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Christoph Martin Wirland.
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selbst, Genugthuung erwartet, Genugthuungfordert. Bindet die Ehrfurcht ihre Zungen,so funkelt sie doch aus jedem Auge, diese ge-rechte, diese nicht zu verweigernde Forderung!Das Vertrauen der Bürger, die Sicherheitihrer Gerechtsame, die Wiederherstellung unsrerinnerliche» und öffentlichen Ruhe, die Begrün-dung derselben auf die Zukunft, mit EinemWorte, die Wohlfahrt unsers ganzen Staats,hängt von dem Ausspruch ab, den ihr thunwerdet, hängt von Erfüllung einer gerechtenund allgemeinen Erwartung ab. Und wenn inden ersten Zeiten der Welt ein Esel das Ver-dienst hatte, die schlummernden Götter bey demnächtlichen Uebersall der Titanen mit seinemGeschrey zu wecken, und dadurch den Olympusselbst vor Verwüstung und Untergang zu ret-ten: so möge jetzt der Schatten einesEsels die Gelegenheit, und der heutige Lagdie glückliche Epoke seyn, in welcher diese ur-alte Stadt und Republik nach so vielen undgefahrvollen Erschütterungen wieder beruhiget,das Band zwischen Obrigkeit und Bürger» wie-der fest zusammen gezogen, alle vergangne Miß-helligkeiten in den Abgrund der Vergessenheitversenkt, durch gerechte Verurtheilung eines ein-zigen frevelhaften Eseltreibers der ganze Staatgerettet, und dessen blühender Wohlstand aufewige Zeilen sicher gestellt werde!"
, Vierzehntes Kapitel.
Aiuwort des Shlofantc» PolhfonuS.
So bald Fysignatus zu reden aufgehörthatte, gab das Volk, oder vielmehr der Pöbel,der den Markt erfüllte, seine Beystimmung miteinem lauten Geschrey, welches so heftig undanhaltend war, daß die Richter endlich zu be-sorgen anfingen, die ganze Handlung möchtedadurch unterbrochen werde». Die Partey desErzpriesters geriekh in sichtbare Verlegenheit.Die Schatten hingegen, wiewohl sie im gro-ßen Rath die kleinere Zahl waren, faßten neue»Muth, und versprachen sich von dem Eindruck,den dieses Vorspiel auf die Esel machen müßte,einen günstigen Erfolg.
Indessen ermangelten die Zunftmeister nicht,das Volk durch Zeichen zur Ruhe zu.vermah-nen; und nachdem der Herold endlich durch ei-nen dreymahligen Ruf die allgemeine Stillewieder hergestellt hatte, trat Polyfonus, derSykofant des Eseltreibers, ein untersetzter stäm-michter Mann, mit kurzem krausem Haar unddicken pechschwarzen Augenbrauncn, auf, erhobeine Baßstimme, die auf dem ganzen Marktwiederhallte, und ließ sich folgender Maßen ver-nehmen :
„ Großmögcndc Vierhundertmänncr!
»Wahrheit und Licht haben das vor allenandern Dingen in der Welt voraus, daß siekeiner fremden Hülfe bedürfen, um gesehen zuwerden. Ich überlasse meinem Gegenpart wil-lig alle Vortheile, die er von seine» Redner-künsten zu ziehen vermeint hat. Dem, derUnrecht hat, kommt es zu, durch Figureü undWendungen und Fcchlcrstreiche und das ganzeGaukelspiel der Schulrhetorik Kindern und Nar-ren einen Dunst vor die Augen zu machen.
Gescheide Leute lassen sich nicht dadurch blenden.Ich will nicht untersuchen, wie viel Ehre undNachruhm die Republik Abdera bey diesem Han-del über einen Eselsschatten gewinnen wird.
5 Ich will die Richter weder durch grobe Schmei-cheleyen zu bestechen, noch durch versteckte Dro-hungen zu schrecken suchen. Noch viel wenigerwill ich dem Volke durch aufwiegelnde Redendas Signal zum Lärmen und Aufruhr geben.
10 Ich weiß, warum ich da bin und zu wem ichrede. Kurz, ich werde mich begnügen zu be-weisen, daß der Eseltreiber Anthrax Recht,oder, um mich genauer und billiger auszu-drücken, als von einem Sachwalter gefordert15 werden könnte, weniger Unrecht hat, alssein unbefugter Widersacher. Der Richter wirdalsdann schon wissen, was seines Amtes ist,ohne daß ich ihn daran zu erinnern brauche."
Hioc singen einige wenige vom Pöbel, die20 zunächst an den Stufen der Terrasse standen,an, den Redner mit Geschrey, Schimpfredenund Drohungen zu unterbrechen. Da aber derNomofylax sich von seinem elfenbeinernen Thronerhob, der Herold abermahls Stille gebot, und25 die Bürgerwache, die an den Stufen stand,ihre langen Spieße lupfte: so ward plötzlichalles wieder still, und der Redner, der sichnicht so leicht aus der Fassung bringen ließ,fuhr also fort:
50 „Großmögende Herren, ich stehe hier nichtals Sachwalter des Eseltreibers Anthrax, son-dern als Bevollmächtigter des Jafontempels,und von wegen des erlauchten und hochwürdi-gen Agathyrsus, zeitigen Erzpriestcrs undll5 Obervorstehers desselben, Hüters des wahrengoldnen Vließes, obersten Gerichtshrrrn überalle dessen Stiftungen, Güter, Gerichte undGebiete, und Oberhaupts des hochcdeln Ge-schlechts der Jasonidc», um im Nahmen Ja-40 sons und seines Tempels von euch zu begehren,daß dem Eseltreiber Anthrax Genugthuung ge-schehe, weil er im Grunde doch am mei-ste» Recht hat; und daß ers habe, hoffe ich,trotz allen den Kniffen, die mein Gegner von45 seinem Meister Gorgias gelernt zu haben sichrühmt, so klar und laut zu beweisen, daß esdie Blinden sehen und die Tauben hören sollen.Also, ohne weitere Vorrede, zur Sache!
„Anthrax vermiethete dem Zahnarzte Stru-50 khion seinen Esel auf einen Lag: nicht zu selbst-beliebigem Gebrauch, sondern um ihn, denZahnarzt mit seinem Mantelsack, halben Wegesnach Gerania zu tragen, welches, wie jeder-mann weiß, acht starke Meilen von hier ent-55 fernt liegt.
„Bey der Bermiethung des Esels dachtenatürlicher Weise keiner von beiden an seinenSchatten. Aber als der Zahnarzt mitten aufdem Felde abstieg, und den Esel, der wahr-00 lich von der Hitze noch mehr gelitten hatte als ,er, in der Sonne zu stehen nöthigte, um sichin dessen Schatten zu setzen, war es ganz na-türlich, daß der Herr und Eigenthümer desEsels dabey nicht gleichgültig blieb.
05 „Ich begehre nicht zu läugnen, daß Au-lhrax eine alberne und eselyafte Wendung nahm,da er von dem Zahnbrecher verlangte, daß erihn für des Esels Schatten deßwegen bezah-len sollte, weil er ihm den Schatten nicht