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Christoph Martin Wicland.
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sich also der Zahnarzt vor allen andern sogleichan seinen Vorgesetzten, denZunftmcisterPfriem;und dieser Mann, dessen patriotischer Eifer fürdie Freyheiten der Republik niemanden unbe-kannt ist, erklärte sich sogleich mit seiner ge-wöhnlichen Hitze: daß er sich eher mit seinereigenen Schusterahle erstechen, als geschehenlassen wollte, daß die Rechte und Freyheitenvon Abdera in der Person eines seiner Zunft-verwandten so gröblich verletzt würden.
„Billigkeit, sagte er, ist das höchsteRecht. Was kann aber billiger seyn, als daßderjenige, der einen Baum gepflanzt hat, wie-wohl es dabey eigentlich auf die.Früchte an-gesehen war, nebenher auch den Schattendes Baums genieße? Und warum soll das, wasvon einem Baume gilt, nicht eben sowohl voneinem Esel gelten? Wo, zum Henker, soll esmit unsrer Freyheit hinkommen, wenneinem künftigen Bürger von Abdera nicht ein-mahl frey stehen soll, sich in den Schatteneines Esels zu setzen? Gleich als ob ein Esels-schatten vornehmer wäre als der Schatten desRathhauscs oder Jasontempels, in den sichstellen, setzen und legen mag wer da will.Schatten ist Schatten, er komme von einemBaum oder von einer Ehrensäule, von einemEsel oder von Sr. Gnaden, dem Archon selbstiKurz und gut, setzte Meister Pfriem hinzu,verlaßt euch auf mich, Herr Struthion: derGrobian soll euch nicht nur den Schatten, son-dern zu eurer gebührenden Saxfazion den Eselnoch obendrein lassen, oder es müßte wederFreyheit noch Eigenthum mehr in Abdera seyn;und dahin solls, beim Element! nicht kom-men , so lang' ich der Zunftmeister Pfriemheiße!"
Während daß der Zahnarzt sich der Gunsteines so wichtigen Mannes versichert hatte,ließ es der Eseltreiber Anthrax seines Ortsauch nicht fehlen, sich um einen Beschützer zubewerben, der jenem wenigstens das Gleichge-wicht halten könnte. Anthrax war eigentlichkein Bürger von Abdera, sondern nur einFreygelassener:, der sich in dem Bezirke desJasontempels aufhielt; und er stand als einSchutzverwandtcr desselben unter der unmittel-baren Gerichtsbarkeit des Erzpriestcrs diesesbekannter Maßen zu Abdera göttlich verehrtenHeros. Natürlicher Weise war also sein ersterGedanke, wie er dazu gelangen könnte, daßder Erzpriestcr Agathyrsus sich seiner mitNachdruck annehmen möchte. Allein der Erz-priester Jasons war zu Abdera eine sehr großePerson, und ein Eseltreiber konnte schwerlichhoffen, ohne einen besondern Kanal den Zu-tritt zu einem Herrn von diesem Range zuerhalten.
Nach vielen Berathschlagungen mit seinenvertrautesten Freunden wurde endlich folgenderWeg beliebt. Seine Frau, Krobylc genannt,war mit einer Putzmacherin bekannt, derenBruder der begünstigte Liebhaber des Kam-mermädchens einer gewissen Milc fischenTänzerin war, welche (wie die Rede ging)bey dem Erzpriester.in großen Gnaden stand.Nicht als ob er etwa — wie es zu gehen pflegt— — sonderlich weil die Priester des Jasonunverhcirathet seyn mußten - Kurz, wie die
Welt argwöhnisch ist, man sprach freylich aller-ley; aber das Wahre von der Sache ist: derErzpriester Agathyrsus war ein großer Lieb-haber von pantomimischen Solotänzen; und weiler die Tänzerin, um kein Aergerniß zu geben,nicht bey Tage zu sich kommen lassen wollte,so blieb ihm nichts andres übrig, als sie —mit der erforderlichen Vorsicht — bey Nachtdurch eine kleine Gartenthür in sein Kabinetführen zu lassen. Da nun einst gewisse Leuteeine dicht verschleierte Person in der Morgen-dämmerung wieder heraus gehen gesehen hatten:so war das Gemurmel entstanden, als ob esdie Tänzerin gewesen sey, und als ob der Erz-priester eine besondere Freundschaft auf diesePerson geworfen habe, welche in der That fähiggewesen wäre, in jedem andern als einem Erz-priester noch etwas mehr zu erregen. — Wienun dem auch seyn mochte, genug, der Esel-treiber sprach mir seiner Frau, Frau Kro-byle mit der Putzmacherin, die Putzmache-rin mit ihrem Bruder, der Bruder mitdem Kammermädchen; und, weil das Kam-mermädchen alles über die Tänzerin ver-mochte, von welcher vorausgesetzt wurde, daßsie alles über den Erzpriester vermöge, deralles über die Magnaten von Abdera und— ihre Weiber vermochte, so zweifelte An-thrax keinen Augenblick, seine Sache in die be-sten Hände von der Welt gelegt zu haben.
Aber unglücklicher Weise zeigte sichs, daßdie Favoritin der Tänzerin ein Gelübde gethanhatte, ihre Allvermögenheir eben so wenig un-entgeldlich auszuleihen, als Anthrax denSchatten seines Esels. Sie hatte eine Art vonTaxordnung, vermöge, deren der geringsteDienst, den man von ihr verlangte, wenigstenseine Erkenntlichkeit von vier Drachmen vor-aussetzte; und im gegenwärtigen Falle war ihrum so weniger zuzumuthen, auch nur eine halbeDrachme nachzulassen, da sie ihrer Schamhaf-tigkeit eine so große Gewalt anthun sollte, eineSache zu empfehlen, worin ein Esel die Haupt-figur war. Kurz, die Iris bestand auf vierDrachmen, welches gerade doppelt so viel war,als der arme Mann im glücklichsten Falle mitseinem Prozeß zu gewinnen hatte. Er sah sichalso wieder in der vorigen Verlegenheit. Dennwie konnte ein schlechter Eseltreiber hoffen, ohneeine haltbarere Stütze als die bloße Gerechtig-keit seiner Sache gegen einen Gegner zu beste-hen, der von einer ganzen Zunft unterstütztwurde, und sich überall rühmte, daß er denSieg bereits, in Händen habe?
Endlich besann sich der ehrliche Anthrax ei-nes Mittels, wie er vielleicht den Erzpriesterohne Dazwischenkunfr der Tänzerin und ihresKammermädchens auf seine Seite bringen könnte.Das Beste daran däuchte ihm, daß er es nichtweit zu suchen brauchte. Ohne Umschweife —er hatte eine Tochter, Gorgo genannt, die,in Hoffnung auf eine oder andre Weise beym
Theater unterzukommen, gguz leidlich singen
und die Zither spiele» gelernt hatte. Das Mäd-chen war eben keine von den schönsten. Abereine schlanke Figur, ein Paar schwarze großeAugen und die frische Blume der Jugend er-setzten (seinen Gedanken nach) reichlich, wasihrem Gesicht abging; und in der That, wenn
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