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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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651-652
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Theodor Gottlieb von Hippel.

vollen Mann in der Speisekammer aufzuhän-gen. Hier, sagte sie, kann er sich ohne Rah-

Und was mich kränkt, das wendeDurch deinen Arm und Kraft.

men behelfen und niemand wird zu ihm sagen: Ich wette, wenn meine Mutter mit diesem

Freund! wie bist du hereingekommen und hast Liede meinen Vater gleich zu Anfang bestochen

doch kein hochzeitlich Kleid an? 5 hätte, sie würde nicht auf einen Vers begränzt

Ich kann es nicht schicklicher anbringen, daß worden sein. Kaum hatte einer der zwei Strei-meine Mutter bei aller Gelegenheit feierlich war. ter über die Namen von Curland, Lettland undES ward im Pastorat mir nichts anderm als Semgallen Abschied genommen, und gleich sang

mit Weihrauch geräuchert; Alles, was meine ihm meine Mutter nach:

Mutter vornahm, ward besungen. Dieses 10 Wo ich bisher gesessen,

ist der eigentliche Ausdruck. Die Natur halte Ist nicht mein rechtes Haus;

sie mit einer sehr melodischen Stimme ausge- Wenn mein Ziel ausgemessen,

stattet. Das Bewußtsein dieser Mitgäbe der So tret' ich frei heraus.

Natur war indessen nicht die Ursache ihres treu- Und was ich hier gebrauchet,

fleißigen Gesangs. Meine Mutter wird die Ur- 15 Das leg' ich Alles ab;

fache hievon gelegentlich selbst angeben. Sie Und wenn ich ausgehauchet,

fing, sobald ihr etwas zu Herzen ging, einen So scharrt man mich ins Grab.

Vers eines geistlichen Liedes in bekannter Me- Gern, das weiß ich, hätte sie unter derlodie aus freier Faust (um ihren einhorn- Predigt: vom Baterlande, wie an Hö-schen Ausdruck nicht zu verfälschen) zu singen 20 hen Festen diesen Vers angestimmt, wenn siean, den Alles, was zu ihrem Departement geglaubt hätte, meinem Vater hiemil einen

gehörte, mit anzustimmen verbunden war. Sie Liebesdienst zu erweisen. Seine Singzeit in-

sang mit Kind und Rind. Es war daher na- dessen war noch nicht gekommen, und außer-

türlich, daß jedes, so bei ihr in Diensten war, dem hatte er den Grundsatz: die Andacht ge-Probe singen mußte, weil außer dem Hausdienst 25 hör' in'S Kämmerlein. Der Gesang blieb alsoauch eine Art von Küsterstelle durch jedes Haus- bloß unter den Hausgenossen.

Mädchen vergeben wurde. Vor diesem hatte Wer keine Einbildungskraft hat, sagte mein

meine Mutter, nach ihrer selbst eigenen Rela- Vater, hat auch kein Gedächtniß. Ein großestion, die Gewohnheit gehabt, einen jeden herz- Gedächtniß kann die Urlheilskraft schwächen,liehen Vorfall mit einem ganzen Liede zu be- :,y allein auch stärken. Wer sich durch hundertzeichnen ; mein Vater indessen, der anfänglich Meinungen, die er weiß, nicht stören läßt undbemüht gewesen, diese Gewohnheit völlig abzu- noch eine für sich besitzet, hat viel Gedächtnißschaffen, hatte sie doch am Ende nachlassen und viel Urtheilskraft. Die besten Köpfe klggcn

müssen- Sie ward aber von ihm bis auf einen am meisten über Gedächtniß. Sie sehen ein,

Vers eingeschränkt, den meine Mutter nicht um 35 wie viel noch zurückbleibt, was sie nicht wissen,die Herzogthümer Curland und Semgallen ge- und wollen steh aus eine Art, die ihnen amlassen hätte. ' wenigsten zu stehen kommt, bei Ehren erhalten-

Ich hab' es oft erfahren, daß mein Vater Ein Mann von starker Beurthcilungskraft machtzuweilen den zweiten Diskant erkemporirte und sich „ur Merkzeichen durch die Vernunft, die

meiner Mutter zum Munde sang, so daß er 4» Imagination ist bei ihm bloß Köchin. Was

mithin von seiner vorigen Meinung » puxtorior, sollte ihn also zurückhalten, ohne roth zu wer-abgegangen war. Meine Mutter rechnete ihm den, über schwaches Gedächtniß zu klagen?diese Bekehrung im Conto sehr hoch an, und Manche, um auch für tiefe Denker gehalten zuje lauter er mitgesungen hatte, je mehr wurde werden, machen es nach, obgleich die gutenihm zu gut geschrieben. Sie wußte sogar den 45 Leute weit eher über schlechten Verstand klagenZeitpunkt anzugeben, wenn mein Vater, der, könnten.

wie die Folge zeigen wird, keine Anlage zum Zum recht guten Gedächtniß gehört, etwas

Geistlichen besaß, aufgehört hätte ein Lieder- i„s Gedächtniß fassen, behalten und sich wieder

stürmer zu sein, und diesen Zeitpunkt werden erinnern. Sieh' bei der Sache auf Ursach und

wir übermorgen (ich rechne nach mir und bitte 59 Wirkung, inoculire Alles auf dein Lieblings-meinc Leser desfalls um Verzeihung) erreichen. studium, und es ist dir auch im spätesten Alter,Meine Mutter wußte den Rückfall meines Va- a,s härtest du es vorn, dreißigsten Jahre, bis

ters, den sie des zweiten Diskants »„erachtet zu welcher Zeit beim Menschen Alles in der

noch immer befürchtete, so sehr zu verhindern, Blüthe stehet, gelernt. Witzige Leute haben

daß sie seine Lieblingslieder den ihrigen vorzog, 55 schreckliche Gedächtnisse. Ueberall finden sie ein^

obgleich sie es auch mit ihren Lieblingen nicht Aehnlichkeit - weil diese aber oft zu schwachverdarb, unter denen einige waren, bei denen ist, oder weil sie mit einem Blick zehn Aehn-mein Vater unmöglich den andern Diskant sin- lichkeiken finden, vergessen sie Alles; — dasgen konnte. Bewußtsein, fassen zu können was man will,

Das Lied: Ich bin ein Gast auf Er- gg thut bei einem Genie oft größere Dinge, alsden, schien für meinen Vater gemacht zu sein, wenn'»'schon eingcrüttelt, geschüttelt und über-und fast ward kein Glas gebrochen, ohne daß flüssiges Maaß im Kopfe härte. Ich habe noch

meine Mutter nicht anstimmte:

keinen Dichter gekannt, der nicht schnell ge-faßt härte, was er gelesen. Beim mündliche»

ücy, lvu--- mein Gott und löseMein Herz, wenn dein Herz will;Komm, mach' ein sel'ges EndeMit meiner Wanderschaft,

Die Herber«' ist zu böse,Der Lrübto, in ... .

«5 Vortrage gelingt's nicht Allen. Prosa behaltensie leichter als Verse. Bei andern Leuten istes umgekehrt. Man würde behaupten können,ein Original müsse wenig Gedächtniß, haben,wenn es nicht Leute gäbe, die im Vergessen