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Christoph Martin Wieland.
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Salabanda ungeachtet, (die nicht sein genuggesponnen waren, um ihm lange verborgen zubleiben) war der größte Theil des Senats aufseiner Seite: und wenn gleich seine Gegnernichts unterließen, was das Volk gegen ihn er-bittern konnte, so hatte er doch, zumahl unterden Zünften der Gerber, Fleischer und Bäcker,einen Anhang von derben stämmichten Gesellen,die eben so hitzig vor der Stirne als nervig vonArmen, und auf jeden Wink bereit waren, fürihn und seine Partey, je nachdem es nöthigwäre, zu schreyen oder zuzuschlagen.
Siebentes Kapitel.
Ganz Abdcra theilt sich in zwey Parteyen. Die Sachekommt vor Rath.
In dieser Gährung befanden sich die Sa-chen, als auf einmahl die Nahmen Schattenund Esel in Abdera gehört, und in kurzemdurchgängig dazu gebraucht wurden, die beydenParteyen zu bezeichnen.
Man hat über den wahren Ursprung dieserUebernähmen keine zuverläßige Nachricht. Ver-muthlich, weil doch Parteyen nicht lange ohneNahmen bestehen können, hatten die Anhängerdes Zahnarztes Struthion unter dem Pöbelden Anfang gemacht, sich selbst, weil sie fürsein Recht an des Esels Schatten stritten,die Schatten, und ihreGegner, weil sieden Scharten gleichsam zum Esel selbst ma-chen wollten, aus Spott und Verachtung, dieEsel zu nennen. Da nun die Anhänger desErzpriesters diese Benennung nicht verhindernkonnten, so harten sie (wie es zu gehen pflegt)sich unvermerkt daran gewöhnt, sie, wiewohlanfänglich bloß zum Scherz, selbst zu gebrau-chen; nur mit dem Unterschied, daß sie denSpieß umdrehten, und das Verächtliche mirdem Schatten, und das Ehrenvolle mirdem Esel verknüpften. Wenn es ja eins vonbeyden seyn soll, sagten sie, so wird jeder braveKerl doch immer lieber ein wirklicher leibhafterEsel mit allem seinem Zubehör, als der bloßeSchatten von einem Esel seyn wollen.
Wie es auch damit zugegangen seyn mag,genug, in wenig Tagen war ganz Abdera indiese zwey Parteyen getheilt: und so wie sieeinen Rahmen hatten, nahm auch der Eiferauf beiden Seiten so schnell und heftig zu,daß es gar nicht mehr erlaubt war, neutralzu bleiben. Bist du ein Schatten oderein Esel? war immer die erste Frage, welchedie gemeinen Bürger an einander thaten, wennsie sich auf der Straße oder in der Schenke an-trafen; und wenn einen Schatten gerade dasUnglück iraf, an einem solchen Orte der ein-zige seines gleichen unter einer Anzahl vonEseln zu fly,,, so blieb ihm, wofern er sichnicht gleich mir der Flucht rettete, nichts übrig,als entweder auf der Stelle zu apostasieren,oder sich mit tüchtigen Stößen zur Thür hinauswerfen zu lassen.
Wie viele und große Unordnungen hierausentstehen mußten, kann man sich ohne unserZuthun vorstellen. Die Erbitterung ging inkurzem so weit, daß ein Schatten sich liebervor Hunger zum wirklichen Gespenst abge-
zehrt, als einem Bäcker von der Gegenpartei)für einen Dreyer Brot abgekauft hätte.
Auch die Weiber nahmen, wie leicht zu er-achten, Partey, und gewiß nicht mit der we-nigsten Hitze. Denn das erste Blut, das beyGelegenheit dieses seltsamen Bürgerkriegs ver-gossen wurde, kam von den Nageln zweyerHöckerweiber her, die einander auf öffent-lichem Markte in die Fysionomie gerathen wa-ren. Man bemerkte indessen, daß bey weitemder größte Theil der Adder! tinnen sich fürden Erzpriester erklärte: und wo in einemHause der Mann ein Schalten war, dakonnte man sich darauf verlassen, die Frau wareine Eselin, und gemeiniglich eine so hitzigeund unbändige Eselin, als man sich eine den-ken kann. Unter einer Menge theils heillosertheils lächerlicher Folge» dieses Parteygeistes,der in die Abderitinnen fuhr, war keine dergeringsten, daß mancher Liebeshandel dadurchauf einmahl abgebrochen wurde, weil der eigen-sinnige Seladon lieber seine Ansprüche alsseine Partey aufgeben wollte; so wie hingegenauch mancher, der sich schon Jahre lang ver-gebens um die Gunst einer Schönen beworbenund ihre Antipathie gegen ihn durch nichts,was gewöhnlich von einem unglücklichen Lieb-haber versucht wird, hatte überwinden können,jetzt auf einmahl keines andern Titels bedurfteum glücklich zu werden, als seine Dame zuüberzeugen daß er — ein Esel sey.
Inzwischen wurde die Präjudizialfrage,ob die von Klägern eingewandte Abberufungan den großen Rath Statt finde oder nicht?vor den Senat gebracht. Wiewohl dieß daserste Mahl war, daß es über die Eselssachevor diesem ehrwürdigen Kollegium zur Sprachekam: so zeigte sich doch bald, daß jedermannschon seine Partey genommen hatte. Der Ar-chen Onolaus war der einzige, der in Ver-legenheit zu seyn schien, wie er der Sacheeinen leidlichen Anstrich geben könnte. Dennman bemerkte daß er viel leiser als gewöhnlichsprach, und am Schlüsse seines Vertrags indie merkwürdigen und ominösen Worte aus-brach: er besorge sehr, der Eselsscharren, überwelchen jetzt mit so vieler Hitze gestritten werde,möchte den Ruhm der Republik aufviele Jahrhunderte verfinstern. SeineMeinung war, man würde am besten thun,die eingelegte Apellazion als unstatthaft abzu-weisen, den Spruch des Stadtgerichts (bis aufden Punkt der Kosten, die gegen einander auf-gehoben werden könnten) zu bestätigen, undbeiden Parteyen ein ewiges Stillschweigen auf-zulegen. Indessen setzte er doch hinzu, woferndie Majora dafür hielten , daß die Gesetze vonAbdera nicht zureichend wären, einen so gering-fügigen Handel auszumachen, so müsse er sichgefallen lasse» daß der große Rath den Aus-spruch darüber thue; jedoch wällte er daraufangetragen haben, vorher im Archiv nachsuchenzu lassen, ob sich uichc etwa schon j„ älternZeiten dergleichen ungewöhnliche Fälle ereignet,und wie man sich dabey benommen habe.
Diese Mäßigung des Archon — die ihmvon der unparteyisch richtenden Nachwelt ein-stimmig als ein Beweis von wahrer Regenten-weisheit zum Verdienst angerechnet werden
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