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Handbuch der deutschen Prosa von Gottsched bis auf die neueste Zeit : historisch geordnete Sammlung von Musterstücken aus den vorzüglichsten Prosaikern unter Berücksichtigung aller Gattungen der prosaischen Schreibart, nebst einem literarisch-ästhetischen Kommentar / von Dr. Heinrich Kurz
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689-690
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Johann Gottfried von Herder.

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hat sie sich überlebet, oder wird gemißbraucht;„was hilft dir, (ruft Horaz seinem Vaterlandezu) stolzer Pontischer Mast, was hilft dir deinevornehme Abkunft? was helfen dir die gemahl-ten Götter an deinen Wänden?" Ein müßig- 5besessener, von unsern Vorfahren träge-ererbterRuhm macht uns bald eitel und unsrer Vor-fahren unwerlh. Wer sich einbildet, von Hauseaus tapfer, edel, bieder zu sein, kann leichtvergessen, sich als einen solchen zu zeigen. Er 10versäumt »ach einem Kranze zu ringen, den ervon seinen Urahnen an schon zu besitzen glau-bet. In solchem Wahn von Vaterlands-, Re-ligions-, Geschlechts-, Ahnenstölze ging Judäa,Griechenland, Rom, ja beinah jede alte mäch- 15tige oder heilige Staatsverfaffung unter. Nichtwas das Vaterland einst war, sondern was esjetzt ist, können wir an ihm achten und lieben.

2. Dies also kann, außer unsern Kindern,Verwandten und Freunden, nur seine Einrich- 20tung, die gute Verfassung sein, in welcher wirmit dem, was uns das Liebste ist, gern undam liebsten leben mögen. Physisch preisen wirdie Lage eines Orts, der bei einer gesundenLuft unserm Körper und Gemüth wohlthut; 25moralisch schätzen wir uns in einem Staat glück-lich, in dem wir bei einer gesetzmäßigen Frei-heit und Sicherheit vor uns selbst nicht errö-then, unsere Mühe nicht verschwenden, uns unddie Unsrigen nicht verlassen sehen, sondern als 30würdige, thätige Söhne des Vaterlandes jedeunserer Pflichten ausüben und solche vom Blickeder Mutter belohnt sehen dürfen. Griechen undRömer halten Recht, daß über das Verdienst,einen solchen Bund gestiftet zu haben, oder ihn 35zu befestigen, zu erneuern, zu läutern, zu er-halten, kein anderes menschliches Verdienst gehe.

Für die gemeinschaftliche Sache nicht der Un-sern allein, sondern der Nachkommenschaft unddes gesammten, ewigen Vaterlandes der Mensch- 40heit zu denken, zu arbeiten und (großes Loos!)glücklich zu wirken: was ist hingegen ein ein-zelnes Leben, ein Tagewerk weniger Minutenund Stunden?

Jeder, der auf dem Schiff in den sluthen- 45den Wellen des Meeres ist, fühlet sich zumBeistande, zur Erhaltung und Rettung desSchiffs verbunden. Das Wort Vaterland hatdas Schiff am Ufer flott gemacht; er kann, erdarf nicht mehr (es sei denn, daß er sich hin- 50ausstürze und den wilden Wellen des Meersüberlasse) im Schiff, als wär' er am Ufer,muffig dastehen und die Wellen zählen. SeinePflicht ruft ihn (denn alle seine Gefährten undGeliebten sind mit ihm im Schiffe) daß, wenn 55ein Sturm sich empört, eine Gefahr droht, derWind sich ändert, oder ein Schiff hinanschleu-dert, sein Fahrzeug zu übersegeln, seine Pflichtruft ihn, daß Er helfe und rufe. Leise oderlaut, nachdem sein Stand ist, dem Bootsknecht, 60Steuermann oder dem Schiffer; seine Pflicht,die gesammtc Wohlfahrt des Schiffes ruft ihn-Er sichert sich nicht einzeln; er darf sich nichtin den Kahn einer erlesenen Ufergescllschaft,der ihm hier nicht zu Gebot stehet, träumen; 65er legt Hand a» das Werk, und wird wo nichtdes Schiffes Retter, so doch sein treuer Fahr-genoß und Wächter.

