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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
611-612
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611 , Christoph Martin Wieland.

in allen Fällen, wo die Versammlung des gro- chen Stille, und zu dem Respekt, den sie dem

ßen Rathes nicht unmittelbare Angelegenheiten höchsten Gerichte schuldig waren, zu bringen,

des gemeinen Wesens betraf, den Vorsitz bey Der Präsident eröffnete nunmehr die Sitzung

demselben führte. Die Esel hatten zwar alles mit einer kurzen Rede; der Herold gebor ein

angewandt, den Archon Onolaus dahin zu brin- 5 abermaliges Stillschweigen; und die Sykofan-gen, daß er, weil es doch um ein neues Gesetz ten beider Theile wurden nahmentlich aufge-

zu thun wäre, den elfenbeinernen Lehnstuhl fordert, sich mit ihrer Klage und Derantwor-

(der, um drey Stufen über die Bänke der tung mündlich vernehmen zu lassen.

Räthe erhöht, für den Präsidenten gesetzt war) Den Sykofantcn, welche.für große Meister

mit seiner eignen ehrwürdigen Person ausfüllen IN in ihrer Art galten, mußte die Gelegenheit,möchte. Aber er erklärte sich: daß er lieber ihre Kunst an einem Eselsschattcn sehen zu

das Leben lassen, als sich dazu verstehen wolle, lassen, an sich allein schon eine große Aufmun-

über ein Eselsschallen-Gericht zu präsidieren. terung seyn. Man kann also leicht denken.

Man hatte sich also gezwungen gesehen, seiner wie sie sich nun vollends zusammen genommen

Delikatesse nachzugeben. 15 haben werden, da dieser Eselsschattcn ein Ge-

Dcr Nomofylax - als ein großer Anhan- genstand geworden war, woran die ganze Re-,

ger der Etikette, gewohnt, bey dergleichen Ge- publik Antheil nahm, und um dessen willen sie

legenheiten auf sich warten zu lassen - hatte sich in zwey Parteyen getrennt hatte, deren

dafür gesorgt, daß die Versammlung indessen jede die Sache ihres Klienten zu ihrer eignen

mit einer Musik von seiner Komposition unter- 2N machte. Seit ein Abdera in der Welt war,halten, und (wie er sagte) zu einer so feierli- halte man noch keinen Rechtshandel gesehen,

chen Handlung vorbereitet würde. Dieser Ein- der so lächerlich an sich selbst, und so ernsthaft

fall, wiewohl er eine Neuerung war, wurde durch die Art, wie er behandelt wurde, gewe-

dennoch sehr wohl aufgenommen, und that (ge- sen wäre. Ei» Sykofanr müßte auch ganz und

gen alle Absicht des Nomofylax, der seine Par- 25 gar kein Genie und keinen S yk ofanten sin ntcy dadurch in verstärkte Bewegungen von Muth gehabt haben, der bey einer solchen Gelegenheit

und Eifer hatte setzen wollen) eine sehr gute nicht sich selbst übertroffen hätte.

Wirkung. Denn die Musik gab denen von der Um so mehr ist es zu beklagen, daß der

Partey des Erzpriesters zu einer Menge spaß- übel berüchtigte Zahn der Zeit, dem so viele

hafter Einfälle Anlaß, über welche sich von Zeit 5l> andere große Werke des Genies und Witzes

zu Zeit ein großes Gelächter erhob. Einer nicht entgehen konnten noch künftig entgehen

sagte: Dieses Allegro klingt ja wie ein werden, leider! auch der Originale dieser bei-

Schlachtgesang - zu einem Wachtel- den berühmten Reden nicht verschont hat! -

kämpfe, fiel ein anderer ein. Dafür tönt wenigstens so viel uns bekannt ist. Denn wer

aber auch, sagte ein dritter, das Adagio, 55 weiß, ob es nicht vielleicht einem künftigenals ob es dem Zahnbrechcr Strulhion und Mei- Fourmont, Sevin, oder Villoison, der

ster Knieriemen, seinem Schutzpatron, zu auf Entdeckung alter Handschriften ausgeht.Grabe singen sollte. Die ganze Musik, meinte dereinst gelingen mag, eine Abschrift derselben

ein vierter, verdiene von Schatten gemacht und in irgend einem bestaubten Winkel einer alten

von Eseln gehört zu werden, ». s. w. Wie 4N Klosterbiblioihck aufzuspüren? Oder, wenn dießfrostig nun auch diese Scherze waren, so brauchte nicht zu hoffen stände, wer kann sagen, ob

es doch bey einem so jovialischen und so leicht nicht in der Folge der Zeiten Thrakien selbst

anzusteckenden Völkchen nichts mehr, um die wieder in die Hände Christlicher Fürsten fallen

ganze Versammlung unvermerkt in ihre natür- wird, die sich eine Ehre daraus machen werden,

liche komische Laune umzustimmen; eine Laune, 45 mächtige Beförderer der Wissenschaften zu seyn,die der Parteywuth, wovon sie noch besessen Akademien zu stiften, vcrsunkne Städte aus-waren, unvermerkt ihren Gift benahm, und graben zu lassen, u. s. w. Wer weiß, ob nicht

vielleicht mehr als irgend etwas anders zur alsdann diese gegenwärtige Abderitengeschichte

Erhaltung der Stadt in diesem kritischen Au- selbst, (so unvollkommen sie ist) in die Sprache

genblicke beytrug. 5l) dieses künftigen bessern Thrakiens übersetzt,

Endlich erschien der Nomofvlar mir seiner die Ehre haben wird Gelegenheit zu geben, daß

Leibwache von armen, ausgemergelten und prest- ein solcher Ncuthracischer Musaget auf

haften Handwerkern , welche, mit stumpfen Hcl- den Einfall kommt, die Stadt Abdera aus ihrem

lebarten und mit einer fricdsamen Art von ein- Schütte hervor zu rufen? da denn ohne Zwei-gcrostcten Degen bewaffnet, mehr das Ansehen 55 fcl auch die Kanzler) und das Archiv dieser be-der lächerlichen Figuren hatten, womit man in rühmten Republik, und in demselben die sämmt-

Gärten die Vögel schreckt, als von Kriegsmän- lichen Originalakten des Prozesses um des Esels

nern, die dem Gerichte beym Pöbel Würde und Schatten, nebst den beiden Reden, deren Vcr-

Furchtbarkeit verschaffen sollten. Wohl indessen lust wir beklagen, sich wieder finden werden. —

der Republik, die zu Beschirmung ihrer Thore 6» Es ist wenigstens angenehm, auf den Flügelnund innerlichen Sicherheit keiner andern Helden solcher patriotisch-menschenfreundlicher

nöthig hat als solcher: Träume sich in die Zukunft zu schwingen,

dieser grotesken Milizer, und und feinen Antheil an den Glückseligkeiten vor-

die ungeschickte possierliche Art, wie sie sich in aus zu nehmen, die unsern Nachkommen noch

dem kriegerischen Aufzuge, worein man sie nicht l!5 bevorstehen; Glückseligkeiten, für welche die im-ohne Mühe verkleidet hatte, geberdetcn, er- mer steigende Vervollkommnung der Wissenschaftweckte bey dem zuschauenden Volke einen neuen ten und Künste, und die von ihnen sich überAnstoß von Lustigkeit; so daß der Herold viele alles Fleisch ergießende Erleuchtung, Verschö-

Mühe hatte, die Leute endlich zu einer leidli- nerung und Sublimierung der Denkart, des