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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
567-568
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Christoph Martin Wieland.

Christoph Martin Wieland.

ver Prozeß umErstes Kapitel.

Veranlassung des Prozesses und tniti .^peeies.

Kaum hatten sich die guten Abderitcn vondein wunderbaren Theaterfieber, womit sie desehrlichen, arglosen Euripides Götter- undMenschen Herrscher Amor heimgesucht hatte,wieder ein wenig erhohlt: kaum sprachen dieBürger wieder in Prosa mit einander auf denStraßen, kaum verkauften die Drogisten wiederihre Niesewurz, schmiedeten die Waffenschmiedewieder ihre Rappiere und Transchiermcsser,machten sich die Abderitinnen wieder keusch undemsig an ihr Purpurgewebe, und warfen dieAbderiren ihr leidiges Haberrohr weg, um ihrenverschiednen Berufsarbeiten wieder mit ihremgewöhnlichen guten Verstände obzuliegen: alsdie Schicksalsgöllinnen ganz ingcheim, aus demschalsten, dünnsten, unhaltbarsten Stoffe, derjemahls von Göttern oder Menschen versponnenworden ist, ein so verworrenes Gespinst vonAbenteuern, Händeln, Verbitterungen, Ver-hetzungen, Kabalen, Parteyen und anderm Un-rarh herauszogen, daß endlich ganz Abdera da-von umwickelt wurde, und, da das heilloseZeug durch die unbesonnene Hitze der Helferund Helfershelfer nun gar in Flammen gerierh,diese berühmte Republik darüber beynahe, undvielleicht gänzlich, zu Grunde gegangen wäre,wofern sie nach des Schicksals Schluß durch einegeringere Ursache als - Frösche und Rat-ren bälte vertilgt werden können.

Die Sache fing sich (wie alle große Wellbe-gebenhcilen) mit einer sehr geringfügigen Ver-anlassung an. Ein gewisser Zahnarzt, Nah-mens Struthion, von Geburt und Vorältcrn 4baus Megara gebürtig, halte sich schon seitvielen Jahren in Abdera häuslich niedergelas-sen; und weil er vielleicht im ganzen Lande dereinzige von seiner Profession war, so erstrecktesich seine Kundschaft über einen ansehnlichen 50Tbeil des mittäglichen Thraciens. Seine ge-wöhnliche Weise, denselben in Konlribuzion zusetzen, war, daß er die Jahrmärkte aller kleinenSrädre und Flecken auf mehr als dreyßig Mei-len in der Runde bereiste, wo er, neben seinem 25,Zahnpulver und seinen Zahntinkluren, gelegent-lich auch verschiedene Arkana wider Milz- undMutlerbeschwerungen, Engbrüstigkeit, böse Flüsseu. s. w. mir ziemlichem Vortheil absetzte. Er-halts zu diesem Ende eine wohlbeleibte Eselin 60im stalle, welche bey solchen Gelegenheiten zu-gleich mit seiner eignen kurz-dicken Person, undmit einem großen Quersack voll Arzneyen undLeben-mittel beladen wurde.

Nun begab sichs einsmahls, da er den Jahr- 62markt zu Gerania besuchen sollte, daß seineEselin Abends zuvor ein Füllen geworfen harte,folglich nicht im Stande war, die Reise mitzu-machen. Struthion miethete sich also einen ari-

des Esels Schatten.

10 dern Esel, bis zu dem Orte, wo er sein erstesNachtlager nehmen wollte, und der Eigenthü-mer begleitete ihn zu Fuße, um das tastbareThier zu besorgen und wieder nach Hause zureiten. Der Weg ging über eine große Haide.12 ES war mitten im Sommer und die Hitze desTages sehr groß. Der Zahnarzt, dem sie un-erträglich zu werden anfing, sah sich lechzendnach einem schattigen Platz um, wo er einenAugenblick absteige» und etwas frische Luft schö-20 pfen könnte. Aber da war weit und breit we-der Baum noch Staude, noch irgend ein andrerSchatten gebender Gegenstand zu sehen. End-lich, als er seinem Leibe keinen andern Rathwußte, machte er Halt, stieg ab, und setzte22 sich in den Schatten des Esels.

Nu, Herr, was macht ihr da, sagte derEseltreiber, was soll das?

Ich setze mich ein wenig in den Schatten,versetzte Srrulhion, denn die Sonne prallt mir20 ganz unleidlich auf den Schädel.

Nä, mein guter Herr, erwiederte der andre,so haben wir nicht gehandelt! Ich vermietheteeuch den Esel, aber des Schattens wurdemit keinem Worte dabey gedacht.

35 Ihr spaßt, guter Freund, sagte der Zahn-arzt lachend; der Schatten geht mit dem Esel,das versteht sich.

Ey, beym Jason! das versteht sich nicht,rief der Eselmann ganz trotzig; ein andres ist40 der Esel, ein andres ist des Esels Schatten.Ihr habt mir den Esel um so und so viel ab-gemielhet. Hättet ihr den Schatten auch dazumiethen wollen, so haltet ihrs sagen müssen.Mit Einem Wort, Herr, steht aus und setzteure Reise fort, oder bezahlt mir für des EselsSchalten was billig ist.

Was? schrie der Zahnarzt, ich habe fürden Esel bezahlt, und soll jetzt auch noch fürseinen Schatten bezahlen? Nennt mich. selbsteinen dreyfachen Esel wenn ich das thue! DerEsel ist einmahl für diesen ganzen Tag mein,unh ich will mich in seinen Schalten setzen sooft mir's beliebt, und darin sitzen bleiben, solange mir's beliebt, darauf könnt ihr euch ver-lassen !

Ist das im Ernst eure Meinung? fragteder andre mit der ganzen Kaltblütigkeit einesAbdcritischcn Eseltreibers.

In ganzem Ernste, versetzte Strulhion.

So komme der Herr nur gleichstehendenFußes wieder zurück nach Abdera vor die Obrig-keit, sagle jener, da wollen wir sehen wer von unsbeiden Recht behalten wird. So wahr Priapusmir und meinem Esel gnädig sey, ich will se-hen, wer mir den Schatten meines'Esels widermeinen Willen abtrotzen soll!

Der Zahnarzt hatte große Lust, den Esel-treiber durch die Stärke seines Arms zur Ge-bühr zu weisen. Schon ballte er seine Faust