Woher kam es, daß manche einst hoch ver-

Kuez, Pros. Lit.

ehrte Stände allmählich in Verachtung, inSchmach versanken und noch versinken? Weilkeiner derselben sich der gemeinen Sache annahm,weil jeder als ein begünstigter Eigenthums - oderEhrenstand lebte; sie schliefen im Ungewitterruhig wie Jonas, und das Loos traf sie wieJonas. O daß die Menschen bei sehenden Au-gen an keine Nemesis glauben! An jeder ver-letzten oder vernachläßjgten Pflicht hängt nichteben eine willkührliche, sondern die nothwendigeStrafe, die sich von Geschlecht zu Geschlechthäufet. Ist die Sache des Vaterlandes heiligund ewig; so büßet sich seiner Natur nach jedesBersäumniß derselben, und häuft die Rache mitjedem verdorbncren Geschäft oder Geschlechte.Nicht zu grübeln hast du über dein Vaterland:denn du wärest nicht sein Schöpfer; aber mit-helfen mußt du ihm, wo und wie du kannst,ermuntern, retten, bessern, und wenn du dieGans des Kapitoliums wärest.

3. Sollte uns also nicht, eben im Sinneder Alten, die Stimme jedes Bürgers, gesetztdaß sie auch gedruckt erschiene, als eine Vater-landsfreiheit, als ein heiliges Scherbengerichtgelten? Der Arme konnte vielleicht nichts thun,als schreiben, sonst hätte er wahrscheinlich etwasBesseres gethan; wollet ihr dem Seufzendenseinen Athem, der ins wüste Leere hinausgeht,rauben? Noch werther aber sind dem Verstän-digen die Winke und Blicke Derer, die weitersehen. Sie muntern auf, wenn alles schläft:sie seufzen vielleicht, wenn alles tanzet. Abersie seufzen nicht nur; in einfachern Gleichungenzeigen sie, vermöge einer unzweifelhaften Kunst,höhere Resultate. Wollet ihr sie zum Schweigenbringen, weil ihr blos nach der gemeinen Arith-metik rechnet? Sie schweigen leicht, und rech-nen weiter; das Vaterland aber zählte auf diesestillen Rechner. Ein Vorschritt, den sie glücklichangaben, ist mehr als zehntausend Ceremonienund Lobsprüche werth.

Sollte unser Vaterland dieser Rechenkunstnicht bedürfen? Sey Deutschland tapfer undehrlich; tapfer und ehrlich ließ es sich einst nachSpanien und Afrika, nach Gallien und England,nach Italien, Sicilien, Creta, Griechenland,Palästina führen; unsre tapfern und ehrlichenVorfahren bluteten da, — und sind begraben.Tapfer und ehrlich liessen die Deutschen inner-halb und ausserhalb ihrem Vaterlande sich, wiedie Geschichte zeigt, dingen gegen einander; derFreund stritt gegen den Freund, der Brudergegen den Bruder; das Vaterland ward zerrüttetund blieb verwaiset. Sollte also ausser derTapfer - und Ehrlichkeit unserm Varerlandenicht noch etwas anders noth sein? Licht Auf-klärung, Gemeinsinn; edler Stolz, sich nichtvon andern einrichten zu lassen, sondern sichselbst einzurichten, wie andre Nationen es vonjeher thaten; Deutsche zu seyn auf eignem wohl-beschützten Grund und Boden.

4- Der Ruhm eines Vaterlandes kann zuunsrer Zeit schwerlich mehr jener wilde Ero-berungsgeist seyn, der hie Geschichte Roms undder Barbaren, ja mancher stolzen Monarchieenwie ein böser Dämon dubchstürmte. Was wärees für eine Mutter, die (eine zweite ärgereMedea) ihre Kinder aufopferte, um fremdeKinder als Sklaven zu erbeuten, die ihren eig-