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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
659-660
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Theodor Gottlieb von Hippel.

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Licht, ich verdarb mir den Magen unterm Pflau-menbaum. Wie der himmlische Vater es mituns macht, pflegte er zu sagen, so sollten esauch leibliche Vater machen. Welch einen Ein-fluß diese Lehrart auf mich gehabt, ist unaus-sprechlich. — Ich lernte Natur, die wir leiderbei dem allgemeinen Fall oder Verfall der Men-sche» lernen müssen. Ich lernte sie im Klei-nen und im Großen. Wenn ein Genie alleinauf dem Lande geht, pflegte mein Vater zusagen, bleibt es nicht lange allein, die Naturgeht ihm an die Hand. Sie faßt es an, undes versteht die Blume, wenn sie sich neigt, undden liebevollen Hopse», der sich hinaufcanket.Es bewundert den Regenbogen, das Ordens-band, das Gott der Erde als ein Gnadenzei-chen umhing. Da sehen dann Genies eine»gewissen Zusammenhang zwischen Gott und demMenschen, und sind Seher, von Gott Ange-hauchte. Dies ist unendlich mehr, als ein Au-todidaktos, ein Selbstgelehrter. Dieser lerntaus Büchern, ein Seher lernt von Gott undaus seiner für ihn aufgeschlagenen Welt.

Mein Vater ließ es nie zu Thätlichkeitenbei seinen Strafgerichten kommen, denn ichverurtheilte mich selbst, und er bewirkte ebenhierdurch eine große Absicht. 'Er erzog nichteinen Sohn, sonder» einen Menschen.

Meine Mutter hielt einen Gnadenstoß fürnothwendig, und wenn sie mir mit ihrer theu-ern Rechten einen Ritterschlag versetzte, pflegtesie zu sagen; besser so als anders! — eine freieUebersctzung von: besser Ritter als Knecht —und dann sagte sie wieder: Wer seinen Elternnicht folgt, folgt dem Kalbfelle. — In derHauptsache stimmte sie mit meinem Vater, siezog nur durch einen andern Weg in eben das-selbe Land. Regen, der ihr kam, wenn sie diegroße Wäsche vorhatte, die mein Vater scherz-weise Fegefeuer nannte, das war ihr Gottes-schlag, und immer wußte sie, mit welcherSünde sie diesen Regen beim lieben Gott ver-schuldet hatte.

Ich entsinne mich, als wär's heute, daß siemeinetwegen einen Stock ergriff, — feierlichwie einen an einer Kreuzfahne, allein sie besannsich, wie Diogenes, der einen armen Jungenmit der Hand Wasser schöpfen sah, - sie mur-melte: „wer das Schwert nimmt, wird durchsSchwert umkommen/ und ich habe also nieunterm Gefreitenstock gestanden, sonder» nachPrinzen-Art, da doch Niemand ohne Schlägegroß wird, bloß Weiberhänden diesen Tributbezahlt. Meine Mutter nannte diese ZuchtLi-chc und Recht, und hatte eine sehr feineDistinction zwischen dem Stäbe Sanft undzwischen dem Stäbe Wehe, womit meinenLesern aber wenig gedient seyn kann.

Die Sprachen rechnete mein Vater zum De-partement des Leibes und der Seele. Manmuß, pflegte er zu sagen, nur Eine vollkom-men besitzen, das ist reden, schreiben und inIhr denken können. Ein Gott, Eine Taufe,Eine Sonne, Em Weib, Ein Geist, Ein Leib,Ein Freund, Eine Sprache. -

Es giebt, sagte er, keine nackte Wahrheit.Worte finde», heißt denken. Worte sind waskörperliches, was sinnliches, sie sind die Klei-

der der Gedanken — Beiwörter der Besatz,Worte der eigentliche Anzug. Wer deutsch ge-dacht und lateinisch geschrieben hat, ist, wenner gleich der beste Lateiner wäre, doch einDeutscher. Cicero würde ihn für keinen Lands-mann halten, um französisch zu schreiben, mußman Frauzose sei», um englisch, Engländer.Wer fremde Sprachen zu etwas mehr braucht,als sich andern Leuten, die nicht unsere Mut-ter kennen, verständlich zu machen, ist allemalei» schwacher Kopf. Es fehlt ihm wo, es sitzedas Uebel, wo es wolle.

Mein Vater war bei alle dem so wenigwider viele Sprachen, daß er sie vielmehr nachdem Thurm zu Babel so nothwendig, alsvielerlei Essen nach dem höchstbetrübten Sün-denfalle hielt. Viele Sprachen, bemerkte er,sind viele Creditbriefe. Zeige sie vor, du bistüberall willkommen. Kein Türke schlägt einenChristen todt, wen» der Christ türkisch kann,und wenn es noch so viel Religionsverdienstwäre. Die Sprache ist eine Herzensschlinge.Man ist bestrickt, man weiß nicht wie. Doch,warum soll ich Alles wieder sagen, was meinVater sagte? Seine Behauptungen waren außerder Weise. Er glaubte, es müßte zu kennenseyn, was bei Licht oder am Tage, was des Mor-gens und was des Abends gedacht wäre, wenn'snämlich aufgeschrieben worden. Morgengedankenwaren bei ihm wie die Erstgeburt heilig. Daich mehr mit Credit, als mit eignem Vermögenin der Welt handeln sollte, führte mich meinVater fleißig zu fremden Sprachen an, und ichmußte beinahe alle diese Sprachen zu gleicherZeit lernen. Alles ohne Donat und Gramma-tik. Zum Schlußmäßigen gewöhnte er michallererst im vierzehnten Jahre, und konnte ich sfolglich an Proben ansehen, die man in derRechenkunst erfunden, um zu sehen, ob richtiggerechnet sey. Mein Vater hielt viel auf wört-liche Übersetzungen in Sprachen, die noch leben.Hieraus, pflegte er zu sagen, lernt man eineRation auf ein Haar kennen, und die feinstePolitik und Weltkenntniß ist hier verborgen.Dieß ist der Chiffer zu den Geheimnissen derVölker. Auch sieht man aus der Sprache, ob'sim Lande kalt oder warm, neblicht oder klarsey. — Er ging hier »och weiter, ich befürchteaber, meine Leser werden nicht weiter gehenwollen. Bei abgeschiedenen Sprachen, fuhr erfort, tödtet der Buchstabe, der Geist aber ma-chet lebendig. Die Griechen nannte er Kirchen-väter der Statur und ihre Sprache den Grund-text des Geschmacks. Wenn man uns zuge-höret hätte, würde man uns für ein paarMaurergesellen vom Thurm zu Babel gehaltenhaben. Alles durch einander und doch Allesin einander. Mein Vater nahm, wenn erfremde Sprachen mir mir redete, auch fremdeArten an, und das war mir mehr als ein Le-xikon; ich hatte für jede Sprache ein anderesGesicht, eine andere Zunge, eine andere Hand,einen andern Fuß, und besonders eine andereNase. Worte mußte ich lernen, und er warnicht mit der Lchrarr zufrieden, bei Wortendas Gedächtniß zu stütze» und sich Merkzeichenzu machen. Man hat, sagte er, alsdann Bildund Wort zu behalten. Ein Stammvater von

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