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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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621-622
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Christoph Martin Wicland.

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mit vermiethet habe. Aber dafür ist er auchnur ein Eseltreiber von Borältcrn her, d. j.ein Mann, der eben darum, weil er unter lau-ter Eseln aufgewachsen ist und mehr mit Eselnals ehrlichen Leuten lebt, eine Art von Recht 5hergebracht und erworben hat, selbst nicht vielbesser als ein Esel zu seyn. Im Grunde warsalso bloß — der Spaß eines Eseltreibers.

„ Aber in welche Klaffe von Ähicren sollenwir den setzen: der aus einem solchen Spaß inErnst machte? Hatte Herr Struthion wie einverständiger Mann gehandelt, so brauchte erdem Grobian nur zu sagen : „ Guter Freund,

wir wollen uns nicht um eines Eselsscharrenswillen entzweyen. Weil ich dir den Esel nicht 15abgemiethet habe, um mich in seinen Schattenzu setzen, sondern um daraus nach Gerania zureiten: so ist es billig, daß ich dir die etlichenMinuten Zeitverlust vergüte, die dir mein Ab-steigen verursacht; zumahl da der Esel um so 20viel länger in der Hitze stehen muß und dadurchnicht besser wird. Da, Bruder, hast du einehalbe Drachme; laß mich einen Augenblick hierverschnaufen, und dann wollen wir uns, inaller Frösche Nahmen! wieder auf den Weg 25machen." -

„Hätte der Zahnarzt aus diesem Tone ge-sprochen, so hätt' er gesprochen wie ein ehr-liebender und billiger Mann. Der Eseltreiberhätte ihm für die halbe Drachme noch ein Gott 30vergelts! gesagt: und die Stadt Abdera wäredes ungewissen Nachruhms, den ihr mein Ge-gentheil von diesem Eselsprozeß verspricht, undaller der Unruhen, die daraus entstehe» muß-ten , so bald sich so viele große angesehene 35Herren und Damen in die Sache wischten,überhoben gewesen. Statt dessen setzt sich derMann auf seinen eignen Esel, besteht auf sei-nem bodenlosen Rechte, sich vermöge seinesMiethkontrakts in des Esels Schatten zu setzen 40so oft und so lange er wolle, und bringt da-durch den Eseltreiber in die Hitze, daß er vorden Stadtrichter läuft, und eine Klage an-bringt, die eben so abgeschmackt ist als die Ver-antwortung des Beklagten.

„Ob es nun nicht, zu Statuierung eineslehrreichen Bevspiels, wohl gethan wäre, wenndem Sykofanten Fysignatus, meinem werthe-ste» Kollegen — als dessen Aufhetzung es ganzallein zuzuschreiben ist, daß der Zahnbrccher 50den von dem ehrwürdigen Stadtrichter Filip-pides vorgeschlagnen billigen Vergleich nicht ein-gegangen — für den Dienst, den er dem Ab-dericischen gemeinen Wesen dadurch geleistet, dieOhren gestutzt, und allenfalls, zum ewigen 55Andenken, ein Paar Eselsohren dafür angesetztwürden; inglcichen, was für einen öffentlichenDank der ehrwürdige Zunftmeister Pfriem, unddie übrigen Herren, die durch ihren patrioti-schen Eifer Oehl ins Feuer gegossen, für ihre 60Mühe verdient haben möchten: überläßt dererlauchte Erzpriester, mein Principal, dem eig-nen einsichtsvollen Ermessen des höchsten Ge-richts der Vierhundert. Er seines Orts wird,als angeborner Oberherr und Richter des Esel- 65treibers Anthrar, nicht ermangeln, ihm, zuwohl verdienter Belohnung seines in diesemHandel bewiesenen Unverstands, unmittelbarnach geendigtem Prozeß fünf und zwanzig Prü-

gel zuzählen lassen. Da aber darum das Rechtdes mehr besagten Eseltreibers, wegen der vondem Zahnarzte Struthion erlittnen Uckgcbühr,wegen des Mißbrauchs, den dieser von seinemEsel gemache, und wegen der Weigerung einerbilligen Vergütung des verursachten Zeitverlustsund Detcriorazion seines tastbaren Thieres, Ge-nugthuung zu fordern, nichts desto weniger inseiner ganzen Kraft besteht: so begehret underwartet der erlauchte Erzpricster von der Ge-rechtigkeit dieses hohen Gerichts, daß seinemUnterthanen, ohne längern Aufschub, die ge-bührende vollständige Entschädigung und Ge-nugthuung verschafft werde.

„Euch aber (setzte er hinzu, indem er sichumdrehte und gegen das Volk kehrte) soll ichim Nahmen Jasons ankündigen, daß alle die-jenigen, die auf eine ungebührliche und aufrüh-rische Art an der bösen Sache des ZahnbrechersAntheil genommen, so lange bis sie dafür ge-bührenden Abtrag gethan haben werden, vonden Wohlthaten, die der Tempel Jasons alleMonate den armen Bürgern zufließen läßt,ausgeschlossen seyn und bleiben sollen.-

Fünfzehntes Kapitel.

Bewegungen, welche die Rede ecS PvlyfennS vcrur-sachte. Nachtrag des Sykofanten FysignaluS. Perlcgenhcit der Richter.

Diese kurze und unerwartete Rede brachteauf einige Augenblicke ein tiefes Stillschweigenhervor. Der Sykofant Fysignatus schienzwar große Lust zu haben, sich über die Stelle,die ihn persönlich betroffen hatte, mit Hitze ver-nehmen zu lassen. Allein, da er die Niederge-schlagenheit bemerkte, die der Inhalt der letz-ten Periode seines Gegners unter dem gemeinenVolk hervorgebracht zu haben schien: so be-gnügte er sich, gegen die ehrwürdige Stellevom Ohrenabschneidcn und andre Anzüglichkei-ten sich guavvis eolnpoit-ntia vorzubehalten,zuckte die Achseln, und schwieg.

Das Licht, in welches der Sykofant Po-45 lyfonus den wahren 8lalum controvorsiavgestellt halte, that einen so guten Effekt, daßunter den sämmtlichen Vierhundertmännern kaumihrer zwanzig übrig blieben, die, »ach Abdcri-lischcr Gewohnheit, nicht versicherten, daß siedie Sache gleich vom Anfang an ebenso angesehen: und es wurde in ziemlich leb-haften Ausdrücken gegen diejenigen gesprochen,welche Schuld daran hätten, daß eine so simpleSache zu solchen Weitläuftigkeiren getriebenworden sey. Die meisten schienen darauf anzu-tragen: Daß dem Erzpriester nicht nur diefür seinen Angehörigen verlangte Entschädigungund Genugthuung zugesprochen, sondern aucheine Kommission aus dem großen Rath nieder-gesetzt werden sollte, um nach der Schärfe zuuntersuchen, wer die ersten Anstifter und Ver-hetzer dieses Handels eigentlich gewesen seyen.

Dieser Antrag brachte den Zunftmeister unddiejenigen, die ihre Partey mit ihm gegen allenErfolg zum voraus genommen hatten, auf ein-mahl wieder in Harnisch. Der Sykofant Fv-signatus, der dadurch wieder Muth bekam, ver-langte von dem Nomofylax noch einmahl zumGehör gelassen zu werden, weil er auf die