Buch 
Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
615-616
JPEG-Download
 

615

Christoph Martin Wicland.

616

gen Einfalt unsrer Vorältern, das Verschwin-den jener mitbürgerlichcn und freundnachbarli-chen Sinnesart, jener gegenseitigen Dicnstbc-fliffenheit, jener frevwilligen Geneigtheit, ausLiebe und Freundschaft, aus gutem Herzen,oder wenigstens um des Friedens willen, etwasvon unserm vermeinten strengen Rechte fahrenzu lassen, - wie sehr, mit Einem Worte, mußich den Verfall der guten alten AbdcritischenSitte» beklagen, der die wakre und einzigeQuelle des unwürdigen, schamlosen Nechtshan-dels ist, in welchem wir heule befangen sind! —Wie werd' ichs ohne glühende Schamrdthe her-aus sagen können? — O du einst so berühmteBiederhcrzigkcic unsrer guten Alten, ist es da-hin mit dir gekommen, daß Abderitische Bür-ger — sio, die bey jeder Gelegenheit, aus va-terländischer Treue und nachbarlicher Freund-schaft, bereit seyn sollten, das Herz im Leibemit einander zu theilen - so eigennützig, sokarg, so unfreundlich, was sag' ich, so un-menschlich sind, einander sogar den Schatteneines Esels zu versagen?

„Doch - verzeiht mir, werthe Mitbürger!ich irrte mich in dem Worte — verzeiht mireine unvorsetzlichc Beleidigung! Derjenige, dereiner so niedrigen, so rohen und barbarischenDenkart fähig war, ist keiner unsrer Mitbür-ger. Es ist ein bloß geduldeter Einwohnerunsrer Stadt, ein bloßer Schutzverwandtcr desJasonkempels, ein Mensch aus den dicksten He-fen des Pöbels, ei» Mensch, von dessen Ge-burt, Erziehung und Lebensart nichts bcfferszu erwarten war, mit Einem Wort, einEseltreiber — der, außer dem gleichen Bo-den und der gemeinsamen Luft, die er athmet,nichts mir uns gemein hat, als was uns auchmit den wildesten Völkern der HnperborcischenWüste» gemein ist. Seine Schande klebt anihm allein: uns kann sie nicht besudeln. EinAbderitischer Bürger, ich unterstehe michs zusagen, hätte sich keiner solchen Unthat schuldigmachen können.

„ Aber - nenn' ich sie vielleicht mit einemzu strengen Nahmen, diese That? - Stelleteuch, ich bitte, an den Platz eures guten Mit.bürgers Struthion, und — fühlet!

„Er reiset i» seinen Geschäften, in Geschäf-ten seiner cdeln Kunst, die es bloß mir Ver-minderung der Leide» seiner Ncbcnmenschcn zuthun hat, von Abdcra nach Gerania. Der Tagist einer der schwülsten Sommertagc. Diestrengste Sonnenhitze scheint den ganzen Hori-zont in den hohlen Bauch eines glühenden Back-ofens verwandelt zu haben. Kein Wölkchen,das ihre sengenden Strahlen dämpfe! Keinwehendes Lüftchen, den vcrlechzten WandrerUtftuftischen! Die Sonne flammt über seinerScheitel, saugt das Blut aus seinen Adern,das Mark aus seinen Knochen. Lechzend, diedürre Zung' am Gaumen, mit trüben, vonHitze und Glanz erblindenden Augen, sieht ersich nach emem Schattenplatz, »ach irgend einemeinzelnen mitleidigen Baum um, unter dessenSchirm er sich erhöh,x», er einen Mund vollfrischerer Luft einathnieu, einen Augenblick vorden glühenden Pfeilen des unerbittlichen Apollosicher sepn könnte.

„ Umsonst! kenne! alle die Gegend von

Abdera nach Gerania. Zwey Stunden lang,zur Schande des ganzen Thrakiens sey es ge-sagt! kein Baum, keine Staude, die das Augedes Wandrers in dieser abscheulichen Fläche von5 magern Brach- und Kornfeldern erfrischen, oderihm gegen die mittägliche Sonne Zuflucht ge-ben könnte I

„Der arme Struthion sank endlich von sei-nem Thier herab. Die Natur vermocht' es10 nicht länger auszudaucrn. Er ließ den Eselhalten, und setzte sich in seinen Schatten. —Schwaches, armseliges Erhohlungsmittel! Aberso wenig es war, war es doch etwas!

„Und welch ein Ungeheuer mußte der Ge-15 fühllose, der Felsenherzige seyn, der seinem lei-denden Ncbenmenschen, in solchen Umständen,den Schatten eines Esels versagen konnte! Wär'es glaublich, daß es einen solchen Menschengebe, wenn wir ihn nicht mit eignen Augen20 vor uns sähen? — Aber hier steht er, und,was bcnnahe noch ärger, noch unglaublicher alsdie That selbst ist — er bekennt sich von freyenStücken dazu, scheint sich seiner Schande nochzu rühmen: und, damit er keinem seines glci-25 chcn, der künftig noch geboren werden mag,eine Möglichkeit, ihin an schamloser Frechheitgleich zu kommen, übrig lasse, treibt er sie soweit, nachdem er schon von dem ehrwürdigenStadtgericht in erster Instanz verurtheilt wor-30 den, sogar vor der Majestät dieses höchsten Ge-richtshofes der Vicrhundertmänncr zu behaup-ten, daß er Recht daran gethan habe. —„Ich versagte ihm den Eselsschatten nicht,spricht er, wiewohl ich nach dein strengen Recht35 nicht schuldig war, ihn darin sitzen zu lassen;ich verlangte nur eine billige Erkenntlichkeit da-für, daß ich ihm zu dem Esel, den ich ihmvermicthct hatte, nun auch den Schatten desEsels überlassen sollte, den ich nicht vermie-40 thct hatte." — Elende, schändliche Ausflucht!Was würden wir von dem Manne denken, dereinem halb verschmachtete» Wandrer verwehren,wollte, sich uncntgeldlich in den Schatten seinesBaumes zu setzen? Oder wie würden wir dcn-45 jenigen nennen, der einem vor Durst sterben-den Fremdling nicht gestalten wollte, sich ausdem Wasser zu laben, das auf seinem Grundund Boden flösse?

„Erinnert euch, o ihr Männer von Abdera,50 daß dieß allein, und kein andres, das Verbre-chen jener Lyrischen Bauern war, die derVater der Götter und der Menschen, zur Rachewegen einer gleichartigen Unmcnschlichkeit, welchediese Elenden an seiner geliebten Lalona und55 ihren Kindern ausübten — zum schrecklichenBeyspiel aller Folgezeiten, in Frösche verwan-delte. Ein furchtbares Wunder, dessen Wahr-heit, und Andenken mitten unter uns in demheiligen Hain und Teich der Latona, der ehr-00 würdigen Schutzgöktin unsrer Stadt, lebendigerhalten, verewigt, und gleichsam täglich er-neuert wird! Und du, Anthrax, du, ei»Einwohner der Stadt, in welcher dieses furcht-bare Denkmahl des Zorns der Götter über vcr-05 weigerte Menschlichkeit ein Gegenstand des öffent-lichen Glaubens und Gottesdienstes ist, du scheit-lest dich nicht, ihre Rache durch ein ähnlichesVerbrechen auf dich zu ziehen?

„Aber, du trotzest auf dein Eigenthums-