Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
569-570
JPEG-Download
 

569

Christoph Martin Wieland.

570

zusammen, schon hob sich sein kurzer Arm:aber als er seinen Mann genauer ins Augefaßte, fand er für besser den erhabnen Armallmählich wieder sinken zu lassen, und es nocheinmahl mit gelindern Vorstellungen zu versu-chen. Aber er verlor seinen Athem dabey. Derungeschlachte Mensch bestand darauf, daß erfür den Schatten seines Esels bezahlt seynwollte: und da Strulhion eben so hartnäckigdabey blieb, nicht bezahlen zu wollen, so warkein andrer Weg übrig, als nach Abdera zu-rückzukehren, und die Sache bey dem Stadt-richter anhängig zu machen.

Zweites Kapitel.

Verhandlung vor dem Stadtrichtcr Filippides.

Der Stadtrichter Filippides, vor wel-chen alle Händel dieser Art in erster Instanzgebracht werden mußten, war ein Mann vonvielen guten Eigenschaften: ein ehrbarer, nüch-terner, seinem Amte fleißig vorstehender Mann,der jedermann mit großer Geduld anhörte, denLeuten freundlichen Bescheid gab, und in allge-meinem Rufe stand daß er unbestechlich sey.Ucberdieß war er ein guter Musikus, sammelteNaturalien, halte einige Schauspiele gemacht,die, nach Gewohnheit der Stadt, sehr wohlgefallen hatten, und war beynahe gewiß, beymersten Erledigungsfalle Nomofylaxzu werden.

Bey allen diesen Verdiensten hatte der guteFilippides nur einen einzigen kleinen Fehler,und der war: daß, so oft zwey Parteien vorihn kamen, ihm allemahl derjenige Recht zuhaben schien, der zulitzt gesprochen hatte. DieAbderiten waren so dumm nicht daß sie dasnicht gemerkt hätten: aber sie glaubten, einemManne, der so viele gute Eigenschaften besitze,könne man ja wohl einen einzigen Feh-ler zu gut halten. Ja, sagten sie, wenn Fi-lippides diesen Fehler nicht hätte, er wäreder beste Stadlrichter den Abdera jemahls ge-sehen hat !

Indessen hatte doch der Umstand, daß demehrlichen Manne immer beyde Parteyen Rechtzu haben schienen, natürlicher Weise die guteFolge, daß ihm nichts angelegener war, als dieHändel, die vor ihn gebracht wurden, inGüte auszumachen; und so würde die Blö-digkeit des guten Filippides ein wahrer Segenfür Abdera gewesen seyn, wenn die Wachsam-keit der Syko sanken, denen mit seiner Fried-fertigkeit übel gedient war, nicht Mittel ge-funden hätte, ihre Wirkung fast in allen Fällenzu vereiteln.

Der Zahnarzt Strulhion und derEseltreiber Anlhrax kamen also wie bren-nend vor diesen würdigen Stadlrichter gelaufen,und brachten beide zugleich mit großem Ge-schrey ihre Klage vor. Er hörte sie mit seinergewöhnlichen Langmulh an; und, da sie endlichfertig oder des Schreycns müde waren, zuckteer die Achsel,,, und der Handel däuchle ihmeiner der verworrensten von allen die ihm je-mahls vorgekommen. Wer von euch beyden istdenn ^gentlich der Kläger? fragte er.

Ich klage gegen den Esel mann, antwor-tete Strurhion^.-daß er unsern Kontraktgebrochen hat.

Und ich, sagte dieser, klage gegen denZahnarzt, daß er sich unentgeltlich einerSache angemaßt hat die ich ibm nicht vermis-chet halte.

Da haben wir zwey Kläger, sagte derStadlrichter, und wo ist der Beklagte? Einwunderlicher Handel! Erzählt mir die Sachenoch einmahl mit allen Umständen - aber einernach dem andern — denn es ist unmöglichklug daraus zu werden, wenn beyde zugleichschreyen.

Hochgeachteter Herr Sladtrichter, sagte derZahnarzt, ich habe ihm den Gebrauch des Eselsauf einen Tag abgemieihet. Es ist wahr, desEsels Scharten wurde dabey nicht erwähnt.Aber wer hat auch jemahls gehört, daß beyeiner solchen Miethe eine Klausel wegen desSchattens wäre eingeschaltet worden? Es istja, beym Herkules! nicht der erste Esel, der zuAbdera vermiethet wird.

Da hat der Herr Recht, sagte der Richter.

Der Esel und sein Schatten gehen mit ein-ander, k fuhr Struthion fort) und warumsollte der, der den Esel selbst gemiethet hat,nicht auch den Nießbrauch seines Schattenshaben?

Der Schatten ist ein Accessorium, dasist klar, versetzte der Stadlrichter.

Gestrenger Herr, schrie der Eseltreiber, ichbin nur ein gemeiner Mann, und verstehenichts von euren Arien und Orien. Aber dasgeben mir. meine vier Sinne, daß ich nichtschuldig bin meinen Esel umsonst in der Sonnestehen zu lassen, damit sich ein andrer in sei-nen Schatten setze. Ich habe dem Herrn denEsel vermiethet, und er hat mir die Hälftevoraus bezahlt: das gesteh' ich. Aber einandres ist der Esel, ein andres ist sei» Schat-t e n.

Auch wahr, murmelte der Stadtrichter.

Will er diesen haben, so mag er halbso viel dafür bezahlen als für den Esel selbst:denn ich verlange nichts als was billig ist, undich bitte mir zu meinem Rechte zu verhelfen.

Das Beste, was ihr hierbei) thun könnt,sagte Filippides, ist, euch in Güte mitein-ander abzufinden. Ihr, ehrlicher Mann, laßtimmerhin des Esels Schalten, weil es dochnur ein Schatten ist, mit in die Miethe-gehen;und ihr, Herr Strulhion, gebt ihm eine halbeDrachme dafür: so können beide Theile zufrie-den seyn.

Ich gele nicht den vierten Theil von einemBlasiert, schrie der Zahnarzt, ich verlange meinRecht!

Und ich, schrie sein Gegenparl, besteh' aufdem meinigen. Wenn der Esel mein ist, so istder Schalten auch mein, und ich kann damit alsmit meinem Eigenthum schalten und walten:und weil der Mann da nichts von Recht undBilligkeit hören will; so verlang' ich jetzt dasDoppelte, und ich will doch sehen ob noch Justizin Abdera ist!

Der Richter war in großer Verlegenheit.Wo ist denn der Esel? fragte er endlich, daihm in der Angst nichts andres einfallen wollte,um etwas Zeit zu gewinnen.

„Der steht unten auf der Gaffe vor derThüre, gestrenger Herr!"

5

/

10

15

2 »

25

30

35

40

45

50

55

60

65