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Theodor Gottlieb von Hippcl.
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II. Meine Erziehung.
Ich habe zwar von meinem Kater, da ichnicht capir eisest bin, nur wenig und das imBeilauf gesagt, meine Leser aber werden schonhieraus die verschiedenen Denkungsarten meinesVaters und meiner Mutter einsehen und ohneNote sich vorstellen, daß ihre Erziehungsartgleichmäßig nicht übereinstimmen konnte- MeineMutter wollte mich zu einem Geistlichen ma-chen und wenn man kein Edelmann und dochein Mensch in Curland ist, kann man keinenandern als diesen Stand wählen; einige welt-liche Stellen ausgenommen, deren aber zu we-nig sind, als daß viele darauf rechnen könnten,und die, bis auf die Advokatenstellen bei demLand-Obergerichtshofe in Mitau, noch obcneinadeliche Posten sind, und also als in Verfallgerathene Familien angesehen werden, welcheihren Adel mit leichter Mühe erneuern können.Mein Vater schien mich zu etwas anderem be-stimmt zu haben. Meine Leser mögen rathen,wozu? denn, in Wahrheit, ich selbst muß michbei diesem Umstände mit Rathen behelfen, ob-gleich ich es nicht läugne, mehr Data als meineLeser zur Auflösung meines Räthsels in derHand zu haben. Er sahe es sehr gern, wenn ichBall schlug, und erlegte selbst mit mir Kegel.Ich harte zu Anfange Mühe, die Kugeln zuheben; indessen fand sich mit der Zeit eineStärke in meine Arme, daß das Spiel zwischenmeinem Vater und mir ungewiß und eine Wettewurde, und wir abwechselnd gewannen undverloren. Er hatte es gern, daß ich mich her-umbalgte, und hierin that ich mich mit dem Ben-jamin, dem Sohne des alten Herrn, her-vor. Sowohl von Vater als Sohn wird so-gleich gehandelt werden. Meine Mutter er-mähnte mich, so oft ich gerungen hakte, undfügte hinzu, daß jedes Haar auf meinem Hauptegczählet sey.
Ich arbeitete beständig, allein ich wußte esnicht, ich hätte eben so gut glauben können,daß ich beständig spielte. Mein Vater konntesich über nichts so sehr ärgern, als daß überder Seele der Leib vergessen würde, und daßman das eine bei Hochwohlgebornen Kindernlernen und das andere spielen hieße. Esist Alles Spiel oder Alles Arbeit, pflegte er zusagen. Die Unvermögenheiten des Lebens hielter alle für ansteckend in Absicht der Seele. Esist ein schlechter Wirth, sagt' er, der sein Zim-mer mit Seide ausschlägt und von oben ein-regnen läßt. Vom Kleide auf den Mann, setzteer hinzu, vom Hause auf den Herrn, vomLeibe auf die Seele schließen, ist kein unrichti-ger Schluß. Wenn man seinen Körper, denman siehet, vernachlässiget, wie will man anseine weele denken, die man nicht siehet. Markmachc's aus, setzte er, -um sich zu erklären,hinzu, nicht Länge und Breite, Dicke undHöhe. Ein jeder Erfinder ist wenigstens andem Tage, da er erfand, ein Mann gewesen,und hätte eben so gut ein gesundes Kind indie Welt setzen als erfinden können, und Alles,was in der gelehrten Welt Methusalems Alter
Kurz, Pros. Lit.
erreichen und noch älter werden soll. Alles, waseigentlich auf die Nachwelt bleibt, hat ein Ge-sunder gedacht und geschrieben. Die Helden -und Staatsactionen des Herkules leisteten mei-5 nein Vater auf diesem Wege gute Dienste, under konnte sich sehr freuen, wenn ich Unwillenzeigte, daß ich nicht auch Gelegenheit gehabt,zweien Schlangen in der Wiege das Lebenslichtauszudrücken. Die Geschichte von Antäus,10 dem Riesen, war mir ein Brand im Busen,mein Vater goß Oel dazu, und maß mir seineLänge vor. Ich stieg auf den Tisch, um sierecht zu sehen, und so wie ich mich über dieArt des Antäus fceuete, sich einen Löwen zum15 Braten zu fangen, so gratulirte ich dem Her-kules, daß er diesen Löwenjäger todt zu drü-cken die Ehre gehabt. Meine Mutter war sowenig mit der Geschichte vom Riesen Antäus,als mit der von der Schlange zufrieden. Bei20 der Schlange siel ihr beständig die im Para-diese ein, wobei sie es dem Noa etwas übelnahm, daß er für sie eine recht holländischeToleranz in seinem Kasten gehabt. Sie äu-ßerte bei dieser Gelegenheit die Meinung, daß25 das Auszischen sich aus dem Paradiese Her-schriebe, wo der Teufel unsern ersten Elternauf diese Art übel begegnet hätte, nachdem diearmen Betrogenen den letzten Bissen Apfel ge-nossen. Was den todtaedrücklen Riesen betraf,30 fand sie's anstößig, daß er nicht Goliathhieße. Ich war sehr fürs Todtdrücken des Rie-sen, aber mein Vater zeigte mir das Erhabene,das Göttliche bei der Geschichte des David, undich lernte nebenher, wie unrecht es sei, mehr35 Mittel, und wär's auch nur ein Gränlein, an-zuwenden, als man Zweck hat.
Wenn meine liebe Mutter den Eifer be-merkte, der mir bei Erzählung vom Herkulesunter die Arme griff, so daß ich vor ihren40 sichtlichen Augen an Tisch und Stühlen einExempel statuiren wollte, pflegte sie mich zuermähnen, meine Arme zum Kanzelschlage zuschonen und sie nicht an unschuldigen Stühlenund Tischen zu entweihen.
45 Erziehen, sagte mein Vater, heißt aufweckenvom Schlafe, mit Schnee reiben, wo's erfrorenist, abkühlen, wo's brennt. Wer nie ein Kindunterrichtet hat, wird nie über das Mittelmä-ßige hervorragen. »Durch Lehren lernen wir" ist50 ein großes und wahres Wort! In gewisser Artlernen wir mehr von den Kindern, als dieKinder von uns. Wer ein Auge hat, lernthier den Menschen. Wenn die Sonne aufgeht,kann sie der Blick umfassen. Wer kann in sie55 sehen, wenn's Hochmtttag ist? —
Wenn ich Huf etwas durchaus und durchallbestand, überließ mich mein Vater meinem Ei-gensinn, und ich sahe aus den natürlichen Fol-gen, wie thöricht ich gehandelt, daß ich seinen60 Fingerzeig aus der Obacht gelassen. Er be-hauptete, daß keine natürliche Strafe gleich ei-ner Todesstrafe wäre, und so ließ er nach die-ser großen Vorschrift auch mich nur durch Bußebekehren und leben. Ich verbrannte mich am42