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Theodor Göttlich von Hippel.
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Zeit abwesend) wird wenig gebraucht, außerUebung.
Der hochselige Mann, Paul Gerhard,hat das feistking'sche Exemplar mit allem Fleißrevidirt. Sein letzter Federstrich war in diesesBuch, und eben schrieb ein Erzengel
seinen Namen aufs beste
in's Buch des Lebens ein.
Ich habe die Vorrede des Herrn Feistkingnicht gelesen, sondern nur in ein anderes Bucheingebrockt gefunden; indessen gehört es ebennicht zum Stern und Kern dieser Vorrede,daß Paul Gerhard daselbst mit dem I). MartinLuther prvclamirt und gcpaarcr worden, und 15daß man sogar (unter uns gesagt) den Wunschäußert, daß Gerhard dem Martin Lutherbeim Reformaiionswerk geholfen halte. Ich thueEinspruch, Herr Feistking, nicht des Buchsta-bens C, sondern des auserwählten Rüstzeugs 20l>. Luthers wegen, der auch wußte, was Sangund Klang war. — Hier eine Lobrede auf Lu-ther», der darum, wie meine Mutter sagte,zu Eisleben geboren, weil ihn Gott dasEis zu brechen erkoren. Wir! wir! (siesang diese Worte in der Melodie: wir glau-ben All' an einen Gott) wir, - setztesie ohne Sang fort, — die wir aus Beschei-denheit den Zunamen Lutheraner angenommen,sollten mit dem Vornamen Reformatorenheißen; gewisse andere Leute aber, die nichtpaulisch oder kephifch sein wollen, können beimNamen Reformirte bleiben. Nach dem Lu-ther (mein Vater kommt) muß ich gestehen,keinen bessern Liederdichter als Gerhardenzu kennen. Er und Rist und Dach find einKleeblatt, das auscrwählkc Rüstzeug Lutheraber die Wurzel. Gerhard dichtete währenddem Kirchengeläute, könnte man sagen. Eingewisser Druck, eine gewisse Beklommenheit,eine Engbrüstigkeit war ihm eigen. Er warein Gast auf Erden und überall in seinenhundert und zwanzig Liedern — ich wünschtewohl, es wären ein hundert und sie den zigwegen der sieben — ist Sonnenwende gesäet.Diese Blume drehet sich beständig nach derSonne und Gerhard nach der seligen Ewig-keit. Schwermülhig —
Recht, sagte mein Vater; allein weißt duauch warum?
„Warum?" meine Mutter, „weil er nachdem vorgesteckten Kleinod blickte.«
Weil er ein böses Weib hatte. — Sobaldihn Gott von dieser bösen Sieben erlöste,war keine Sonnenwende mehr in seinem poeti-schen Garrchen. Er sang; allein es sang keinGerhard mehr. Was die Lanlippe dem Sokra-tes war —
.Dieser Blitz traf das Wort aus der Zungemeiner Mutter; es bebte noch eine Minute aufder bläulichen Oberlippe, allein es war so matt,
daß es in der Geburt seinen Geist aufgab.Meine Mutter, die sich ihres Geschlechts über-haupt anzunehmen gewohnt war, mußte vonmeinem unlevitischcn, unpoetischen Vater, der5 zum zweiten Diskant nur pur kriool gekommenwar, erfahren, daß er die Asche einer Ober-pastorin entheiligte und ein Sacrilegium beging.Das war mehr, als.sie tragen konnte! — Sieverstummte vor ihrem Scherer, und nach10 einer guten Viertelstunde allererst, nachdem dasHerzgespann nachgelassen, sang sie, ohne zusagen, von wem das Lied gedichtet war:
Wenn böse Zungen stechen.
Mir Glimpf und Namen brechen,
Will ich bezähmen mich;
Das Unrecht will ich dulden.
Dem Nächsten
(meine Mutter sang dieses Wort mit einemtiefen Seufzer)
seine Schulden
Verzeihen gern und williglich.
Dieses war für heute genug am Gemälde25 meiner Mutter. Daß sie Gedächtniß und, wonicht eine poetische Puls-, so doch Blutader,wo nicht prasselndes Odenfeuer, so doch eineglühende Kohle vom Altar gehabt, werden meineLeser selbst gefunden haben- Noch einen Zug30 um die Nase herum, der sich eben bei mir mel-det, und es übel nehmen könnte, wenn ich ihnnicht, so spät es auch ist, beherbergen sollte.Meine kreuzbare Mutter war eine so großeVerehrerin der Reime, daß sie sogar ein Gc-35 lübdc abgelegt halte, gewisse Worte nie zu tren-nen. Kern und Stern, Rath und That,Kind und Rind, Hack und Pack, Dachund Fach, Knall und Fall u. s. w. warennach ihrer Meinung Zwillinge, Doppelbrüder.40 Außer diesem behauptete sie, daß gewisse Reimefür einander geboren, im Himmel geschlossenwären und durchaus ins Eheband treten müß-ten, als da sind Stank und Dank, Mundund Pfund, Glimpf und Schimpf, Noth45 und Tod, Klefder und Schneider, Stu-dent und Recensent, Schelm und Helm.— „Was Gott zusammenfügt", pflegte sie zusagen, „soll der Mensch nicht scheiden. Wersolche Reime trennt, scheidet eine Ehe; und wer50 einen andern Reim in diese Stelle aufnimmt,hciralhet im verbotenen Grade." Sie behaup-tete, die Meime wären gleichsam die Riemen,durch welche das Gedicht verbunden würde,und muß ich ihr die Gerechtigkeit wiederfahren55 lassen, daß sie bei ihrem poetischen Trich-ter, oder dem in sechs Stunden einzu-gießenden Unterricht zur deutschenDicht- und Reimkunst') die Regel gab:trachtet am ersten nach dem Reime der zweiten60 Reihe, der erste wird euch zufallen, und es wirdder Vers wie gegossen sein. -
>) Nürnberg, gecruUi bei Wolsgang Endter IsSll.