtzum Schweben gebaut bin, hat er aufs Eisargumentirt. Kaum daß der Reif sichtbar wird,so ist es Pflicht, der Zeit zu genießen, und eineBahn oder ein Bähnlein aufzuspüren. Ihmwaren um Kopenhagen alle kleine Waffersam-lungen bekant, und er liebte sie nach der Ord-nung, wie sie später oder früher zufroren. Aufdie Verächter der Eisbahn sieht er mit hohemStolze herab:
Säumst du noch immer an der Waldung aufdem Heerd', und schläfst
Scheinbar denkend ein? Wecket dich dersilberne Reif
Des Dezembers, 0 du Zärtling! nichtauf?
Eine Mondnacht auf dem Eise ist ihm eine Fest-nacht der Götter:
Nur Ein Kesez: wir verlassen nicht eh denStrom,
Bis der Mond am Himmel sinkt!
Wenn ich das Gescz durch Glossen verdrehte,oder es brach, so ward meine Sünde durch ein