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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
Entstehung
Seite
679-680
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Johann Gottfried von Herder.

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Friedensbotschaft wirkt dies moralische Institutauch zu den strengsten Pflichten. Wo zweioder drei versammelt sind, lebt der Stifter die-ser Versammlung: im Inhalt seiner Lehre selbstliegt der Zweck, die Auferbauung eines mora-lischen Gebäudes, bis zum Ende der Zeiten.

Es ist traurig, wenn dieser Zweck, auf einseiner Natur nach fortgehendes ewiges Publi-kum zu wirken, hie und da verkannt wird,indem man entweder Particular - Meinungen ,sogar Speculationen ins Christenthum mischte,bie dazu durchaus nicht gehören, oder den tod-ten Buchstaben todtbuchstäblich behandelt. Je-dem Denkenden bleibe seine Privatmeinuna überDies und Jenes; jeder speculativc Kopf schmückesein Lehrgebäude mit seiner besten Spcculalionaus: nur die Christenheit, als Publikum be-trachtet, bleibe damit verschonet. Die Lehreund der Zweck des Stifters sey oder werde einreiner Strom, der, was ihm von National-und Partikular-Meinungen, wie ein trüberBodensatz anhing, mehr und mehr niederschlägtund absetzt. So thaten es schon die ersten Bo-ten des Christenthums mit ihren jüdischen Bor-urtheilen, je mehr sie in die Idee eines christ-lichen Publikums, eines Evangelium» für alleVölker eintraten; und es kann nicht fehlen,daß diese Läuterung des Christenthums durchsanfte oder rauhe Mittel nicht mit den Jahr-hunderten fortgehen sollte. Es ist sehr lehr-reich, die Folge zu bemerken, mit der sich inder sogenannten Kirchengeschichte die harteHülse des Christenthums gebildet, hie und daaufgelöset und jedesmal einen reichern Kern,einen feineren Samen der Fortpflanzung ge-währt hat; so wird das Werk, mit oder ohneNamen des Urhebers, fortgehen bis a»s Endder Zeiten- Manche Formen sind zerbrochen,andere werden sich auflösen; nicht durch, äußereGewalt, sondern durch den inneren treibendenKeim selbst, den die Sonne ruft, dem die ganzeNatur ihre Stärke zuhauchet. Glücklich, wennman in ein Publikum tritt, an welches dieseStimme in reinem Klänge tönet. Sie umfaßtalle Stände, dringt durch alle Gewölbe, undtrifft den wesentlichen Punkt der Menschheit.Ueber augenblickliche, enge Verhältnisse, selbstüber die Schranken der Fassungskraft diesereinzelnen Versammlung hinweggcrückt, ahnetman ein fortgehendes erlesenes Publikum undathmet die Aura einer reinmoralischcn Zukunft.

5. Publikum der Literatur.

Das Christenthum hatte ein Band unterVölkern geknüpft, wie es durch die Eroberun-gen Alexanders, der Römer und Hunnen nicht ge-knüpft worden; seinem Zweck nach ein frieden-stiftcndes Band, so oft es auch zu Streit undHändeln Gelegenheit gab oder gemißbrauchtwurde. J„ hin, Händen der Vorsehung wardes zugleich xjn Band der Cultur, einer gemein-schaftlichen Cultur der Völker. WechselseitigeRechte und Pflichten kamen dadurch zwar nichtin bleibenden Gebrauch, doch aber in ein an-erkanntes Licht, in eine immer neu angefangeneUebung. Die Völker EuropenS wurden sichnicht nur bekannter, sondern auch durch gegen-seitige Bedürfnisse, bei gemeinsamen Zwecken

und Bestrebungen einander unentbehrlich; ihreTendenz ward immer mehr und mehr auf einenPunkt gerichtet. Erfindungen kamen hiezu, diebei diesen gemeinschaftlichen Bedürfnissen EinVolk vom andern borgte, worin Eins dem an-dern vorzueilen suchte; es entstand in ihrerVervollkommnung ein Wetteifer unter den Na-tionen. Nun konnten nicht so leicht mehr Ge-danken, Versuche, Entdeckungen, Uebungen un-tergehen, wie in Zeiträumen der einst voneinander getrennten Völker; das Samenkorn,das hier und jetzt keine Wurzel fand, trug eingünstiger Zephhr auf einen mildern Boden, woes vielleicht unter neuem Namen gedeihete.Im Druck der Zeiten und des Klimas schloffensich Zünfte zusammen, die mit gemeinsamer,oft etwas roher Hand, dem Fleiß, dxr Thätig-keit, allmählich auch der Erfindung und demGeist der Menschen Schutz und Dauer ver-schafften, die also, wiewohl sie durch Privat-leidenschaften und drückende Verhältnisse dasWerk der Vorsehung oft zu hindern schienen,zuletzt dasselbe doch fördern mußten. Durchalles Reiben der Völker, der Gesellschaften,Zünfte und Glieder unter einander erwuchsimmer ein größeres oder feineres Publikum,das in Streit und Friede, in Liebe und Leidaneinander Theil »ahm- Auf diesem Wege be-kam die rohe Kunst, der vom Bedürfniß er-presset- Fleiß der Einwohner Europens nichtnur diesen ganzen Wcltthcil, sondern durch ihnauch alle Welttheile zum gemeinschaftlichen Bo-den. Was für den Krieg und Handel, für dieSeefahrt und den Luxus erfunden und ausge-übt ward, verbreitete seine guten und schädli-chen Wirkungen auf alle Welttheile unsererbewohnten Menschcnerde; alle Völker Europa'sgreifen Hiebei in einander und halten unsernErdball für das Publikum, worauf sie zu wir-ken haben.

Von frühen Zeiten her sind Schulen undUniversitäten ein Mittel gewesen, für Kennt-nisse und Wissenschaften ein Publikum zu ver-breiten; ja sie sind es noch. Selbst die Scharf-sinnigen in mehreren geistlichen Orden flüchtetensich hinter ihre Schutzmauern, und breitetenvon da aus ihre Meinungen weit umher. Wasman nicht lehren durfte, darüber disputirteman nach akademischen Gesetzen, und übte dieDenkkrast der Menschen. Wiclef und Lutherschützte die Universität; und auch Huß hättesie geschützt, wenn er sich nicht auf das treu-lose Wort eines Kaisers verlassen hätte. Mehrnoch aber als Schutz gab die Universitätden Meinungen ihrer Lehrer; auch Gewicht,Stärke, Ausbreitung. Tausende junger Leuteaus verschiedenen Ländern, in Jahren, da dieSeele alles mit Liebe erfaßt, da Jünglinge denLehrer nicht ohne Begeisterung ansehen, hörtenihre Stimme und trugen ihr Wort, jeder insein Vaterland, zu seinem Geschäfte. Jahrenach Jahren wechseln diese Zöglinge der Uni-versitäten; als Schaaren von Zugvögeln kom-men sie, rauben das Wort des Lehrers undfliegen damit in ihre Lande. Ein großes ach-tungswürdiges Publikum! das bildsamste, mir-kungsreichste, dessen die Menschheit in ihrrmjetzigen Zustande fähig ist, und welches nochlange, in immer verbesserter Gestalt, daure»

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