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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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Seite
583-584
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Christoph Martin Wieland.

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Meinungen eigensinnig, im Widerspruch hitzigund grob, und, wo er entweder in seiner eig-nen Person oder in den Fröschen der Latonabeleidigt zu seyn glaubte, äußerst rachgierig;aber nichts desto weniger bis zur Niederträch-tigkeit geschmeidig, so bald er eine Sache, ander ibm gelegen war, nicht ohne Hülfe einerPerson, die er haßte, durchsetzen konnte. Ueber-dieß stand er mit einigem Grund in dem Rufe,daß er mit einer gehörigen Dose von Dari-ken und Filippen zu allem in der Welt zubringen sey, was mit dem Aeußcrlichen seinesKarakters nicht ganz unverträglich war.

Aus so entgegen gesetzten Gemüthsarten undaus so vielen Veranlassungen zu Neid und Ei-fersucht auf Seiten des Priesters Strobylus,entsprang nothwendig bey beiden , ein wechsel-seitiger Haß, der den Zwang, den ihnen ihrStand und Platz auferlegte, mit Mühe ertrug,und nur darin verschieden war, daß Agathyr-sus den Oberpriester zu sehr verachtete, umihn sehr zu chaffen, und dieser jenen zu sehrbeneidete, um ihn so herzlich verachten zukönnen als er wohl gewünscht hätte.

Zu diesem allen kam noch, daß Agathyr-sus, kraft seiner Geburt und ganzen Lage,für die Aristokratie, Strobylus hin-gegen, ungeachtet seiner Verhältnisse zu eini'-gen Rarhsherren, ein erklärter Freundder Demokratie, und nächst dem Zunft-meister Pfriem derjenige war, der durch seinenpersönlichen Karaktcr, seine Würde, seine schwär-merisä c Hitze und eine gewisse populäre Artvon Beredsamkeit den meisten Einfluß auf denPöbel halte.

Man sieht nun leicht voraus, daß die Sachemit dem Eselsschattcn oder Schattenesel noth-wendig eine ernsthafte Wendung nehmen mußte,so bald ein paar Männer, wie die beidcsi Ho-henpriester von Abdcra, darein verwickelt wurden.

Strobylus hatte, so lange der Prozeßvor den Stadtrichtern geführt wurde,nicht anders Theil daran genommen, als daßer sich gelegentlich erklärte, er würde an desZahnarztes Platz eben so gehandelt haben. Aberkaum erfuhr er durch die Dame Salabanda,seine Nichte, daß Agathyrsus die Sache sei-nes in der ersten Instanz verurtheilten Schntz-verwandten zu seiner eignen mache: so fühlteer sich auf einmahl berufen, sich mir an dieSpitze der Partey des Beklagten zu stellen, unddie Kabale des Zunftmeisters mir allem Anse-hen , das er bey den Ralhsherren sowohl alsbey dem Volke hatte, zu unterstützen.

Salabanda war zu sehr gewohnt ihreHand in allen Abdericischen Händeln zu haben,als daß sio unter den letzte» gewesen seyn sollte,die in dem gegenwärtige» Partey »ahmen.Außer ihren, Verhältnisse zu dem Priester Stro-bylus harte sie noch eine besondere Ursache, esmir ihm zu halten; eine Ursache, die darumnicht weniger wog, weil sie solche in Pettobehielt. Wir haben bey einer ander» Gelegen-heit erwahiit, daß diese Dame, es sey nun ausbloß politischen Absichten, oder daß sich vielleichtauch ein wenig Koketterie — „nd wer weiß,ob nicht auch zuweilen das, was man in derSprache der neuern Französischen feinen Weltdas Herz einer Dame nennt, mit einmischen

mochte: genug, ausgemacht war es, daß sieimmer eine Anzahl demüthiger Sklaven an derHand hatte, unter denen <wie man glaubte)doch immer wenigstens der eine oder andre5 wissen müsse, wofür er diene. Die geheimeKronik von Abdera sagte, der Erzpriester Aga-thyrsus hätte eine geraume Zeit die Ehre ge-habt, einer von den letzter» zu seyn; und inder That kamen eine Menge Umstände zusam-10 men, warum inan dieses Gerücht für etwasmehr als eine bloße Vermuthung halten konnte.So viel ist gewiß, daß die vertrauteste Freund-schaft seit geraumer Zeit unter ihnen obgewaltethatte, als die Milesische Tänzerin nach15 Abdera kam, und dem flatterhaften Jasoni-den in kurzem so merkwürdig wurde, daß Sa-labanda endlich nicht länger umhin konnte sichselbst für aufgeopfert zu halten.

Agathyrsus besuchte zwar ihr Haus noch20 immer auf dem Fuß eines alten Bekannten,und die Dame war zu politisch, um in ihremäußern Betragen gegen ihn die geringste Ver-änderung durchscheinen zu lassen. Aber ihrHer; kochte Rache. Sie vergaß nichts, was25 den Erzpriester immer tiefer in die Sache ver-wickeln und immer mehr in Feuer setzen konnte;heimlich aber beleuchtete sie alle seine Schritteund Tritte, und alle große» und kleinen Vdr-der- und Hinterthüren, die zu seinem Ka-30 bin er führen konnte», so genau, daß sie seineIntrigue mit der jungen Gorgo gar bald ent-deckte, und den Priester Strobylus in denStand setzen konnte, den Eifer des Erzpriestersfür die Sache des Eseltreibers in ein eben so35 verhaßtes Licht zu stellen, als sie selbstunter der Hand bemüht war, ihm einen lä-cherlichen Anstrich zu geben.

Agathyrsus, so wenig es ihm kostete,politische und ehrgeitzige Vortheile dem Interesse40 seiner Vergnügungen aufzuopfern, hatte dochAugenblicke, wo der kleinste Widerstand in einerSache, an der ihm im Grunde gar nichts ge-legen war, seinen ganzen Stolz aufrührischmachte: und so oft dieß geschah, pflegte ihn45 seine Lebhaftigkeit gemeiniglich unendlich weiterzu führen, als er gegangen wäre, wenn er dieSache einiger kühlen Ueberlegung gcwürdigethätte. Die Ursache, warum er sich Anfangsmit diesem abgeschmackten Handel bemengr50 hatte, fand jetzt zwar nicht länger Statt. Denndie schöne Gorgo halte, ungeachtet des Unter-richts ihrer Mutter Krobyle, entweder nichtGeschicklichkeit oder nicht Ausdaurungskraft ge-nug gehabt, den anfänglich entworfenen Ler-55 theidigungsplan gegen einen so gefährlichen underfahrnen Belagerer gehörig zu befolgen. Alleiner war nun einmahl in die Sache verwickelt;seine Ehre war dabey betroffen; er empfingtäglich und stündlich Nachrichten, wie unziem-60 lich der Zunftmeister und der Priester Stroby-lus mit ihrem Anhang wider ihn loszögen, wiesie drohten, wie übermüthig sie die Sachedurchzusetzen hofften, und dergleichen — unddieß war mehr als es brauchte, um ihn dahin65 zu bringen, daß er seine ganze Macht anzu-wenden beschloß, um Gegner, die er so sehrverachtete, zu Boden zu werfen, und für dieVerwegenheit, sich gegen ihn aufgelehnt zuhaben, zu züchtigen. Der Kabalen der Dame