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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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653-654
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Theodor Gottlieb von Hippel.

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eben so stark als im Fassen sind. Fassen undbehalten wird im gemeine» Leben für eins ge-nommen, allein ganz unrichtig. Ein jederOriginalkopf muß schnell fassen und schnell ver-gessen- Etwas bleibt zurück, und nur eben soviel, als nöthig ist, um nicht bloß Abschreiber(Copist) zu sein. Ein Großmaul hat ein be-hagendes, ein Kopf ein fassendes Gedächtniß.Wer viel plaudert, kann auch viel behalten;ein guter Kopf kann nur viel erzählen, wenner trunken oder verliebt ist; er darf sich indes-sen beides nur einbilden, zu sein. Wenn einPoet nicht gut faßt, kommt'soft daher, weiler sehen und hören kann und zwar mit Augenund Ohren des Genies, und auch dieser Um-stand trägt sein Theil bei, daß er so leicht ver-gißt. Er kann nichts lesen und hören, waser nicht sogleich mit dem Seinigen bereichert.Er verzinset oft einen Gedanken mit fünfzigProcent, oft mit mehr. Er weiß beständigviel. nur nicht immer, was Andere wissen.Wer Jahreszahlen und Geschlechtsregister be-halten kann, ist kein Dichter. —

Lieber Vater, hier macht die liebe Muttereine Ausnahme. Anlage zur Hauspoesie ist ihrnicht abzusprechen, und wer ihr kein gutes,massives Gedächtniß zugestehen wollte, dem ver-gäße sie diese Beschuldigung selbst im Himmelnicht, und wenn's auch nur bloß darum wäre,um ihr Gedächtniß zu beweisen. — Was siebehält, ist eisern. Meine Mutter wußte nichtnur alle mögliche Lieder aus- und inwendig,sondern besaß auch eine so genaue Lebensbe-schreibung von vielen Liederdichtern, daß sie bei-nahe den Schöpfungstag von jeder Strophewußte. Es war ihr von vielen Jahr und Tagbekannt, und was das Allermeiste war, siekonnte sagen, was jede ihrer Herzensstrophenbei diesem oder jenem für eine Wunderkur ge-macht hatte.

Mein Vater, der von dergleichen Dingennicht das Mindeste wußte, hörte ihr söhne Zwei-fel von dem Zeitpunkte, da er den zweitenDiskant zu singen anfing) andächtig zu, undschien an ihrer Zufriedenheit über dieses geneigteGehör Theil zu nehmen.

Die singende christliche Hausgemeine warnoch an den Worten:

Und was mich kränkt, das wende

Durch deinen Arm und Kraft,

und risch sing meine Mutter an, als wenn siefesten Fuß fassen und occupiren wollte:

„Von Paul Gerhard."

War mein Vater nicht unter ihren Zuhörern,pflegte die Leichenpredrgt länger und erbaulicherzu sein, und beständig fand sie alsdann ausihrem Wege Umstände, die mit Umständen, soLeuten aus ihrer Familie begegnet waren, eineAehnlichkeir hatten. Reiste mein Vater mir,war der Weg wie auf der Diele, und nie sprachsie bei einem Anverwandten auf der Landstraßean, es wäre denn zuweilen bei ihrem sel'genHerrn Vater oder Großvater, um ihnen ausKindespflichc die Hände zu küssen.

Paul Gerhard hatte Berlin wegen des Streitsder Lutheraner mit den Reformicten verlassen,nachdem er aus Lüden (denkt an Liebau, sagtesie, wenn euch der Name zu schwer fällt) nach

Berlin gekommen, und ihr seliger Herr Vetterwar, um Allen allerlei zu werden, vom Land-pastorat nach Mitau als Stadtpastor gegangenund hatte in Mitau ein Bein gebrochen. Dochwarum nicht sft selbst? Damit meinen Leserndie Zeit nicht zu lang werde, soll mein Vater

ab- und zugehen-

„Es ist ganz besonders, daß Herr Paul»Gerhard - (sein Sohn, Paul Friedrich Ger-„hard, war Magister; auch gut! allein, soviel„ich weiß, kein Liederdichter. Schade!) Es ist„ganz besonders, sag ich, daß Herr Paul Ger-„hard, welcher als Ober- oder Primarpastor,,1676 den siebenzehnten, und nicht den sieben„und zwanzigsten Mai, im siebenzigsten Jahre„seines reifen Alters unter die himmlischen Sän-„ger aufgenommen ward, kein Lied gemacht hat,„das mit C anfängt, obgleich wir sonst viele„vortreffliche Lieder haben, die mir diesem Buch-„staben anheben- Ich lass jeden Buchstaben in„seiner Ehr' und Würde, allein unter den Con-„sonanten ist C mein Liebling. Hat dein Vater„je sich des Unterdrückten, des Rothleidenden"(sie wandte sich zu mir) »angenommen, so war's,„indem er behauptete, der Buchstabe C sey so„gut deutscher Bürger im ABC als irgend„einer, und indem er den Candidaten — ohne„C widerlegte. Da die Letten ohne E sind,„so könnte man den Herrn Oberpastor Paul„Gerhard einen curischen, einen lettischen Sän-„ger nennen, wenn er anders damit zufrieden„wäre, woran ich zweifle. Wer Gerhard's Le-„bensgeschichte mit leichter Mühe und ohne„Kopfschmerz zu behalten Lust hat, merke sich„vier Sieben."

»Im Jahre sechzehn hundert sechs und sie-„benzig, den siebenzehnten Mai, im„siebenzigsten Jahre, und in Hinsicht des„Zweifels wegen seines Sterbetages sieben und„zwanzig. Dieser Zweifel hat, wie mich dünkt,„einen Druckfehler, eine Schwachheitssünde„zum Grunde. Wer kann wissen, muß jeder,„der ein Buch schreibt, bekennen, wie oft er„fehle." -

Da hast du ganz recht, liebe Mutter; undich, der ich zweihundert Meilen vom Dcuckorteentfernt bin, setze bei dieser Gelegenheit miteiner Verbeugung an alle Recensenten hinzu:Verzeihet die verborgenen Fehler. (Meine Mut-ter fährt fort:)

„Gott weiß, wie die Worte in der Ausgabe„des Herrn Feistking lauten. Es ist diese„Ausgabe für mich ein Licht unter einem Schef-fel. Das Manuscript hat Herr Johann„Heinrich Feistking vom Herrn Magister„Paul Friedrich Gerhard erhallen"

Meine Mutter bedauerte, daß sie nicht selbstder Herr Johann Heinrich Feistkingbeidieser Gelegenheit gewesen, und wär's auchnur, setzte sie hinzu, der grünen, rothen undblaue» Grenzzeichen und Fähnchen halber. DieAutorzeichen brachten sie auf die Tintarten,welche sie alle, so wie eine Mehl- und Milch-speise oder Grütze anrichten, zu können vorgab.Mein seliger Großvater, sagte sie, konnte ohnealle diese Tinten kein Concept zur Predigt vol-lenden- Mein seliger Vater brauchte nur dierothe, und jetzt bin ich bis auf die schwarze,und auch die (mein Vater war die ganze

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