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Christoph Martin Wieland,
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Führt ihn in den Hof herein, sagte Phi-lippides.
Der Eigenthümer des Esels gehorchte mitFreuden; denn er hielt es für ein gutes Zei-chen, daß der Richter die Hauptperson im Spielesehen wollte. Der Esel wurde herbey geführt.Schade, daß er seine Meinung nicht auch zuder Sache sagen konnte! aber er stand ganz ge-lassen da, schaute mit gereckten Ohren erst denbeiden Herren, dann seinem Meister ins Gesicht,verzog das Maul, ließ die Ohren wieder sin-ken, und sagte kein Wort.
Da seht nun selbst, gnädiger Herr Stadt-richter, rief Anthrax, ob der Schatten einesso schönen, stattlichen Esels nicht seine zweyDrachmen unter Brüdern werth ist, zumahl aneinem so heißen Tage wie der heutige?
Der Stadtrichter versuchte die Güte nocheinmahl, und die Parteyen fingen schon an esallmählich näher zu geben: als unglücklicherWeise Fysignatus und Polyfonus, zweyvon den nahmhaftesten Sykofanten in Adders,dazu kamen, und, nachdem sie gehört wovondie Rede war, der Sache auf einmahl eine an-dere Wendung gaben.
Herr Struthion hat das Recht völlig aufseiner Seite, sagte Fysignatus, der denZahnarzt für einen wohlhabenden und dabeysehr hitzigen und eigensinnigen Mann kannte.Der andre Sykofant, wiewohl ein wenig ver-drießlich, daß ihm sein Handwerksgenoffe soeilfertig zuvor gekommen war, warf einen Sei-tenblick auf den Esel, der ihm ein hübscheswohl genährtes Thier zu seyn schien, und er-klärte sich sogleich mit dem größten' Nachdruckfür den Eseltreiber. Beyde Parteyen wolltennun kein Wort mehr vom Vergleichen hören,und der ehrliche Filippides sah sich genöthigt,einen Rechtstag anzusehen. Sie begaben sichhierauf jeder mit seinem Sykofanten nach Hause;der Esel aber mit seinem Schatten, als demObjekt des Rechtshandels, wurde bis zu Aus-lrag der Sache in den Marstall gemeiner StadtAbdera abgeführt.
Drittes Kapitel.
Wie die Parteyen sich höher» Orts UNI Unterstützungbewerben.
Nach dem Sladtrechte der Abderiten wurdenalle über Mein und Dein unter den gemeinenBürgern entstandene Händel vor einem Gerichtevon zwanzig Ehrenmännern abgethan, welchesich wöchentlich dreymahl in der Vorhalle desTempels der Nemesis versammelten. Alleswurde, aus billiger Rücksicht aus die Nahrungder Sykofanten, schriftlich vor diesem Ge-richte verhandelt; und weil der Gang der Ab-deririschen Justiz eine "Art von Schnek-kenlinie beschrieb, und sich auch mit derGeschwindigkeit der Schnecke fortbewegte;zumahl die Sykofanten nicht eher zum Be-schließen verbunden waren, bis sie nichts mehrzu sagen hatten: so währte das Libellirengemeiniglich >o lange, als es die Mittel derParteyen wahrscheinlicher Weise aushalten konn-ten. Allein dießmahl kamen so viele besondereUrsachen zusammen der Sache einen schnellernSchwung zu geben, daß man sich nicht darüber
zu verwundern hat, wenn der Prozeß über desEsels Schatten binnen weniger als vier Mo-naten schon so weit gediehen war, daß nun amnächsten Gerichtstage das Endurtheil erfol-5 gen sollte.
Ein Rechtshandel über eines Esels Schattenwürde sonder Zweifel in jeder Stadt der WeltAufsehen machen. Man denke also, was er inAbdera thun mußte!
10 Kaum war das Gerücht davon erschollen,als von Stund' an alle andre Gegenstände dergesellschaftlichen Unterhaltung fielen, und jeder-mann mit eben so viel Theilnehmung vondiesem Handel sprach, als ob er ein Großes15 dabey zu gewinnen oder zu verliere» hätte.Die einen erklärten sich für den Zahnarzt, dieandern für den Eseltreiber. Ja, sogar derEsel selbst hatte seine Freunde, yvelche dafürhielten, daß derselbe ganz Wohl berechtigt wäre,20 intnrvvnienüo einzukommen, da er durch dieZumuthung, den Zahnarzt in seinem Schartensitzen zu lassen und unterdessen in der brennen-den Sonnenhitze zu stehen, offenbar am meistenprägraviert worden sey. Mit einem Worte,25 der besagte Esel hatte seinen Schatten auf ganzAbdera geworfen, und die Sache wurde miteiner Lebhaftigkeit, einem Eifer, einem Interessegetrieben, die kaum größer hätten seyn können,wenn das Heil gemeiner Stadt und Republik50 auf dem Spiele gestanden hätte.
Wiewohl nun diese Berfahrungsweise über-haupt niemanden, der die Abderiten aus dervorgehenden wahrhaften Geschichtsdarstellungkennen gelernt hat, befremden wird: so glauben55 wir doch solchen Lesern, welche eine Geschichtenur alsdann recht zu wissen glauben, wennihnen das Spiel der Räder und Triebfedernmit dem ganzen Zusammenhange der Ursachenund Folgen einer Begebenheit aufgeschlossen40 wird, keinen unangenehmen Dienst zu erweisen,wenn wir ihnen etwas umständlicher erzählen,wie es zugegangen, daß dieser Handel — derin seinem Ursprünge nur zwischen Leutenvon geringer Erheblichkeit und über einen äu-45 ßcrst unerheblichen Gegenstand vorwalte - wichtiggenug werden konnte, um zuletzt die ganze Re-publik in seinen Strudel hinein zu ziehen.
Die sämmtliche Bürgerschaft von Abderawar (wie von jeher die meisten Städte i» der50 Welt) in Zünfte abgetheilt, und vermögeeiner alten Obscrvanz gehörte der ZahnarztStruthion in die Schusterzunft. Der Grunddavon war, wie die Gründe der Abderitenimmer zu seyn pflegte», mächtig spitzfindig.55 In den erste» Zeiten der Republik hatte nehm-lich diese Zunft bloß die Schuster und Schuh-flicker in sich begriffen. Nachmahls wurden alleArten von Flicke rn mit dazu genommen; undso kam es, daß in der Folge auch die Wund-60 ärzte, als Mensche nflicker, und zuletzt(ol> Paritäten» ratiouis) auch die Zahnärzte zurSchusterzilde geschlagen wurden. Struthionhatte demnach i bloß die Aerzte ausgenommen,mit denen er immer stark über den Fuß ge-65 spannt war, die ganze löbliche Schusterzunft,und besonders alle Schuhflicker auf seiner Seite,die ( wie man sich noch erinnern wird) einensehr ansehnlichen Theil der Bürgerschaft vonAbdera ausmachte». Natürlicher Weise wandte