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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
613-614
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Christoph Martin Gieland.

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Geschmacks und der Sitten, uns augenschein-liche Bürgschaft leisten!

Inzwischen gereicht es uns doch zu einigemTroste, aus den Papieren, aus welchen gegen-wärtige Fragmente der Abderitengeschichte ge-nommen sind, wenigstens einen Auszug dieserReden liefern zu können, dessen Acchtheik umso unverdächtiger ist, da kein Leser, der eineNase hat, den Duft der Abderitheit, derdaraus empor steigt, verkennen wird. Ein in-nerliches Argument, das am Ende doch immerdas hefte zu seyn scheint, das für das Werkirgend eines Sterblichen, er sey nun ein Os-sian oder ein Abderitischer Feigenred-ner, sich geben läßt.

Dreizehntes Kapitel.

Rede des Sykofante» Fysignatus.

Der Sykofant Fysignatus, der als Sach-walter des Zahnarztes S truthi on zuerst sprach,war ein Mann von Mittelgröße, starken Mus-keln und mächtiger Lunge. Er wußte sich vieldamit, daß er ein Schüler des berühmten Gor-gias gewesen war, und machte Ansprüche, ei-ner der größten Redner seiner Zeit zu seyn.Aber in diesem Stücke war er, wie in vielenandern, ein offenbarer Abdrrit. Seine größteKunst bestand darin, daß er, um seinem wort-reichen Vertrag durch die mannigfaltige Modu-lazion seiner Stimme mehr Lebhaftigkeit undAusdruck zu geben, in dem Umfang von an-derthalb Oktaven von einem Intervall zum an-dern wie ein Eichhorn herum sprang, und soviel Grimassen und Gestikulazionen dazu machte,als ob er seinen Zuhörern nur durch Geberdenverständlich werden könnte.

Indessen wollen wir ihm doch das Verdienstnicht abläugnen, daß er mit allen den Hand-griffen, womit man die Richter zu seinem Vor-theil einnehmen, ihren Verstand verwirren, sei-nen Gegentheil verhaßt, und überhaupt eineSache besser, als sie ist, scheinen machen kann,ziemlich fertig umzuspringen, auch bey Gelegen-heit keine unfeine Gemählde zu machen wußte;wie der scharfsinnige Leser aus seiner Rede selbstohne unser Erinnern am besten abnehmen wird.

Fysignatus trat mit der ganzen Unverschämt-heit eines Sykofantcn auf, der sich darauf ver-läßt, daß er Abdcrircn zu Zuhörern hat, undsing also an:

„Edle, Ehrenfeste und Weise, Groß-mögende LicrhunderkmLnner!

„Wenn jemahls ein Tag war, an welchemsich die Vortrefflichkeit der Verfassung unsrerRepublik in ihrem größten Glanz enthüllt hat,und wenn jemahls ich mit dem Gefühl, wases ist ein Bürger von Abdera zu seyn, untereuch aufgetreten bin: so ist es an diesem gro-ßen Tage, da vor dieses ehrwürdige höchste Ge-richt, vor diese erwartungsvolle und theilnch.inende Menge des Volks, vor diesen ansehnlichenZusammenfluß von Fremden, die der Ruf ei-nes so außerordentlichen Schauspiels schaaren-wcise herbey gezogen hat, ein Rechtsk,anbei zurEntscheidung gebracht werden soll, der in einemminder freyen, minder wohl eingerichteten Staate,der selbst in einem Theben, Athen oder Sparta,

nicht für wichtig genug gehalten worden wäre,die .stolzen Verwalter des gemeinen Wesens nureinen Augenblick zu beschäftigen. Edles, preis-würdiges, dreymahl glückliches Abdera! Duallein genießest unter dem Schutze einer Gesetz-gebung, der auch die geringsten, auch die zwei-felhaftesten und spitzfindigsten Rechte und An-sprüche der Bürger heilig sind, Du allein ge-nießest das Wesen einer Sicherheit und Frey-heit, wovon andere Republiken (was auch sonstdie Vorzüge seyn mögen. womit sich ihre pa-triotische Eitelkeit brüstet) nur den Schattenzum Antheil haben.

„Oder, saget mir, in welcher andern Re-publik würde ein Rechtshandel zwischen einemgemeinen Bürger und einem der geringsten ausdem Volke, ein Handel, der dem ersten Anblicknach kaum zwey oder drey Drachmen beträgt,über einen Gegenstand, der so unbedeutendscheint, daß die Gesetze ihn, bey Benennung derDinge, welche ins Eigenthum kommen können,gänzlich vergessen haben, ein Handel über et-was, dem ein subtiler Dialektiker sogar denNahmen eines Dinges streitig machen könnte, —mit Einem Wort, ein Streit über den Schat-ten eines Esels — saget mir, in welcher an-dern Republik würde ein solcher Rcchtshandelzum Gegenstand der allgemeinen Lheilnehmung,zur Sache eines jeden, und also, wenn ich sosagen darf, gleichsam zur Sache des ganzenStaats geworden seyn? In welcher andernRepublik sind die Gesetze des Eigenthums soscharf bestimmt, die gegenseitigen Rechte derBürger vor aller Willkühr der obrigkeitlichenPersonen so sicher gestellt, die geringfügigstenAnsprüche oder Forderungen selbst des ärmsten,in den Augen der Obrigkeit so wichtig und hochangesehen, daß das höchste Gericht der Repu-blik selbst es nicht unter seiner Würde hält,sich feierlich zu versammeln, um über das zwei-felhaft scheinende Recht an einen Esels-sch alten zu erkennen?

„ Wehe dem Manne, der bey diesem Wortedie Nase rümpfen, und, aus albernen kindi-schen Begriffen von dem was groß oder kleinist, mit unverständigem Hohnlächeln ansehenkönnte, was die höchste Ehre unsrer Jnstizver-fassung, der Ruhn, unsrer Obrigkeit, der Triumfdes ganzen Abdcritischcn Wesens und eines je-den 'guten Bürgers ist! Wehe dem Manne,ich wiederhol!!' es zum zweyten- und dritten-mahl, der keinen Sinn hätte, dieß zu fühlen!Und Heil der Republik, in welcher, so bald esauf die Gerechtsame der Bürger, aus einenZweifel über Mein und Dein, die Grundfestealler bürgerlichen Sicherheit, ankommt, auchein Eselsschatten keine Kleinigkeit ist!

„Aber, indem ich solchergestalt auf der ei-nen Seite, mir aller Wärme eines Patrioten,allem gerechten Stolz eines ächten Abderitcn,fühle und erkenne, welch ein glorreiches Zeug-niß von der vortrefflichen Verfassung unsrerRepublik sowohl, aig von der unpartcyischenFestigkeit und nichts übersehenden Sorgfalt,womit unsre ruhmwürdigst regierende Obrigkeitdie Wage der Gerechtigkeit handhabet, dieservorliegende Handel bey der spätesten Nachkom-menschaft ablegen wird: wie sehr muß ich aufder andern Seite die Abnahme jener treuherzi-

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